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Artikel vom 20.08.2013

Basel - Kultur

Molières Charaktertypen immer noch zeitgemäss

Die Theatergruppe «Rattenfänger» bringt das barocke Lustspiel «Der eingebildete Kranke» - jeweils Mittwoch bis Samstag bis 7. September 2013 in Muttenz

Von Jürg-Peter Lienhard



Der Hypochonder schädigte in Molières Zeit wenigstens nur sein eigenes Vermögen - heute belasten hypochondrische Kranke die Krankenkassen-Prämien… © foto@jplienhard.ch 2013


Man braucht sie ja nicht mehr vorzustellen, aber gewisse Redaktionen machen es sich zu einfach, wenn Sie deren Produktionen unter «alle Jahre wieder» abhaken, respektive im Rundarchiv versenken. Die Rede ist von der Theatergruppe Rattenfänger in Muttenz, die aufgrund ihrer oftmals denkwürdigen Aufführungen doch wirklich etwas mehr ist, als ein Dorftheater-Verein, auch wenn bei ihr meist Laien-Schauspieler mitwirken. Allerdings stets unter der Regie des Gründers, Danny Wehrmüller, den man mit Verlaub halt doch als «Profi» bezeichnen muss, auch wenn er im Hauptberuf Schuelmeischter ist. Die Gruppe bringt tatsächlich jährlich stets Neues an jeweils anderen Spielorten und aus allen Fächern des Theaters.

Ich entsinne mich gerne an die fantastische Aufführung der «Linie 1», die ich auch in der denkwürdigen Produktion der Theater Basel in der alten «Komödie» gesehen habe und die den Vergleich mit dem Profi-Theater überhaupt nicht zu scheuen hat. Im Gegenteil: Die «Rattenfänger»-Version der «Linie 1» in Muttenz im Sommer 2005 war explosiv geladen vom «Drive» der höchst engagierten Laien, die sich quasi authentisch im Stück zurechtfanden.

Atemlos erlebte ich die Slapsticks mit dem Kontrolleur, die ebenso rasant professionell wie beeindruckend präzise einstudiert und eher «geschahen», denn gespielt waren. Der erwähnte «Drive» jedenfalls, so will ich behaupten, ist der «Bonus» der Amateure - ein Feuer, wie es «Profis» kaum derart authentisch unter dem Allerwertesten brennt. Denn es ist der, salopp gesagt, «naive» Feuereifer, den nur Laien an den Tag legen können. Und damals von Anfang bis zum langen Ende durchwegs pausenlos anhielt.

Kostbares Mosaiksteinchen der kulturellen Vielfalt

Und dann wurde auch klar, dass hier nicht nur Theater geprobt und gespielt wurde, sondern, dass sich urplötzlich Talente entfalteten, die sonst kaum je entdeckt werden oder Gelegenheit haben, das Talent zu spüren und sich darin zu probieren. Diesbezüglich sind solche Laien-Vereine eben doch mehr, als nur «unterhaltender Vereinsabend», sondern gewissermassen ein kostbares Mosaiksteinchen in der kulturellen Vielfalt der Region. Ihre Initiativen können manchmal weit über ihre Liebhaber-Tätigkeit hinaus in die ganze Gesellschaft hineinreichen und ganz anderswo Wurzeln schlagen, so wie die Flugsamen des Löwenzahns…



Vor der Aufführung wird stimmungsvoll vor den Mauern der Wehrkirche St. Arbogast gepicknickt. Wer zu spät kommt, muss halt am Brunnenrand essen… © foto@jplienhard.ch 2013


Insofern muss man solche Initiativen pflegen und hegen, ihnen die Aufmerksamkeit schenken, die eben das Bewusstsein und die Verantwortung gegenüber der Kultur erfordern, weil sie das Wohlergehen und die Lebensqualität einer Gesellschaft wesentlich beeinflussen. Ich für meinen Teil bedaure jedoch, dass ich nicht alle Produktionen der «Rattenfänger» miterleben konnte, denn das Wesen von Theater und Musik ist eben, dass die Aufführungen vergänglich sind. Und um so wertvoller sind sie, wenn sie im Gedächtnis lange nachwirken, Reflektionen erzeugen und sie in das eigene Denken einfliessen. Das nennt man Kultur…

Was die Produktionen der «Rattenfänger» besonders interessant macht: Dass sie jedes Jahr nicht nur die Spielstätte wechseln, sondern auch das «Fach», was jedes Jahr die Neugier von neuem anstachelt: «Was haben sie heuer zu bieten? Musical, Schauspiel, Kammerspiel, modern, barock?»

Schöner Spielort bei der St.-Arbogast-Kirche

Ja, dieses Jahr 2013 wagten sie sich doch tatsächlich an ein Barockstück, eines aus der «obersten Klasse», wenn man so will: «Der eingebildete Kranke» von Jean-Baptiste Poquelin, oder besser bekannt unter seinem Künstler-Pseudonym - Molière. Allerdings auf Deutsch, auch wenn die Werbung zweisprachig an die Journalisten verschickt wurde…

Der Spielort vor der Mittenza neben der wuchtigen Wehrkirche St. Arbogast ist ziemlich prominent gewählt, wenngleich das Stück keinen Bezug zur Umgebung braucht - man könnte es irgendwo aufführen, ja selbst ohne Kulissen. Die «Kulissen» jedoch, respektive der Bühnenbau, verdienten zuerst hervorgehoben zu werden. Er wurde wie schon oft vom Grafiker Kurt Walther entworfen: Die Basler Fasnächtler kennen ihn als Plaketten-Künstler, dessen Entwürfe stets kongeniale Pointen darstellen.

Walther hatte eine glückliche Idee, die ihm wohl kam, als er die Dokumentationen über Molière und Molières Zeit studierte, wahrscheinlich kaum via Internet und Wikipedia: Man sah es ihm an seinen Absätzen an, dass er dafür weit gelaufen ist… Wo er jedoch diese abgenützte Vorlage eines Bühnenbaus fand, habe ich ihn vergessen zu fragen, zumal am Premieren-Büffet doch ein ziemliches Gedränge herrschte und nur gerade eine kurze Begrüssung zuliess.



Barocker musikalischer Prolog vor dem Guckkasten - genau wie zur Zeit Molières. © foto@jplienhard.ch 2013


Immerhin konnte er mir noch das diesjährige Programm der Salzburger Festspiele zeigen, das er mit sich herumtrug, weil er da kürzlich beiwohnte. Und mich bedauern liess, dass am selben Abend wie die «Rattenfänger»-Premiere auf «arte» aus Salzburg die als hervorragend beschriebene «Don Carlo»-Inszenierung gesendet wurde… Aber man kann ja nicht an zwei Orten gleichzeitig sich vergnügen, zumal die Neugier: «Was machen die dieses Jahr wohl?» in oben beschriebenem Sinne obsiegte.

Bühne sieht alt aus, ist aber neu…

Der Bühnenbau ist ziemlich genau ein barocker Guckkasten, so wie er in dieser Zeit auf Tingel-tangel mitgenommen werden konnte: Einfach konstruiert, schnell auf- und abgebaut. Man sah es der Dekoration an, dass sie schon viele Vorstellungen hinter sich hatte, bevor der Grafiker Walther sie als Vorlage digitalisieren und drucken konnte.

Zu so einem Guckkasten aus dem Barock gehören natürlich auch die barocken Kostüme, was wiederum eine exzellente Leistung der anonymen Kostümgruppe der «Rattenfänger» ist - nebst den Frisuren und Perücken. Es gehört heutzutage doch etwas Mut dazu, so ein Stück authentisch zu bekleiden, statt in «modernen» Strassenanzügen aufzuspielen, wie das die Regietheater-Regisseure heute respektlos selbst den grossen Klassikern antun. Nur nebenbei bemerkt: Am Theater Basel gibts deswegen im Gewandfundus kaum mehr ein Rokoko-Kostüm, weil sogar «Rigoletto» in der schwarzen Schale der Mafiosi und in der Tiefgarage zu spielen hat…



Kostüme und Maske (Perücken und Frisuren) sind jedenfalls absolut fachmännisch und zweifelsfrei epochengerecht… © foto@jplienhard.ch 2013


Ja, allein wegen der Kostüme und der Guckkasten-Nostalgie lohnte sich der Ausflug nach Muttenz-Dorf an die Vorstellung der «Rattenfänger» alleweil. Das darf man sich wieder mal antun, ohne schlechtes Gewissen, denn tatsächlich sind solche Inszenierungen heute eine absolute Seltenheit. Die Kostümgruppe hat sich auch da sehr intensiv mit den alten Vorlagen auseinandergesetzt und sie je nach Figuren-Charakter überhöht, manchmal auch etwas verzerrt - beabsichtigt natürlich, was vom Publikum genussvoll anerkannt wurde. Zum Beispiel die Figur des Advokaten (kongenial karikiert von Christian Vontobel) oder - eitle Imbezilität in Stoff - gar die hypokriten Ärzte, zumal das Vater-Sohn-Gespann (Romeo Schmid und Sämi Bally, abgeschminkt immerhin nicht so unausstehlich aussehend, wie dargestellt).

Temproreiche Inszenierung

Wie die Regie mit einem Guckkasten umgeht, verrät, ob sie die hohe Schule des Theaters beherrscht. Denn auf so geringem Platz eines reinen Nudelbrettes, sind den Schauspielern keine grossen Bewegungen möglich. Hübsch daher der Einfall, Sprechszenen von Mitwirkenden aus kleinen Falltüren am Boden geschehen zu lassen. Mal links, mal rechts, mal im Bühnenhintergrund oder gar vor der Bühne. Das brachte Tempo in die Handlung, die sowieso mit der Pause fast zwei Stunden dauerte.

Danny Wehrmüller hat bekanntermassen ein Auge für spektakuläre Slapsticks, so dass da auf der Bühne stets ordentlich etwas los ist: Wenn die Frau des Apothekers (Bri Jost) mit einem Riesenklistier aus Messing, wohl aus dem Pharmaziehistorischen Museum entlehnt, dem eingebildeten Kranken (ein wahrlich alle anderen Mitspieler überragender Niggi Reiniger) buchstäblich hinter-her und über die Chaiselongue hüpft. Er und das Stubenmädchen Toinette (wahrhaft gewitzt dargestellt von Kristina Kanholt-Siemer), die auch den «falschen» Arzt spielte, jedenfalls holten sich am Schluss berechtigterweise den grössten Zusatzapplaus.

Das Liebespaar Angélique (eine augenzwinkernd schmachtende Joelle Leu) und ihr Liebhaber Cléante (Alain Sigg, dessen dicke Brillengläser jedenfalls adäquat seine höchst dramatischen Parts unterstreichen) wurden gegen die Intrige der erbschleichenden Stiefmutter (Stéphanie Feddern) listig unterstützt von des eingebildeten Kranken Schwester (Evelyne Nydegger mit Topfrisur). In weiteren Rollen Rainer Hettenbach als Arzt Purgon, Anouk und Salomé Héritier abwechselnd als Kinder, Zoe Wehrmüller (Geige) und Luc Lutz (Flöten) als Musiker.

Zeitlose Charakter-Figuren

Dem deutschen Text in einer modern-verständlichen Fassung hatte Danny Wehrmüller ein paar Rosinen eingestreut, die original nicht zum Buch gehörten, aber zum Publikum hin mit einem Augenzwinkern gesendet wurden - etwa mit einem bekannten Wilhelm-Busch-Zitat…

Die sehr moderne Fassung des Textes, zumal des deutschen Textes, muss man leider sagen, tendiert eher zum Schwank, denn zur hintersinnigen Ironie, wie sie von Molière eigentlich beabsichtigt ist. Dieses barocke Lustspiel stellt in der Originalsprache allerhöchste Ansprüche an Regie und Darsteller, weil es auf den Subtext ankommt, dem Wink mit dem Zaunpfahl. So, wie vieles im Barocktheater, wo die Auftritte der Schauspieler jenen der Adligen in der Öffentlichkeit entsprachen und somit das Theater politische und gesellschaftliche Bedeutung hatte.

Auf jeden Fall ist die «Rattenfänger»-Version des «Eingebildeten Kranken» Unterhaltung auf hohem Niveau. Mit Sicherheit fiel die Wahl dieses Jahr auf Molière, weil seine Popularität darin begründet ist, dass die Charaktere seiner Figuren eben zeitlos sind: Intrige, Erbschleicherei, Naivität, und halt immer Dummheit und Gier. So hat Danny Wehrmüller nicht ungattig in das Werk eingegriffen, wenn er mit den ziemlich authentischen Kniffs für Steuerhinterziehung der Klamotte etwas Amèr der Gegenwart übertreufelte: Dem Absolutismus und Gegenreformation des Barock steht heute Kapitalismus, Boni-Abzockerei und populistische Unverfrorenheit in nichts nach…



Das Schlussbild mit allen Spiel-Teilnehmern. © foto@jplienhard.ch 2013

Von Jürg-Peter Lienhard

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http://www.theatergruppe-rattenfaenger.ch/aktuell/2013/start.htm



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