Druckversion von "Mit Volldampf ins Ecomusée" auf webjournal.ch


Artikel vom 20.04.2006

Elsass - Kultur

Toller Tip fürs Wochenende

Mit Volldampf ins Ecomusée

Aussergewöhnliches Wochenende vom 22. und 23. April 2006 im elsässischen Freilichtmuseum: Dampf-Eisenbahn-Nostalgie und internationales Ochsengespann-Treffen

Von Jürg-Peter Lienhard



Ein hübsches Zweiergespann: Die «020 Fives Lille n° 4353» der «Henschel 020» vorgespannt am Bahnhof von Volgelsheim bei Neu-Breisach. Die 020 fährt am 22./23. April 2006 ins Ecomusée d‘Alsace (11 bis 17 Uhr) und von dort in die Kalimine «Rodolphe», der industriehistorischen Abteilung des Museums. Foto: CFTR Volgelsheim (siehe Link am Schluss).



UNGERSHEIM (ELSASS).- Wo beginnen, wo doch Ochsen und Dampflokis gleichermassen interessant sind? Und zudem: Sie haben beide eines gemeinsam, obwohl der Ochs aus Fleisch und Blut, die Dampflokomotive aber aus Eisen und Dampf und Rauch besteht. Es sind nämlich beides Arbeitstiere, die die Menschheitsentwicklung mitbestimmten oder genauer: erst ermöglichten. Das Ecomusée d‘Alsace gibt am kommenden Wochenende vom 22. bis 23. April 2006 Einblicke in die Entwicklung der Zugkräfte vom Ochsen bis zur Dampflokomotive.

Was eine Dampflokomotive ist, wissen wohl noch fast alle. Was sich hingegen hinter einem Ochsengespann verbirgt, gehört kaum mehr zum Erinnerungsschatz der abendländischen Bevölkerung. Dabei wäre ohne die Arbeitskraft der Ochsen auch der Siegeszug der Eisenbahn nie möglich geworden…

Um den Ochsen zirkulieren die schrillsten Vorurteile und Missverständnisse, dabei ist dieses Tier hochsensibel und eigentlich das am längsten von der Menschheit missbrauchte Lebewesen: Der Ochse und das Ochsengespann dient als Metapher schon in der Bibel, zumal das Joch, worunter diese «entmannten» männlichen Rinder seit Jahrtausenden gezwungen, stets als Bild von Unfreiheit gilt.



Ochsengespann unter dem Joch während ihrer Schwerstarbeit beim Eisenbahnbau.



Der grosse französische Populär-Romancier Alexandre Dumas père («Der Graf von Monte Christo»/«Die drei Musketiere») erklärte in seinem Reisetagebuch aus dem Kaukasus die geschlechtliche Situation des Ochsen jugendfrei so: «Der Stier ist der Vater, und der Ochse der Onkel»…

Immerhin werden dem Jungstier vor seiner Geschlechtsreife dessen Hoden ziemlich grausam entfernt, was ein enormer Eingriff in die Wesensentwicklung des Tieres ist: Das hormonelle Manko unterbindet den Geschlechtstrieb und dadurch auch die männliche Persönlichkeitsentfaltung, die den Stier zu einem eigenständigen Vorstand einer Rinderherde macht, also der Eindringlinge zu verjagen imstande ist, seine Kühe beschützen will und daher auch unzähmbar ist und somit gefährlich werden kann.

Durch das «Galzen», der alemannisch geheissenen Entfernung der Hoden (auch ein in der Geschichte der Homosexualität bekannter Ausdruck; s. Wikipedia), wird das Tier «lammfromm», zähm- und unterwerfbar. Die Muskelreflexe vermindern sich, wodurch die Bewegungen, zumal die Fortbewegung, sehr träge werden, also vom Menschen besser «gehandhabt» werden können.

Das ganze Wesen verändert sich komplett zu einem Schatten seines ursprünglichen Charakters, doch gleichzeitig gewinnt das Tier an Empfindsamkeit - etwa ähnlich den menschlichen Kastraten, wie das beispielsweise bei den Eunuchen am chinesischen kaiserlichen Hof überliefert ist.



Grössenvergleich zwischen Treiber und Ochse - hier im Ecomusée d'Alsace: Das Tier hat enorme Kraft, ist aber gewöhnlich «lammfromm». Foto: Jean-Marc Hédouin, Colmar © 2006



Während die Menschheit den Ochsen in der Bibel und in Sprichwörtern verlacht, verhöhnt und ihn unter Menschen als Metapher zur Erniedrigung von Menschen gebraucht, hat dieses äusserst genügsame Tier während Jahrtausenden seinen grausamen Herren die allerschwerste Arbeit abgenommen, zu der sie als Strafe für den paradiesischen Sündenfall verdammt waren und immer noch sind. Denn nie hat es die Menschheit geschafft, sich dieser Verdammnis zu entziehen, sogar als sie die Dampfmaschine erfand - und erst recht nicht, mit der Erfindung des Computers…

Das «Ochsen-Wochenende» im Ecomusée d‘Alsace ist Anlass zu solchen Gedanken und vielleicht auch Einsichten. Und eine Gelegenheit zu einer «Hommage» an diesen tierischen Sklaven, diesem unterjochten Tier! Das übrigens mit der Erfindung der Dampfkraft wenigstens in unseren Breitengraden vom menschlichen Joch befreit worden war - nicht aber vom Metzger… Immerhin wurde der Ochse bei uns in der Regel gut behandelt, so gut wie der Range-Rover des modernen Bauern, der seinen Traktor eben gut pflegt, damit er ihm lange und klaglos seinen Dienst erfüllt…

Zurück aber zu den Tatsachen: Noch bis weit über die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinaus gab es im Elsass und im Badischen Ochsengespanne als Zugkräfte für Landarbeiten einzelner Bauern. Die Kenntnisse für das Abrichten und die Dressur von Ochsen in unserer Region sind darum nicht verloren gegangen, ja es gibt eine ganze Reihe von Hobby-Ochsenführern, die diese Tradition wachhalten.



Ein Ochsengespann unter dem Joch im Ecomusée d'Alsace und auf dem Weg vom Wald zur Sägemühle. Foto: Jean-Marc Hédouin, Colmar © 2006



Weil das elsässische Freilichtmuseum Ecomusée d‘Alsace eben auch Haustiere hält, zumal von aussterbenden oder «minder-ertragfreichen» Rassen, gibt es in diesem Memopark eben auch ein Ochsengespann. Es wird vom elsässischen Ochsenmeister Philippe Kuhlmann «getrieben», und die beiden schwarzweiss gefleckten Mitglieder des Gespanns heissen Pomé und Ramé. Diese Namen zu erwähnen, ist wichtig, denn die beiden Tiere hören auf sie und folgen den sogar leisest geflüsterten Befehlen Kuhlmanns aufs Wort.

Die sachte Führung der Ochsen durch den Treiber wird einesteils eben durch den Wesenszustand der kastrierten Tiere begünstigt, andererseits aber auch, weil die Kastration eine Dressur ermöglich, die um so wirkungsvoller ist, je einfühlsamer der Treiber sie handhabt.

Kuhlmann stammt aus der welschen Enklave in den elsässischen Vogesen, wo die Ochsentreiberei noch gut verwurzelt ist. Darum sind seine fast geflüsterten Befehle in der Sprache des patois gehalten, die zweibeinige Hornochsen nicht, aber Pomé und Ramé sehr gut verstehen: Marsch!, Halt!, Vorwärts! und - das wirkt stets eindrücklich - Rückwärts!



Wunderschönes Bild aus dem Ecomusée d'Alsace während den Ernte-Demonstrationen - allerdings ist hier nur ein Ochse eingespannt. Foto: Jean-Marc Hédouin, Colmar © 2006



Internationales Treffen der Ochsengespanne

Am Wochenende vom 22./23. April 2006 treffen sich nun im elsässischen Freilichtmuseum zwölf Ochsengespanne aus Frankreich, Belgien und Deutschland, um während diesen zwei Tagen gemeinsam zu arbeiten, Erfahrungen auszutauschen und ihre Lieblinge dem Publikum vorzuführen.

Dabei darf das Publikum erleben, dass man Ochsen und Pferde zusammen anspannen kann. Und dem Publikum wird auch vorgeführt, weswegen das deutsche Kummet gegenüber denen aus dem Elsass und der Comté besondere Vorteile hat. (In der Schweiz sagt man übrigens dem gepolsterten Bügel um den Hals der Zugtiere der Kummet.)

Die Arbeit der Ochsentreiber geschieht vor dem Publikum und findet seinen Höhepunkt jeweils am Samstag und Sonntag ab 14.30 Uhr mit der «Rinderparade» sowie ganztägig am Sonntag bei der Feldarbeit.



Pferdegespanne sind flexibler als Ochsengespanne, weshalb sie seit dem Mittelalter letztere zu verdrängen begannen. Bild: Ernte-Demonstration auf den Musterfeldern des Ecomusé. Foto: Jean-Marc Hédouin, Colmar © 2006



Was es über das Joch zu sagen gibt

Im deutschen Wikipedia sind folgende Eintragungen zum Thema Joch zu finden:

Das Joch ist die älteste Form der Anspannung von Zugtieren vor den Pflug, die Schleife, den Schlitten, den Karren oder den Wagen. Es wird bereits um 3.500 v. Chr. abgebildet und war zu dieser Zeit bereits zwei Jahrtausende bekannt. Das Wort Joch ist in fast allen indoeuropäischen Sprachen verbreitet. Ovid schreibt über das «silberne Zeitalter»: Damals wurden zum ersten Mal die Samen der Ceres (Cerealien) von langen Furchen erdrückt und die jungen Stiere stöhnten, weil sie durch das Joch niedergedrückt worden waren. Dies zeigt, dass Ovid keine wirklichen Kenntnisse besass, da nur Kühe oder Ochsen ins Joch genommen wurden.

Mit dem Joch können nur Rinder angespannt werden, da es mit dem Kopf verbunden oder an den Hörnern festgemacht wurde. Dies geschah zunächst nur paarweise. Meist wurden Ochsen verwendet, aber bis in die 1950er Jahre wurden in Deutschland auch Kühe (Glanrind) vor Wagen (Fahrkuh) gespannt. Seit dem Mittelalter hat das Kumt und damit das Pferd die Rinder als Zugtiere weitgehend verdrängt.



Der Kummet (deutschschweizerisch) oder das Kummet (deutsch-deutsch), wie er/es für Pferde als Zugtier noch heute verwendet wird.



Das «modernere» Zugtier: die Dampfloki




Die «020 Fives Lille n° 4353» von der Dollerbahn Volgelheim–Marckolsheim vor dem Hangar des Eisenbahn-Vereins «Chemin de Fer Touristique du Rhin» in Volgeslheim. Dieses herzige Pfupferli ist nun erstmals im Ecomusée d'Alsace für ein einziges Wochenende zu Gast. Lokomotiven-Fotos: CFTR (siehe Link am Schluss).



Wie erwähnt, ist es die Dampflokomotive, die den Ochsen vom Joch (nicht aber vom Metzger) befreit hat… Und auch die Zeit der Dampfloks ist scheinbar vorbei, wenigstens in unseren Breitengraden, obwohl gerade hierzulande wieder neue Dampflokomotiven mit sauberer Öko-Heizöltechnik gebaut werden - nämlich von der Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM AG in CH-8352 Räterschen (siehe Link am Schluss).

Was aber am Wochenende des 22./23. April 2006 im elsässischen Freilichtmuseum Ecomusée d‘Alsace geschieht, lässt wohl sicher nicht nur bei Dampfeisenbahn-Freaks den Puls ansteigen: Die Besucher des Memoparks dürfen kostenlos eine rund vier Kilometer lange Fahrt auf dem historischen Dampfross «020 Fives Lille n° 4353» vom alten Bahnhof Bollweiler (1843) im Ecomusée-Dorf nach der Kalimine «Rodolphe», der industriegeschichtlichen Abteilung, unternehmen. Die dampfende und rauchende Fahrt dauert bei einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h über eine Viertelstunde - mehr ist aus dem feuerspeienden Foto-Objekt nicht herauszubringen…

Der Dampf-Besuch ist einmalig, wird doch die dem Ecomusée gehörende Zugskomposition, bestehend aus zwei akribisch restaurierten Panorama-Waggons aus dem Jahre 1933, für gewöhnlich mit einer Diesellok der früheren Kalibergbau-Gesellschaft gezogen - auch gewissermassen im Schrittempo… Die sehr hübsch restaurierte Dampflok «Fives Lille» gehört dem Eisenbahn-Nostalgie-Verein von Volgelsheim bei Neu-Breisach, der «Association du Chemin de Fer du Rhin» - einem Zusammenschluss von drei Vereinen, die sich vor allem den Fahrzeugen der ehemaligen Dollerbahn widmen.



Die «020 Fives Lille n° 4353» an der Einweihungsfahrt 1923 - beflaggt mit der Trikolore und der Fahne Vorderösterreichs sowie «gesandwicht» von zwei «Elefantenohren»-Trachtenmädchen. Foto CFTR.



Aus Anlass dieses Dampfross-Besuchs zeigt das Ecomusée d‘Alsace im Museums-Bahnhof eine Ausstellung über die auch im Elsass eifrig betriebenen ehrenamtlichen Unternehmungen zum Erhalt des Eisenbahn-Erbes. Der Museums-Bahnhof ist der ehemalige Bahnhof von Bollweiler, der wegen der Verbreiterung des Trassees für den künftigen TGV abgerissen und Stein um Stein im Ecomusée wieder aufgebaut worden war. Er ist historisch auch darum interessant, weil er der erste gebaute Bahnhof an der Strecke der ersten internationalen Eisenbahnlinie des Kontinentes, nämlich Strassburg–Basel im Jahr 1843, gewesen war.



Der im Ecomusée wiederaufgebaute Bahnhof Bollweiler im Hintergrund - Start der rüttelnden Nostalgie-Eisenbahnfahrt in die Kalimine «Rodolphe». Im Vordergrund ein Wasserpavillon aus einem Park der Mülhauser Textilbarone. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2006




Endstation Mine «Rodolphe» - hier die hisotirsche Zugskomposition mit einem restaurierten Panorama-Waggon von 1933 - allerdings mit einer vorgespannten Diesellok.


Die kostenlosen Fahrten am Wochenende vom 22./23. April 2006 mit der historischen Zugskomposition per Dampflok finden an beiden Tagen zwischen 11 bis 17 Uhr statt. Ausserdem gibt es für Kinder eine spezielle Animation.




Die «020 Fives Lille n° 4353»

Die «020 Fives» bei der Vollrestauration im Volgelsheimer Hangar. Diese kleine zweiachsige Lokomotive, Baujahr 1923, hat eine Maximalgeschwindigkeit von lediglich 30 km/h. Sie wiegt 18 Tonnen leer und 22 Tonnen beladen, wobei sie dann 500 Kilo Kohlen und zwei Kubikmeter Wasser mitführt. Der Dampfdruck ist auf 12 bar fixiert. Die Leistung beträgt 300 PS. Sie wird zur Schonung nur noch wenig in Betrieb genommen. Darum ist ihr «Aufkreuzen» im Ecomusée d‘Alsace eine seltene Gelegenheit, sie bei der Arbeit zu erleben. Foto: CFTR.


Saison-Beginn zu ermässigtem Eintrittspreis

• Eintrittskarte für Erwachsene 9,50 €
• Kinder von 6 bis 16 Jahren 6,50 €
• Eine Familienkarte für 2 Erwachsene mit bis zu 5 Kindern unter 16 Jahren kostet nur zu 22 €.

• Sonderticket zum «Schnuppern» ab 15 Uhr:
Einzelkarte Erwachsene 6,50 €, Kinder 5,50 €

Öffnungszeiten und Kontakt

Das Ecomusée d’Alsace ist täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr
Telefon 0033 3 89 74 44 74
e-mail: contact@ecomusee-alsace.fr

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://66.249.93.104/search?q=cache:mogA0lXOIAwJ:tvnp.rail-france.org/mach_020.html+020+Fives+Lille+n%C2%B0+4353&hl=de&gl=ch&ct=clnk&cd=1

http://cftr.evolutive.org/index.html

http://www.ecomusee-alsace.fr

http://www.dlm-ag.ch/



Druckversion erzeugt am 22.09.2019 um 07:37