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Artikel vom 06.03.2006

Basel - Allgemeines

AKTUALISIERT MIT BVB-ANTWORT

Infopanne oder Internet-Schlafmützen?

Der grosse Schnee vom Wochenende vom 4./5. März 2006 in Basel legte offen, dass im Falle eines Grossereignisses erhebliche Informationslücken bestehen

Von Jürg-Peter Lienhard



Schöne neue Internetseite der BVB, aber nicht das primär gepflegte Informationsmittel bei grösseren Ereignissen.



BASEL. red.- Die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) haben sich während des Schnee-Chaos sehr schwer mit der Information für das Publikum getan. Der Verdacht liegt nahe, dass an einem Sonntag die entsprechenden Beamten zu Hause im Warmen, Trockenen oder gar in der Beiz sitzen. Auf jeden Fall blieb die Internet-Seite der BVB am Sonntag, 5. März 2006, von Seiten der BVB völlig unbeachtet! Aber auch Fluggäste auf dem Euro-Airport Basel-Mulhouse konnten sich nirgends erkundigen, welche Flüge nun abgesagt oder welche Ausweichdestinationen möglich sind.

Wo sucht der moderne Mensch Informationen in so Sonderfällen wie dem grossen Schneefall vom 4./5. März 2006, wenns um den öffentlichen Verkehr geht? Auf dem Internet selbstverständlich, denn alle Schalter der BVB sind an einem Sonntag geschlossen - ebenso die Telefonzentrale.

Noch bis vor kurzem gabs die Internetseite der BVB gar nicht, dh. sie hiess nicht www.bvb.ch, weil diese Adresse vom Basler Volkswirtschaftsbund gemietet worden war. Erst seit wenigen Monaten hat sich die BVB mit dem Basler Volkswirtschaftsbund über die Abtretung der URL einigen können, so dass nun die logische Adresse der BVB eben www.bvb.ch heisst.

Doch die Internetseite der BVB ist noch lange nicht derart professionell, wie sie sein müsste - wohl, weil die BVB-Oberen die Potenz des Internets verkennen - aus Altersgründen zumal!


Auf jeden Fall müsste es bei den BVB eine Stelle geben, die aktuelle Informationen in Echtzeit aufs Netz stellt - und zwar während der ganzen Betriebsdauer - Sonn- und Feiertage inbegriffen! Das Internet ist die Infoquelle, die in Echtzeit Informationen verbreiten kann, die für viele tausend praktisch gleichzeitig zu erhalten sind. Dazu braucht es eben eine interne Info-Politik, die das sehr deutlich bekanntmacht. Zum Beispiel sollte die BVB-Internet-Adresse an und in den BVB-Trams und Bussen deutlich angebracht sein. Um diese Info-Politik auf die Beine zu stellen braucht es eben Fachleute, die es offenbar bei den BVB nicht gibt.


Auch der Flugplatz Blotzen…

Noch nicht lange ist es her, da bestand der heutige Flughafen Basel aus ein paar Baracken, und die Piste aus Gras, auf die ausgediente amerikanische Lochschienen von temporären Flugplätzen im Zweiten Weltkrieg gelegt worden waren. Der Flugplatz Blotzen, so genannt nach der elsässischen Gemeinde Blotzheim, auf deren Territorium er liegt, brauchte noch keine Infozentrale, denn nur alle paar Tage landete eine DC-3 aus europäischen Städten, die auch einen Flugplatz hatten. Und die Passagiere, die sich einen Flug leisten konnten, betrachteten diese Reiseweise sowieso als Abenteuer, wozu eben ein völlig unzuverlässiger Flugplan gehörte…

Seitdem «Blotzen» sich stolz und ziemlich hochstaplerisch zum «Euroairport Basel-Mulhouse-Freiburg» gemausert hat und von hier Hinz und Kunz nach Bang oder Bing oder Kok oder auf eine Putzfraueninsel fliegen, wird an die Fluginformation hohe Ansprüche gestellt. Diese funktioniert allerdings nur so lange, so lange der Flughafen offen ist. Wenn dann ein Schneegestöber die Flughafenverwaltung dazu zwingt, den Laden ganz dicht zu machen, weil kein Flugi auf den eingeschneiten Pisten weder landen noch starten kann, dann ists auch Essig mit der Information.




Gekappte Flughafen-Info Euroairport auf dem Internet seit Sonntag, 5. März 2006: Screenshot vom Dienstag, 7. März 2006, 15.02 Uhr…!


Dies musste ein Filmjournalist am Sonntag, 5. März 2006, erleben: Seine frisch angeheiratete Frau sollte an diesem Tag ein Flugzeug Richtung China besteigen. Das einzige, was das Ehepaar wusste, weil sie richtig vermuteten und die Nachrichten auf dem Schweizer Radio in früher Morgenstunde hörten, war, dass der Flughafen Basel-Mulhouse geschlossen sei.

Nun wollte das Ehepaar herausfinden, ob wenigstens ein Flug ab einem deutschen Hub wie München oder Frankfurt nach Peking möglich sei. Deswegen setzte sich der Journalist an seinen Compi und suchte Infos auf einer möglichen Homepage des Basler Flughafens, auf dessen Internetseite es aber nicht geschneit hatte: Aktuelle Auskünfte waren nicht drauf.

Via Telefonauskunft erhielt der Mann eine 24-Stunden-sieben-Tage-in-Betrieb-Nummer, die einfach nie abgenommen wurde. Also gabs für ihn nur noch eins: nix wie los hin nach Blotze. Dort schaufelten Equipen wie wild Schnee vom Flachdach des Flughofes, aber an keinem Schalter, weder in einem Büro noch an einer Auskunftsstelle war eine Menschenseele zu finden.

Dem Journalisten begann es zu dämmern: Wenn der Flughafen «geschlossen» ist, ist er eben geschlossen mitsamt seinen 24-Stunden-sieben-Tage-in-Betrieb-Nummern. Und wenn der Journalist inzwischen nicht gestorben ist, so dürfte er wohl auch heute noch nach einer Informationsstelle suchen, wenn die Bude in Blotzen zu ist…


Fazit: Behörden und Stellen von Betrieben mit öffentlichen Aufgaben müssten mal über die Bücher gehen und sich den zeitgenössischen Informationsmitteln annähern - vielleicht gar anpassen…

Nachdem ich am Sonntag, 5. März 2006, um exakt 15.40 Uhr eine Mail an die BVB geschickt hatte mit folgendem Inhalt, hat am Montag, 6. März 2006, um 15.37 Uhr, der Direktor der Basler Verkehrs-Betriebe, Urs Hanselmann, die mangelnde Info via Internet als «Störung» entschuldigt. Hier zuerst meine Mail, dann die Antwort der BVB:

« Hallo Pius & Co.

Jetzt habt Ihre endlich eine Internet-Seite, die man findet. Nur: darauf gibts keine Meldungen zum aktuellen Zustand der BVB wegen des Schnees, und, wie der Morgenstreich-Fahrplan eingehalten werden kann. Vielleicht müsst Ihr da noch etwas mehr Anstrengung in Sachen Aktualisierung einbringen, zumal ja ausserhalb der Bürozeiten und am Wochenende keine telefonische Auskunft möglich ist!

Dies für ein ander Mal, insbesondere dann, wenns mal wahrlich brenzlig wird!

Viele Grüsse »




Communiqué von Urs Hanselmann, Direktor der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) vom Montag, 6. März 2006, 15.37 Uhr, als Antwort auf obige Mail-Anfrage:


Die Extrafahrten zum Morgestraich konnten heute früh nach einem gestern kurzfristig angepassten Dispositiv mit Ausnahme der Bruderholzstrecke so durchgeführt werden, dass Besucher und Fasnächtler rechtzeitig in die Innerstadt gelangten. Wegen des Schnees an den Haltestellen war es allerdings nicht möglich, wie sonst am Morgestraich üblich, zusätzliche Wagen an die Tramzüge anzuhängen. Es mussten deshalb Einsatzkurse gefahren werden.

Wegen der schwierigen Betriebssituation von gestern war das Informationsbedürfnis der Fahrgäste im Hinblick auf die kommende Fasnacht gross, und die BVB-Hotline wurde gestern Nachmittag und am Abend rege benützt. Leider war es wegen einer Störung nicht möglich, aktuelle Informationen auch über das Internet zu verbreiten. Für das Fehlen dieser wichtigen Informationsquelle bitten wir die Fahrgäste um Entschuldigung.


Aktuelle Situation

An der Bruderholzstrecke, die am Mittag noch zusätzlich durch einen im Bereich Hechtliacker auf das Gleis geratenen Personenwagen blockiert wurde, wird immer noch intensiv gearbeitet, so dass die Tramlinien 15 und 16 vorläufig noch nicht über diese Strecke verkehren können. Es verkehrt ein Ersatzbus ab Heiliggeistkirche, Tellplatz und Bruderholzstrasse. Die Haltestellen Hauensteinstrasse und Hechtliacker können zur Zeit leider nicht bedient werden.

Der restliche Tramverkehr erfolgt im Allgemeinen planmässig und nach dem publizierten Fasnachtsplan.

Allerdings ist das Ein- und Aussteigen an verschiedenen Haltestellen infolge der Schneemassen immer noch erschwert. Unsere Wagenführer sind sich der Situation bewusst und bedienen diese Haltestellen mit der nötigen Vorsicht. Wir bitten die Fahrgäste ebenfalls um Vorsicht beim Ein- und Aussteigen. Auf noch nicht vom Schnee geräumten Strassen kommt es gelegentlich zu Blockierungen des Trams durch schlecht parkierte Autos. Aus diesen Gründen können fallweise immer noch grössere Verspätungen auftreten.

Wir unternehmen grosse Anstrengungen, die Haltestellen vom Schnee zu befreien. Zeitweise stehen nebst unseren eigenen Leuten gegen 100 Mitarbeiter von rund 10 zusätzlich von uns beauftragten Fremdfirmen im Einsatz. Wegen der starken Beanspruchung der Stadtreinigung durch die Reinigung der Innerstadt für die Fasnacht, war die sonst von dieser Seite übliche Unterstützung der BVB bei der Schneeräumung kaum möglich.

Der Busverkehr erfolgt ohne grössere Störungen.

Wir danken unseren Fahrgästen für das entgegengebrachte Verständnis und wünschen weiterhin schöne Fasnacht.»




Das mit der «gestörten Hotline» auf der auch im ärgsten Schneegestöber funktionierenden, aber nicht aktualisierten BVB-Internetseite, sieht dort so aus:



Ich glaub, mich laust der Hanselmann! Ich wollte das mit der «BVB-Hotline» mal ausprobieren, fand eine solche nicht unter der Kontakt-Rubrik auf der BVB-Homepage. Was ich dort fand unter dem Suchwort «Hotline», war das Pressecommuniqué von Herrn Hanselmann, worin er von einer «rege benutzten Hotline» schreibt - die «Hotline» gibts wohl nur in diesem Communiqué, aber ohne Nummer…



Urs Hanselmann, Direktor der BVB, hat am Dienstag, 7. März 2006, 10.01 Uhr, mit einer Mail auf obenstehenden Artikel reagiert. Wir kommen seiner Bitte um Nachschub seiner Mitteilung gerne entgegen. Ich bin mir bewusst, dass der Stil der Problembeschreibung provozierte - was durchaus beabsichtigt war, aber nicht nur die BVB betrifft: Die Ausrede der «Störung des Servers» ist derart fadenscheinig; vielmehr war Sonntag und vielmehr waren etliche enstsprechend verantwortliche Mitarbeiter schon in den Fasnachtsferien. Das Problem bleibt bestehen und erfordert Massnahmen: Erschöpfende Information (unabhängig der Nachrichtensendungen irgendwelcher Radiostationen) auf dem Echtzeitmedium Internet. Die schriftliche Information ist für tausende hilfreicher als flüchtige Radiomeldungen…


Zuschrift von Urs Hanselmann, BVB-Direktor, am 7.3.2006, zu obigem Artikel:

Ihre Ausführungen zur Informationspolitik der BVB während der Störungen durch den Schneefall bedürfen einiger Ergänzungen und Korrekturen:

1) Bereits seit Samstag-Abend wurden die Radiostationen laufend über die aktuelle Situation informiert.
2) Wir haben am Sonntag zwei dringende Medienmitteilungen mit dem aktuellen Stand an die wichtigsten Medien versandt, nämlich eine erste um 10:30 Uhr und eine zweite um 16:30 Uhr - die entsprechenden Meldungen wurden durch Radio, Fernsehen und Printmedien aufgenommen.
3) Am Sonntag-Nachmittag haben wir zudem unsere Auskunftstelefon-Linie in Betrieb genommen, nachdem es den entsprechenden Mitarbeitern gelungen war, sich durch den Schnee bis in die Stadt durchzukämpfen (das sind die Leute die Sie Schlafmützen und Beamte nennen).
4) Die Nummer unserer Telefonauskunft ist auch im Internet unter "Kontakt" "Adressen" angegeben, falls man die entsprechenden Angaben auch liest: 061 685 13 13
5) Ob die Informationspolitik damit steht und fällt, dass die Internetadresse an allen Fahrzeugen angebracht ist (an einigen ist sie gross angeschrieben) oder nicht, wage ich zu bezweifeln, weiss doch jeder Internet-Benutzer (und Sie wohl auch), dass man eine Internet-Seite suchen kann, indem man es mit dem Firmennamen versucht (was ja auch bei uns mit www.bvb.ch möglich ist) oder sonst innert Sekunden die gesuchte Seite per Suchmaschine findet.
6) Selbstverständlich haben wir bereits am Sonntag versucht, Informationen ins Internet einzustellen. Unsere externe Spezialfirma war aber nicht in der Lage, das Problem noch am Sonntag zu lösen. Am Montag war die Internetseite ab Mittag aktualisiert. Selbstverständlich werden wird auf Grund dieser Erfahrungen Verbesserungen einleiten.
6) Ihr Stil, mit Informationen, nicht überprüften Behauptungen und unseren Leuten, die in allen Bereichen einen riesigen Einsatz gezeigt haben und immer noch zeigen umzugehen, spottet jeder Beschreibung, so dass ich dazu keinen weiteren Kommentar abgebe.



jpl: Im zugegebenermassen etwas spöttisch gestalteten Artikel schreibe ich nirgends, dass die wackeren und tapferen BVB-Mitarbeiter, die mit grossen Anstregungen den Betrieb aufrecht zu erhalten versuchten, «Schlafmützen» seien. Wer lesen kann, dürfte dies auch unschwer feststellen können. Hingegen schrieb ich - in Frageform und nur im Titel von «Internet-Schlafmützen?». Das sind keine Fahrdienst- oder Unterhalts-Angestellte, sondern eben jene, die dem Publikum Informationen liefern sollten - vom Büro, vom Computer aus.

Von Jürg-Peter Lienhard



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