Artikel vom 20.01.2008

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Ottokars Cinétips

Comeback des Western?

50 Jahre nach Delmer Daves Edel-Western «3:10 to Yuma» kommt nun ein Remake ins Kino und lässt das alte Film-Genre wieder aufleben

Von Ottokar Schnepf



«The great train robbery»: Im ersten Hollywood-Film schiesst der Bösewicht ins Kinopublikum; ein genialer Einfall von Regisseur Edwin S. Porter.


Zwischen 1910 und 1960 war der Western das bedeutendste Filmgenre des Kinos. Der erste Hollywood-Film war ein Western, «The Great Train Robbery», 1903, von Edwin S. Porter. In Erinnerung an diesen Film bleibt als irritierender Effekt bis heute der auf das Publikum zielende und schiessende George Barnes. Allein schon das beweist, keines der klassischen Filmgenres ist so sehr durch sein visuelles Ambiente definiert wie der Western. Welche Filmgattung liesse sich gleich auf den ersten Blick erkennen?

Schauplätze und Kostüme schaffen eine eindeutige Orientierung gleich zu Beginn jedes Western. Seit den 60er-Jahren aber sind Western spärlicher geworden. Ohne den Italo-Western hätten damals weder ein Pferd noch ein Schiess-Duell unsere Kinoleinwände belebt. Und wäre Leone-Held Clint Eastwood später nicht auf den Regie-Stuhl gestiegen, gäbe es seine grossartigen Western auch nicht, die doch ab und zu für Abwechslung im sonst so langweiligen Kinoprogramm sorgen.

Zum ersten war der amerikanische Western in den späten fünfziger Jahren in eine kritische Situation geraten, als sich nämlich die grossen Western-Regisseure wie John Ford, Henry Hathaway, John Sturges, Howard Hawks oder Fred Zinneman von diesem Genre abwandten, nicht zuletzt weil das Fernsehen kilometerlange Western-Serien der übelsten Sorte produzierte, bis schliesslich auch der letzte Western-Fan das Interesse an dieser einst so rühmlichen Filmgattung verlor.




Mit Clint Eastwood fand Sergio Leone seinen perfekten Anti-Helden für seine Western-Fantasien. Eastwood als «der Mann ohne Namen» sah in seinem mexikanischen Poncho, Zigarillo rauchend einen Maulesel reitend nicht aus wie all die anderen Western-Helden, die vor ihm kamen.


Der Italo-Western

Aus der Taufe gehoben wurde der Italo-Western (nicht Spaghetti-Western, bitte) 1964 mit Leones «Für eine Handvoll Dollar». Darin sind bereits alle Merkmale dieses neuen Genres vollständig versammelt und der Held, der niemanden braucht und aus dem Nichts auftaucht, war geboren.

Mehr als 500 Italo-Western entstanden bis in die späten siebziger Jahre, darunter schlechte und grässliche. Aber, und das wird des öftern vergessen: auch eine Anzahl grossartige!

Nicht nur Leones in Europa entstandene Werke zählen dazu, auch Sergio Sollimas «Der Gehetzte der Sierra Madre», Giulio Pedronis «Von Mann zu Mann», Sergio Corbuccis «Django», Damiano Damianis «Töte Amigo», Enzo Girolamis «Keoma», um nur einige von vielen zu erwähnen, sind Western mit politischem Inhalt.

Meisterwerk des Genres ist und bleibt Sergio Corbuccis «Il grande silenzio» (mit Jean-Louis Trintignat und Klaus Kinsky). In Basel von der Zensurbehörde (diese bestand damals aus einem Polizisten, der die Filme zu begutachten hatte) verboten, wurde er dank meiner persönlichen Intervention ins Programm des Filmclubs «Le Bon Film» aufgenommen. Heute ist «Il grande silenzio» zum Kultfilm avanciert.




Klaus Kinski - unvergesslich als skrupelloser Kopfgeldjäger Loco in Cobuccis Winter-Western «Il grande silenzio». «Ein radikaler, politisch aggressiver Film, der modellhafte Verhaltensweisen einer faschistischen Gesellschaft zeigt». (Filmkritik 05/1969)


Western-Revival

Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet James Mangold, der bereits fünf Filme, darunter kaum einen wirklich guten, gedreht hat, inszenierte einen Western. Als Vorlage diente ihm die Kurzgeschichte von Elmore Leonard, die Delmer Daves schon 1957 verfilmte. Daves Kinoversion dauert kurze 88 Minuten, Mangolds Remake ist 34 Minuten zu lang und kommt somit auf 122 Minuten.

Das «3:10 to Yuma»-Original ist eine der ersten psychologischen Studien über Western-Helden, den Outlaw Ben Wade (Glenn Ford) und den Farmer Dan Evens (Van Heflin). Evens muss den Banditen Wade ins Gefängnis nach Yuma bringen; in einem Hotelzimmer warten die beiden auf den ankommenden Zug. Der Dialog der beiden zwar unterschiedlichen Männer, die ebensogut Freunde wenn nicht sogar mehr sein könnten, findet in einer bis aufs äusserst gespannten Ambiance statt, die zunehmend auch auf den Zuschauer sich überträgt. Und die Coolness von Glenn Ford, der 100-prozentig sicher ist, dass ihn seine Kumpels retten, ist beinahe unerträglich für den braven Farmer Heflin, der die 200 Dollar für die Bewachung von Wade dringend benötigt, um seine Farm nicht verkaufen zu müssen.




Russell Crowe schiesst sich in Mangolds «3:10 to Yuma»-Remake seinen Weg frei, wird trotzdem verhaftet und geht schliesslich «freiwillig» ins Gefängnis.


«Three-Ten to Yuma»-Autor Elmore Leonard ist ein Meister des trockenen Humors und der kurzen, scharfen Dialoge (verfilmt wurden auch seine Storys «Get Shorty», «Jackie Brown» und «Out of Sight»). Und während Delmer Daves die einfache Geschichte ganz im Sinne der Vorlage aufbaute, hat jetzt Mangold diese mit unnötigen Zutaten bereichert, was den Film nicht nur länger sondern sogar zu lang macht und auch den Rhythmus des Geschehens beeinträchtigt. Es wird viel zu viel sinnlos herum geballert. Auch die Einflüsse des Italo-Western sind unverkennbar, was aber durchaus legitim ist.

Trotzdem: «3:10 to Yuma» ist der este Western seit Eastwoods «Unforgiven» (1992), der es auf Platz eins der US-Kinocharts geschafft hat. Und das liegt sicher vor allem an Superstar Russell Crowe und Kultstar Christian Bale. Es ist aber auch ein Zeichen, dass der Western ein kleines Comeback erlebt mit Filmen wie «The Three Burials of Melquiades Estrada» und «The Assassination of Jesse James».

Dieses Revival hat viel damit zu tun, dass amerikanische Western immer auch ein Statement zur Lage der Nation sind und etwas über die Befindlichkeit der USA erzählen. Im Original notabene bringt Heflin ohne einen Kratzer seinen Gefangenen auf den Zug; im Remake wird Christian Bale von Crowes Männern erschossen. Er wollte doch unbedingt seinem Sohn beweisen, dass er ein Held sein kann. Oder will Mangold seinen Film politisch gedeutet wissen: Wie sinnvoll ist es, nach über 3800 toten US-Soldaten im Irak, den Heldentod zu sterben?




Als die Filme noch in Black-and-white gedreht wurden: Van Heflin und Glenn Ford warten im Hotelzimmer auf den Zug im Original-Western «3:10 to Yuma» von 1957.

Von Ottokar Schnepf


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