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Artikel vom 26.08.2013

Nachruf

Weltbürger Garry Davis hat die Welt verlassen

Er wohnte zeitweilig in Häsingen und Mülhausen und als sanfter, gewaltloser Mensch auch mal im Gefängnis, aber Albert Einstein, Abbé Pierre und Jean-Paul Sartre u.a. versicherten ihm ihre Sympathie

Von Jürg-Peter Lienhard




Zunächst wird der Weltbürgerpass von Garry Davis (oben mit Pelzmütze) vom Schweizer Grenzwächter kritisch begutachtet. Dann aber waltet der Beamte seines Amtes und verweist den Welbürger (unten ohne Mütze) vom Boden der Eidgenossenschaft. Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013


Er war ein absolut konsequenter Anarchist, selbstverständlich gewaltlos, und die Sanftheit in Person. In den siebziger Jahren führte er in Basel ein Büro und wohnte aber einige Jahre in Häsingen. Der ehemals amerikanische Bomberpilot des Zweiten Weltkrieges starb am 24. Juli 2013 91-jährig in South Burlington in Vermont (USA). Es war zwar lange Zeit still um ihn gewesen, doch als er im Juli 2013 in Moskau dem US-Geheimdienstler Edward Snowdon seinen Weltbügerpass überreichen wollte, kam er nochmals in die Schlagzeilen.

Es war im Frühjahr 1975, als Garry Davis mit seinem vom ihm geschaffenen Weltbürgerpass beim Zollamt Basel-Lysbüchel von Frankreich in die Schweiz einreisen wollte. Natürlich liessen ihn die Schweizer Zöllner nicht passieren, weil sie sein Dokument nicht akzeptieren durften.

Also musste er rechtsumkehrt machen, zurück nach Frankreich, aber jetzt war es an den französischen Zöllnern, ihm wegen des ungültigen Reisedokumentes die Einreise zu verwehren. Garry Davies war in diesem Moment ein «sans sapier» auf der schmalen Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich…

Die Geschichte ging schliesslich nach einer ungewissen Pause eher komisch aus: Die französischen Zöllner schlugen den sensationsgierigen Journalisten ein «Schnippchen», und schlossen beide Augen, als sie Davis dann doch noch zurücknahmen. Denn mit geschlossenen Augen mussten sie seinen Pass gar nicht gesehen haben und noch weniger anerkennen…

Während sich die jüngere Generation kaum mehr an ihn erinnern mag, stand er nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder in den Schlagzeilen angesehenster Medien. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» widmete ihm erstmals 1949 ein Personalium, nachdem er in Paris seine Bewegung «Weltbürger» gegründet hatte und am 23. Mai 1976 sein im grenznahen Sundgauer Kaff gekauftes Haus und Garten zum «Weltzentrum» machte, wo seine «Weltregierung» Einsitz nahm.



Manchmal recht einsam: Davis während einer Ansprache an der Gründung seiner Weltregierung auf dem Grundstück seines Hauses in Hésingue 1975. Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013



Die Flagge der Weltregierung wird feierlich aufgezogen: Der ex US-Bomberpilot steht stramm, während «König Parzifal» alias Serge Reverdin, der erste Militärdienstverweigerer der Schweiz, den Drapeau hochzieht. Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013


Journalisten aus aller Welt reisten an, um mitten im Kalten Krieg über dieses bizarre Ereignis eines Weltverbesserers teilzunehmen. Ein paar Dutzend Neugierige und eine gemischte Anhängerschaft nahmen an der Freiluft-Gründerversammlung teil, welche laut dem elsässischen Journalisten und Dichter Jean-Christophe Meyer der Geschichtsverein von Häsingen in seinem Bulletin von 2008 als eigentliches «Dorffest» beschrieb.

Garry Davis wurde jedoch mehrfach von den französischen Behörden belangt, weil er sich mit seinem Weltbürgerpass erlaubte, ein täuschend ähnliches amtliches Dokument hergestellt und verbreitet zu haben. Darum wurde auch sein Haus polizeilich durchsucht. Und ein andermal entging er nur deswegen einer längeren Haft, weil er via eines Kassibers, den er in der Toilette anbrachte, die Presse alarmieren konnte.




Die Charta der Weltregierung von Garry Davis auf dessen Grundstück in Hésingue zweisprachig französisch und englisch. Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013


Übrigens lancierte, wohl angeregt durch Davis, nur etwas später der damalige Sekretär der Schweizerischen Journalisten-Union, Ludwig A. Minelli von Forch (Zürich), ebenfalls einen Pass, den europäischen Menschenrechtspass, der ihm ähnliche Klagen und gehässige Kritik von Schweizer Politikern eintrug. Gegen Minelli, der später auf dem zweiten Bildungsweg doktorierte und sein Anwaltspatent in Zürich machte, hatten diese Politiker sowieso Ressentiments, denn er schaffte mehrmals die Verurteilung der Schweiz vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, was als «Lex Minelli» in der Schweizer Rechtssprechung Verbindlichkeit erlangte.

In der Zeit als Davis in Häsingen wohnte, war er immer wieder gut für mediale Auftritte als konsequenter Pazfisit und Anarchist in Zusammenhang mit seinem Weltbürgertum. Als er zurück in die USA zog, wurde es daher etwas still um ihn; die jüngere Generation im Elsass und in Basel kennt ihn nicht mehr. Indessen sorgte er wenige Tage noch vor seinem Tod, inzwischen 91 Jahre alt geworden, erneut für Aufsehen in den zumal englischsprachigen Medien: Er reiste nach Moskau, wo er dem dort festsitzenden US-Whistleblower Edward Snowdon durch Übergabe eines Weltbürgerpasses aus der Patsche zu helfen hoffte.

Wer Garry Davis persönlich gekannt hatte, wer um seine Geschichte weiss und sich sogar nur mit seinen spektakulären Aktionen befasste, wird sich hüten, ihn banal als reinen Spinner abzuhaken: Davis erhielt seinerzeit Symapthiebekundungen von Albert Einstein, Abbé Pierre, Jean-Paul Sartre, André Gide u.a. und war daher auch in Frankreich gewissermassen «un intéllectuel intouchable» wie seinerzeit Sartre auch, obwohl der Philosoph für die Kommunisten eintrat und heftig die französische Kolonialpolitik angriff. Damit stellte der damalige französische Präsident Charles De Gaulle Sarte auf den Piedestal, wo er gewissermassen «wirkungsvoll entschärft» worden war. So wie eben auch Garry Davis, dem die gewitzte Politik bildlich die Narrenkappe aufsetzte.



Garry Davis zusammen mit dem damaligen Redaktor der Basler «National-Zeitung», Danni Wiener, heute in der Stadtentwicklung tätig, vor dem französischen Zollhaus am Grenzübergang Schweiz-Frankreich bei Basel-Lysbüchel. Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013


Indessen muss man sich Garry Davis’ Geschichte vor Augen halten, zumal, wie er sie selbst erzählte: Als Bomberpilot der US-Air-Force wurde er 1944 von den Deutschen in Peenmünde auf Usedom abgeschossen und gefangengenommen. Doch gelang ihm auf abenteuerliche Weise die Flucht aus der Haft. Kurz nach der Kapitulation Deutschlands wurde er nach Berlin versetzt, wo er durch das Erlebnis der gewaltigen Zerstörungen als Folge der Bombardements und durch das Mitansehen der Leiden der übriggebliebenen Bevölkerung einen tiefgreifenden Schock erlitt.

Dies war der Anfang seiner weiteren Laufbahn, die ihn über entsprechende Literatur zum Anarchismus und Pazifismus auf unumstösslich weltföderalistische Ideen brachte. 1948 gab er seinen amerikanischen Pass ab und erklärte sich zum Weltbürger, wozu er als Staatenloser Asyl bei der UNO beantragte. In dieser Zeit kurz nach dem Weltkrieg fanden seine Anliegen bei den internationalen Medien Wiederhall, wodurch Tausende von Menschen in der ganzen Welt eine Weltbürgerschaft beantragten, so wie sie Garry Davis aus der 1948 von der UNO verabschiedeten «Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte» interpretierte.

Während er von den prominentesten Geistern der zivilisierten Welt zumindest moralisch unterstützt wurde, betrachteten die Behörden in den Ländern, in denen sich Davis während einer oft unfreiwilligen Odyssee aufhielt, seine Aktionen und vor allem den Weltbürgerpass sehr viel weniger idealistisch: Immer wieder landete er im Gefängnis wegen «Irreführung der Öffentlichkeit» und unerlaubtem Grenzübertritt mit ungültigen Reisedokumenten. Immerhin durfte er bis zuletzt trotz seiner Staatenlosigkeit in den USA wohnhaft bleiben.

Davis unterhielt auch in Basel ein Büro, das aber 1978 von den Behörden geschlossen wurde. Im Zehnjahrestakt machte er aber stets wieder von sich und seinem Weltbürger-Anliegen auf der Basis der UNO-Erklärung der Menschenrechte reden. Beispielsweise, als er sich als Kandidat der «World Citizen Party» für das Bürgermeisteramt von Washington aufstellen liess oder gar für die US-Präsidentenwahl 1988.




Der Anarchist Garry Davis am weltweit berühmtesten Anarchofest, der Basler Fasnacht: Selbstverständlich illegal, aber er war ja schliesslich als «Sujet» von den Fasnächtlern eingeladen. Der Mann hatte Sinn für Humor und Witz, was ihm nur zu oft buchstäblich entwaffnend zupass kam… Archivfoto © foto@jplienhard.ch 2013


Die Basler und Elsässer Journalisten, die zu Garry Davis nebst seinen spektakulären Aktionen persönlich Zugang hatten, erinnern sich stets höchst anerkennend über seine Persönlichkeit, die sie als sanft und absolut korrekt erlebt haben. Daniel Wiener, damals Jungredaktor bei der Basler «National Zeitung» und heute engagiert in der Stadtentwicklung, jedenfalls will Davis als «unzweifelhaft integer, was dessen Überzeugung betrifft, intelligent und im Anliegen durchaus ernst zu nehmen» erlebt haben.

Auch Rolf Herzog, ebenfalls Redaktor bei derselben Zeitung, sah damals keinen Anlass, Davis als «Spinner» abzutun. Im Gegenteil: Er habe ihn «auf Herz und Nieren getestet», ob ihm nicht etwa ein «kleiner Funken Geschäftsabsicht» oder ein «messianischer Zwang» innewohne, doch schliesslich sei er von dessen absolut spurgeraden Konsequenz überzeugt und beeindruckt worden.

Tastsächlich wich Garry Davis bis zu seinem Tod nie von seiner (gewaltlosen) anarchistischen und pazifistischen Überzeugung ab, obwohl er sowohl harte wirtschaftliche wie auch primitive Anfeindungen für seine kompromisslose Haltung hinnehmen musste: Er blieb sich treu bis zu seinem Tod am 24. Juli 2013 und publizierte mehrere Bücher (engl/fr). Er war verheiratet; sein Sohn präsidiert zurzeit die «World Citizen Foundation», deren Pass immer noch im Umlauf ist.


Unter Mitwirkung dieser Quellen: Jean-Christophe Meyer, journal l’Alsace (14.8.2013) St-Louis, Nachrichtenmagazin «Der Spiegel», wikipedia, Archiv J.-P. Lienhard ad «National Zeitung», Fotos: Archiv J.-P. Lienhard © foto@jplienhard.ch 2013 (aufgenommen mit Rollei 6x6 1973 bis 1975)

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://www.wcax.com/story/22859207/vt-man-trying-to-help-edward-snowden

http://www.worldservice.org/wcnindx.html

http://www.worldservice.org/gdblog.html

http://www.onefilms.com



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