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Artikel vom 18.03.2006

Mit Stumm unterwegs

Mozart klein und fein

«Die Entführung» im «Neuen Theater am Bahnhof» in Dornach - überraschender Höhepunkt der Saison und triftiger Tip für Opern-Liebhaber

Von Reinhardt Stumm



Probenaufnahmen und Ensemblemitglieder «Entführung aus dem Serail».



Fünf Jahre Neues Theater am Bahnhof in Dornach – und ein kleiner Seitenhieb in der Inszenierung der «Entführung aus dem Serail»: Der eingeschmuggelte falsche Baumeister Belmonte wird mitten in der Aufführung gefragt, was er vorn auf der Bühne mit der Messlatte macht. «Fünf neue Blocks müssen hier hin!»

Mit der «Entführung» feiert das kleine Theater am Bahnhof in Dornach seinen fünften Geburtstag. Und wer (wie ich) aus alter Anhänglichkeit und mit einem leisen Schmunzeln nach Dornach tigert (also gut, «Die Entführung aus denm Serail» in einem alten Kino, wahrscheinlich mit zwei alten Plattenspielern und einer modernsten, geliehenen Musikanlage und so weiter...), wer also, so etwas erwartend, nach Dornach pilgerte und sich auf ein paar alte Freunde freute, musste seine Hochnäsigkeit ja schon etwas dämpfen, auch wenn gerade die Einladung zur Turandot-Premiere ins Opernhaus Zürich gekommen war («Premiere am 9. April, Kartenpreis 270 Franken, bei Fragen betreffend Zahlungsmodalitäten bitten wir Sie, unseren Leiter Billettkasse zu kontaktieren, Telefon usw.»). Und jetzt kommen wir ins Theater am Bahnhof. Unten rechts, neben und vor der Bühne ein Flügel, von dem aus Bruno Leuschner die Mitglieder des Ensemble Musici Volanti leitet – sie fliegen aber nicht, sie sitzen brav da, zwei Violinen, Violoncello und Kontrabass, Bratsche und Oboe. Voila! Das Orchester! Die hinter mir sitzenden Kenner konnten sich am Ende nicht genug tun vor Begeisterung – es war Mozart!

Ich verstehe nichts von Oper, ich will auch gar nicht so tun. Urteilskriterien stehen mir nicht zu Gebote, Fachjargon kenne ich nur aus Theaterwitzen. Aber ich bin neugierig, und ich war oft genug im Theater, um die richtige Luft zu wittern. Die weht hier. Georg Darvas führte Regie, das Bühnenbild ist von Ilja van der Linden, und mich vergnügt, auf der Bühne wiederzufinden, was ich aus Frankreich kenne: Das Wellblechzeitalter. Ganze Vorstädte, ganze Supermarktquartiere werden daraus errichtet – warum nicht Bassa Selims Palast? Osmins Herrschaftsbereich, und der fühlt sich da wohl. Was für ein schrecklicher Mensch (Daniel Reumiller), was für eine Stimme und wieviel erdrückende Kraft. Man klingelt, schon steht er mit dem Dolche da. Man ist lieb und nett und will die Blumen giessen, schon wird Pedrillo (Mathias Reusser) mit dem Gartenschlauch gefesselt. Die Damen haben es auch nicht leicht, jeder kennt die Geschichten, Bassa Selim (doppelt besetzt – jetzt noch Oswald Fuchs, ab April dann H.-D. Jendreyko) will Konstanze (Seongmi Kim Blank) für sich, Osmin die kesse Blonde (Vera Kalberguenova) – die Namensliste zeigt, dass wir für echt internationale Besetzungen nicht nach Zürich auswandern müssen.

An welchem Punkt der Entwicklung wir uns musikgeschichtlich befinden, erklärt Georg Darvas im Programmheft sehr schön: «Eine stilistische Schwierigkeit, die sich bei der "Entführung" zeigt, ist das Aufeinandertreffen von Elementen der Opera Seria (ernste Oper) und der Opera Buffa (Komische Oper). Sind Belmonte und Konstanze "die grossen lyrischen Liebenden", ja Konstanze in ihrer "Marter Arie" (2.Akt) sogar eine Heroine (Heldin), so finden wir bei Osmin, Pedrillo und Blonde musikalisch einen buffonesk-dramatischen Ausdruck. Dennoch schreibt Mozart für Osmin im ersten Akt eine wunderbare Arie, die in der Gleichförmigkeit der Strophen Liedcharakter erhält. Ähnliches gilt für Pedrillo mit seiner Romanze im 3. Akt.»

Oh glücklich, wer durch euch belehrt!

Der Schluss muss ein kleines bisschen traurig machen. Dafür kann das Theater nichts, dafür kann niemand was – ausser den Zeitläuften. Wenn der arme, verängstigte Belmonte (William Lombardi) vor Bassa Selim knieend um Gnade fleht, um sein Leben fürchtet, fürchten wir mit ihm – um dann zu staunen und uns dann natürlich sofort an Lessings «Nathan» zu erinnern, dessen Wirkung damals, als er (zwei Jahre nach Lessings Tod) aufs Theater kam (1783), wir nur noch ahnen können. Aber dann – Lexikon, wann war was? Welche Überraschung: Die Uraufführung der «Entführung» war 1782! Ein Jahr vor dem Nathan! Bassa Selims Rede war wirklich seine Rede, nicht Lessings.

Aber weshalb traurig? Weil wir zweihundert Jahre später, zweihundert Jahre nach Lessing und Mozart, zweihundert Jahre nach dem Zeitalter, das Aufklärung hiess, in dem die Menschenrechte formuliert (französische Revolution 1789) und die Vereinigten Staaten sich eine demokratische Verfassung gaben – weil uns Bassa Selims Rede zweihundert Jahre später nicht etwa längst als selbstverständlich erscheint, sondern als wünschenswert für die Zukunft:

Nichts ist so hässlich als die Rache.
Hingegen menschlich, gütig sein,
Und ohne Eigennutz verzeihen,
Ist nur der grossen Seelen Sache.


Dass ein so geartetes Singspiel dann auch noch «komisches Singspiel» heisst, wäre ein Thema für einen Maturaufsatz. Offenbar hatte Komik damals doch noch eine etwas weiter gefasste Bedeutung…


Nächste Vorstellungen:

Sonntag, 19. März 2006 - 16 Uhr
Donnerstag, 23. März 2006 - 19.30 Uhr
Samstag, 25. März 2006 - 20 Uhr
Freitag, 31. März 2006 - 19.30 Uhr
Sonntag, 2. April 2006 - 16 Uhr
Samstag, 15. April 2006 - 20 Uhr
Oster-Montag, 17. April 2006 - 16 Uhr
Samstag, 22. April 2006 - 20 Uhr
Freitag, 28. April 2006 - 19.30 Uhr
Sonntag, 30. April 2006 - 16 Uhr
Donnerstag, 4. Mai 2006 - 19.30 Uhr
Samstag, 6. Mai 2006 - 20 Uhr
Dienstag, 9. Mai 2006 - 19.30 Uhr
Mittwoch, 14. Juni 2006 - 20 Uhr, GASTPIEL IN KLEINLÜTZEL im Rahmen der «Kulturtage Schwarzbubenland»

Von Reinhardt Stumm

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