Druckversion von "«Zuverlässigster Standort»" auf webjournal.ch


Artikel vom 11.05.2007

Basel - Wirtschaft

Mit Fotostrecke

«Zuverlässigster Standort»

400 Millionen Schweizer Franken investiert und 170 neue, wunderschöne Arbeitsplätze geschaffen hat Roche für das am Freitag, 11. Mai 2007, in Basel eingeweihte Biotechnologie-Produktionszentrum

Von Jürg-Peter Lienhard



Nein, es sind keine Marsmenschen, und sie kommen auch nicht von hinter dem Mond: Bundesrat Pascal Couchepin, Regierungsrätin Barbara Schneider, Roche-Verwaltungsratspräsident Franz Humer und «Hausherr» der neuen Anlage, Erich Hochuli, (von links) beim «Händchenhalten» vor dem «grossen Augenblick». Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Für den Standort des neuen Biotechnologie-Produktionszentrums seien Irland oder Singapur in Asien zur Diskussion gestanden, aber nach Prüfung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität und unter Berücksichtigung der Qualifikation der Mitarbeiter, sei der Entscheid klar für Basel ausgefallen, sagte Franz Humer, Verwaltungsratspräsident und Geschäftsleiter von Roche an der frei gehaltenen Einweihungsrede des Bau 95 an der Grenzacherstrasse.




Der Werkstoff Glas ist aufgrund modernster Herstellungstechniken nicht mehr à priori Energiervernichter: Komplett gläserne Fassade am Bau 95, dem Biotech-Neubau.

Wenngleich in der Pressedokumentation ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass allein das gesprochene Wort gelte, und Humer hielt sich überhaupt nicht an das Manuskript, ist es mit Blick auf den Standort Basel doch nicht ganz unerheblich, was in der schriftlich abgefassten Rede des - österreichischen - Roche-Kapitäns wörtlich steht:

«Wenn ein Standort wie Basel wächst, ist das immer auch Ausdruck des Vertrauens in die Leistung der Mitarbeitenden. Die Innovationsstrategie von Roche erfordert ein grosses Spezialwissen, und hier in der Schweiz haben wir diese Erfahrung und Expertise auf Weltklasse-Niveau. Mithin ist unser Entscheid auch ein klarer Vertrauensbeweis in die Qualifikation, das Know-how und die Kompetenz der Mitarbeitenden. Er ist zweifellos auch ein Bekenntnis zu Basel und zum Denk- und Werkplatz Schweiz, den wissenschaftlichen Einrichtungen, Forschungsinstitutionen und Universitäten des Landes.»

Mit anderen Worten: Wer bei Roche arbeitet, verdient nicht nur gut, sondern verdient es auch, gut zu verdienen… Immerhin sah man auf dem doch recht umständlich weiten Anmarschweg durch das total nach Aussen abgeschirmte Werksgelände kaum ein blaues Überkleid, und das Gelände ist trotz Röhrengewirr und emsiger Bewegungen von Fahrzeugen und Menschen aufgeräumt, ganz anders, als in den meist elenden Chemiebuden im Elsass und weiter innen in Frankreich…



Der Österreicher Franz Humer lobt die Qualität der Schweizer Werkätigen, zumal jener von Roche Basel…


Dazu passt natürlich, dass der 400 Millionen Franken teure neue Bau 95 äusserlich überhaupt nicht an ein Fabrikationsgebäude gemahnt - er könnte geradesogut eine Bank oder ein Versicherung beherbergen: Rundum verglast, spiegeln sich in seinen Scheiben die Wolken, die Sonne und das Leben darumherum, als seien die Fassaden riesige Fernsehbildschirme. Traditionell hat ja Roche seine Fabriken stets architektonisch gestalten lassen von renommierten Architekten wie Otto Salvisberg oder Roland Rohn und jetzt Bau 95 von Herzog & De Meuron.

An der Führung durch das achtstöckige Gebäude bekam man zudem den Eindruck, dass die darin neu geschaffenen 170 Arbeitsplätze mit zur Hauptsache aus der Region rekrutierten Mitarbeitern, eine Qualität bieten, die das Arbeiten wohl zum Vergnügen machen. Angefangen vom Pausenraum im siebten Stock, welcher eine traumhafte Aussicht über Basel, und nicht nur über das Fabrikationsgelände, bietet und von wo herunter man staunend feststellt, wieviel Grün doch bei Roche angesiedelt ist. Die Föhnlage an der Eröffnungsbesichtigung liess den Blick bis zu den Vogesen und zum Schwarzwald zu.

Ins Auge stechen jeweils auf den Etagen der für den «Publikumsverkehr» reservierten Aussenkorridore die grossen LCD- oder Plasma-Bildschirme, auf denen sich «Kunst am Bau» abspielt: Jeder Bildschirm spielt jeweils ein anderes «Programm», farbige, bizarre Bildabläufe, die an Molekül-Simulationen gemahnen. Die Bildschirme sind unübersehbar, manchmal drei bis vier pro Etage. Der Fussboden ist jeweils blau angemalt - der Logo-Farbe von Roche -, was einem das Gefühl vermittelt, man befinde sich im Hallenbad…

Aber was wird denn eigentlich in diesem «Glashaus» produziert? Es sind die Grundstoffe für das Krebsmedikament «Avastin», das hier für den europäischen Gesundheitsmarkt hergestellt wird (Roche-Partnerfirmen produzieren in anderen Kontinenten). Roche-Präsident Franz Humer sagte, dass noch immer «jeder Zweite» an Krebs stürbe, dieser Geissel des Menschenlebens. Und noch immer sind die Mittel zu deren Bekämpfung beschränkt. Eine grosse Hoffnung ist die Biotechnik, wie sie zur Herstellung von Avastin, zur Anwendung kommt. Die Medizin und Patienten erwarten viel von diesem Mittel, das zumal bei jungen Patienten das Leben verlängern und allen Krebskranken die Krankheit erträglicher machen soll.

Die Grundstoffe, aus denen das Medikament gewonnen wird, sind «tierisch», erzeugt durch Bakterienstämme, die ursprünglich von Hamstern stammen. Die Bakterien stellen in gut fünf Meter hohen Fermentierungs-Kesseln ein Produkt her auf die gleiche Weise wie die Gärungsbakterien bei der Bierproduktion. «Nährstoffe» der Bakterien sind denn auch Zucker, Salz und Wasser. Aber Bakterien «verdauen» langsam, so dass der Prozess bis zum brauchbaren Produkt jeweils mehrere Wochen in Anspruch nimmt.

Bis jedoch Avastin aus Basel endlich den Weg zu den Patienten finden kann, wird es voraussichtlich noch mindestens zwei Jahre dauern. So viel Zeit brauchen die Zulassungsprüfungen, die die Reinheit und die Zuverlässigkeit der Produktionseinrichtungen ermitteln und die strengen Sicherheitsansprüche zu erfüllen haben. Franz Humer und seine «Rochianer» jedenfalls lassen daran keinen Zweifel, dass das ehrgeizige und von vielen Krebspatienten ungeduldig erwartete Ziel problemlos erreicht werden kann.


Fotoreportage J.-P. Lienhard, Basel © 2007



«Clean» müssen Medikamenten-Produktionsstätten sein. Darum sind im Bau 95 die Fermentierungs-Anlagen von den «Publikumskorridoren» durch Glaswände streng getrennt.




Ingenieure von Chemie-Anlagen haben stets auch einen ästhetischen Stolz: Schöne Installation, fotografiert durch die Glaswand, in der sich die Pressevertreter spiegeln.




Blick vom Pausenraum im 7. Stock auf die Salvisberg-Gebäude im Roche-Areal und auf die Jura-Ausläufer im Hintergrund.




Und da noch ein Blick westwärts über Basel und in den spröden Pausenraum, der doch eher ein Pausen-Korridor ist - aber immerhin ist jedes dieser Zweiertischchen ein Fensterplatz.




Das nennt sich «Kunst am Bau»: Buntes Videogeflimmer, das nie dieselbe Sequenz generieren soll - auch in zehn Jahren nicht… Installationen der in Basel lebenden Künstlerin Maya Vonmoos.




…zum Beispiel ein solches veyelettes Motiv, das vielleicht einen Röntgen-Scan eines Schädels darstellen mag.




In einem «Clean»-Gebäude sind Ratten kaum wahrscheinlich, aber die in allen Roche-Gebäuden gültige Vorschrift will, dass auch im Bau 95 entsprechend präparierte «Willkommens»-Häppchen für den Fall der Fälle ungebetenen Gästen vom nahen Rhein den Garaus machen.




Ja, und dann erfolgte an der Einweihung der gemeinsame «Knopfdruck», womit die «Marsmenschen» den ersten Produktionsprozess in Gang setzten - hinter antiseptischer Glasbarrikade.




Und wenig später, als sie sich des «Raumfahrerkostüms» entledigt hatten, nahmen sie Platz unter den zahleichen Gästen aus Behörden, Wissenschaft und Medien: Ganz links Barbara Schneider und Pascal Couchepin, ganz rechts Franz Humer und in der Mitte ein Mitglied eines Basler Fussballclubs sowie der Vertreter der Familie, die die Aktienmehrheit an der Roche besitzt, Andreas Oeri.




Im Mai lächeln eben die Maikäfer, und ich lächelte bei dieser Aufnahme, weil ich mit dem Linken links 1969 gemeinsam auf den Tramschienen sass…



Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://www.google.ch/search?num=30&hl=de&q=webjournal.ch+%2Broche&btnG=Suche&meta=

http://www.webjournal.ch/uploads/pdf/1178900305.pdf

http://www.webjournal.ch/uploads/pdf/1178901103.pdf

http://www.webjournal.ch/uploads/pdf/1178974639.pdf



Druckversion erzeugt am 22.09.2019 um 07:37