Druckversion von "Paranoider Dampfplauderi" auf webjournal.ch


Artikel vom 06.12.2009

Ottokars Cinétips

Paranoider Dampfplauderi

Seine geniale Selbstvermarktungsstrategie als tollpatschiger New Yorker Intellektueller mit jüdischen Wurzeln machte ihn international berühmt - doch jetzt serviert Woody Allen mit 75 ein schwaches Alterswerk

Von Ottokar Schnepf



«Whatever Works» - does not work - der alte Schwung ist hin.


Das Drehbuch schrieb Woody Allen bereits vor 30 Jahren. Nun hat er es in Rekordzeit verfilmt. Hätte er die Geschichte des Quantenphysikers Boris, der sich für ein Genie hält und dies immer wieder unter Beweis zu stellen vermeint, damals schon zu einem Film verarbeitet - und die Rolle selber gespielt - sicher wäre der Dampfplauderi Boris um eine Nuance sympathischer ausgefallen.

Doch dieser mufflige, narzisstische Larry David geht einem bereits kurz nach Beginn des Films auf den Wecker; nachdem er sich dem Kinopublikum zugewandt höchstpersönlich vorgestellt hat.

Was dramaturgisch nicht von Vorteil ist, weil es den Zuschauer aus der zuvor begonnenen Handlung herausreisst. «Wenn ich Witze schreibe, überraschen sie mich selbst» hat Woody Allen einmal gesagt.

Mit den Witzen, die Boris im Film reisst, reisst es hingegen den Kinobesucher kaum vom Hocker. Sie hören sich antiquiert und nur selten lustig an.

Und da ist ja auch noch Evan Rachel Wood, das von Zuhause ausgerissene Teenie-Girl Melody aus Mississippi, das eines Tages vor der Wohnungstür Boris' steht und sich dann bei ihm einnistet - und den alten Dauer-Pessimisten auch noch heiratet.

In die unglaublich ungleiche Ehe-Idylle platzt plötzlich Melodys Mutter - und zuguterletzt auch noch deren geschiedener Mann. Der kann als Oberspiesser weder die Ehe seiner Tochter noch die zwei neuen Lover seiner Angetrauten goutieren. Bis er schliesslich merkt, dass er ja schwul ist.

Etwas Einfältigeres ist dem alten intellektuellen Überflieger Woody Allen nicht eingefallen.

Von Ottokar Schnepf



Druckversion erzeugt am 18.09.2019 um 15:30