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Artikel vom 12.04.2014

Bildende Kunst

Carlo Aloë in der Licht Feld Gallery Basel

Ein Fall für die Gehirnforschung: Der Italo-Welschschweizer Basler Künstler reflektiert das visuelle und emotionale Sinnes-Bombardement seiner und unserer Umwelt

Von Jürg-Peter Lienhard



Carlo Aloë an der Vernissage seiner Ausstellung in der Lichtfeld Galleriy vom Samstag, 22. Februar 2014. © foto@jplienhard.ch 2014


Es gibt ihn schon lange in Basel und in der Basler Szene sowieso: Carlo Aloë. Und doch hat man jedesmal, wenn man ihn trifft, das Gefühl, dass er ein einsamer Mensch trotz seiner vielen Bekannten und Verehrer ist. Vielleicht ist es die Einsamkeit des Genies, das stets etwas mehr sieht und realisiert, was scheinbar banal oder nebensächlich und doch verräterisch oder gar entlarvend ist?
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Nicht die Details in seinen Bildern sind es, sondern die wirre Vielfalt der Details, die die Frage aufdrängen, wie der Mensch ein solches Sinnes-Bombardement unserer modernen Umwelt aushält, ohne verrückt zu werden. Oder hält er es nur darum aus, weil er verrückt ist?



© foto@jplienhard.ch 2014


Aloës Bilder stellen Fragen, viele Fragen, vielschichtige, viele. Nur, fragen will er gar nicht. Sondern abbilden, was er sieht. Und was sieht der Mensch in dieser Stadt täglich, welche Alltäglichkeit bombardiert ihm derart die Sinne, dass er diese Alltäglichkeit gar nicht mehr wahrnimmt? Blech, Autoblech. Geht man einen Schritt auf die Strasse: Autos, parkierte, oder fahrende… Wem ist schon bewusst, dass sein Blickfeld beinahe zu fünfzig und mehr Prozent täglich von Autoblech zugebunkert ist? Wem, dass die anderen fünfzig Prozent von der Werbung auf Plakaten, Schildern, von den Baustellenabschrankungen, von Schaufenstern beherrscht sind?



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Wie scheint es den Menschen bewusst, dass die Massen, die aus dem Drämmli strömen oder über den Fussgängerstreifen hasten, sich aus einzelnen Individuen mit ganz persönlichen Lebensläufen, vielleicht mit unsichtbaren Krankheiten geplagt oder von Sorgen um Geld und Familie getrieben, zusammensetzen? Man nimmt sich ja nicht wahr, grüsst sich nicht, und nur verrückte Paradiesvögel mögen vorübergehend die meist verächtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil sie gewollt gegen die Regeln der Anonymität der Masse verstossen. Und auch das Allerintimste, die zarte Liebe, ist entwertet durch die tierische Darstellung der Kopulation und der platten Sexilllustration. Kein Mitleid weit und breit, und auch keine Musse zurück zur Natur. Denn das geht ebenfalls nur noch via Automobil…

Aloë ist eine bemerkenswerte Erscheinung, wenn er in der Basler Szene auftaucht: Immer mehr sieht er aus wie ein Indianer aus dem Reservat, obwohl er meist in sehr geschmackvollem italienischem Tuch wohl von der Marke Armani gekleidet ist. Er ist schliesslich Italiener, aber in Neuchâtel aufgewachsen, wo er ein Französisch auf hohem intellektuellem Niveau eingeimpft bekam, das er mit der täglichen und fleissigen Lektüre der Presse, zumal von «Le Monde» und der «Libération» in seiner Wahlheimat Basel auch rhetorisch à jour hält.



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Seine Standardfrage: «Esch glääse?», tönt jeweils wie eine Aufforderung: «Warum tust Du nichts dagegen?» Zwar stellt er sie einem Journalisten, meint aber, dass das Thema der Welt kundgetan werden sollte, und dass niemandem die Hände derart gebunden sind, es nicht wenigstens zu versuchen, das Thema aufs Tapet zu bringen. Der Künstler ist eben nicht der Kreative zuerst, sondern der wahre Künstler ist der Wahrnehmer dessen, was noch kommen mag und es daher meist instinktiv getrieben in seinem Werk zum Ausdruck bringt. Eben nicht «vereinfacht», wie es die Populär-Politik heute fordert. Meist wird die Botschaft nur durch die Beschäftigung mit dem Werk und vielleicht auch mit dem Künstler erhellt. Aber die Botschaft - und später der Zeuge - ist von allem Anfang an das Werk.

Aloë auf dem Velo. Aloë in der Rio-Bar. Aloë in der Bodega. Aloë beim Zotenreissen. Aloë im Schlagabtausch mit dem nicht minder wortgewandten Boulez-Fachmann Robert Piencikowsky von der Paul-Sacher-Stiftung. Es gibt viele Anekdoten über ihn, viel Klatsch von ihm und über ihn. Aber alle haben trotz und erst recht wegen seines diskreten Charmes Respekt vor ihm. Die einen, weil sie seine künstlerische Qualität nur oder immerhin vom Hörensagen kennen, die anderen, weil sie ihm nicht an den Horizont gereichen und wieder andere, weil sie seine Arbeit einzuschätzen vermögen: Er ist ein Schwerarbeiter in seinem Atelier, und sein in letzter Zeit selteneres Auftauchen in der Szene ist stets die Krönung nach getaner langer Arbeit.



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So still und bescheiden er auch auftaucht, wenn er in die Gassen-Szene eintritt, so diskret bleibt er auch nach dem gerüttelt Mass an Vergorenem, das sein Gesicht immer mehr zur Indianerhaut rötet, und selbst in diesen Momenten kann man von ihm ein pickelhartes Statement erwarten, das oft nur aus einem wie beispielsweise diesem eindrücklichen Satz besteht: «Hodler ist der Grösste!», sagte er mal und verriet damit, dass er von diesem Kollegen mehr verstand und mehr Respekt vor dessen künstlerischem Schaffen hat, als der Milliardär, der sich den Hodler-Baumfäller als nationalistisches Bekenntnis aneignete wie seinerzeit Hitler Wagner.



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Carlo Aloës Ausstellung in der Licht Feld Gallery an der Davidsbodenstrasse 11 in Basel reiht sich an die vielen in Basel an nicht minder renommierten Adressen. Die Frage bleibt wohl in der Luft hängen, warum Aloë sich nicht weiter weg von Basel bewegt; die Bilder des nun 75-Jährigen «Basler» Urgesteins verdienten schon lange ein internationales Renommee weg vom «Basler Künstler», denn auch der beliebteste der Künstler gilt in seiner Heimatstadt nur so viel wie der Prophet im eigenen Land.

Zum Beispiel bleibt mir in Erinnerung seine Ausstellung im Kantonsspital Liestal, wo ich mich zufälligerweise im Mai 2011 für eine schwere Operation aufhalten musste: Die Hängung und die Werke belebten meine Sinne derart, dass ich allein von der so erfassten Atmosphäre mich doch wesentlich im Heilungsprozess befördert fühlte. Nur: Der Unverstand der Spitalleitung vertat sich später die Chance, dass die künstlerische Ausschmückung in der Cafeteria des tristen Baus aus den fünfziger Jahren Patienten und Personal in irgend einer Form weiterhin zugutekommen darf. Der Rat des Künstlers wurde ignoriert; die Spitalleitung hat nur Augen für Ziffern und Zahlen, Bettenauslastung und Pauschalkosten…



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Von Jürg-Peter Lienhard



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