Artikel vom 23.11.2007

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Basel - Kultur

Fotoromanza vom Georgsturm

Zurzeit blinken genau 328 Baustellenlampen von den ewigen Gerüsten am Basler Münster

Von Jürg-Peter Lienhard



Nein, ich war nicht schon wieder im Dubai Middle East Centre Hotel auf Erholung! Es handelt sich bei diesem Bild schlicht und einfach um den eingerüsteten Georgsturm am Basler Münster, der von einer Licht-Installation des Regio-Künstlers Gerd Jansen aus Anlass der Regionalen 8 «beleuchtet» wird. Fotos zVg

Es mag ja faszinierend sein, «Klopfer» *) am Münster zu sein, und es ist sowieso hinterlistig, arglosen Passanten von dort oben ins Genick zu spucken. Aber dass am Münster jahrelang ein Gerüst klebt, das beeinträchtigt den Ruf der ganzen Stadt!




Wenns der Hütte doch schon yynesaicht, so reisse man sie am besten ab! Das hat man in dieser Stadt schon immer und mit viel nützlicheren Gebäuden getan, oder es durch die Beton-Mafia machen lassen!




Überhaupt sieht von tief unten kein Schwein einen solchen Bölimaa, und die gotischen Rosetten sind sowieso, wie alle Ornamente, ein Verbrechen, sagte einst Adolf Loos, der in Dresden studierte, wo man dann dank seiner Theorie die konsequentest schnörkelloseste Architektur erfand: Den DDR-Plattenbau.




Dass die Türme des Münsters ständig eine «capot anglaise» übergezogen erhalten, ist nicht Kinderschutz vor diesen unverhüllt phallischen Symbolen aus vormuselmanischer Zeit, sondern allein die Tatsache, dass die Technik des «Klopfens» seit dem Mittelalter keine Fortschritte mehr gemacht hat - trotz Presslufthammer auf dem Bau!




Unsere Stadt am Rheinknie kann von Glück reden, dass die Japaner keine solchen Bauwerke kennen, und wenn sie das gerüstete Münster eben unvermeidlich zu fotografieren haben, denken sie, dass ein Tempel bei uns eben so aussehen muss - auch wenn ihnen das gleichwohl ziemlich exotisch vorkommen mag.




Seit der Münsterplatz kein Parkplatz mehr ist, vergiesst der dicke Kunsthallenwirt Krokodilstränen. Doch die Luft um die Münstertürme ist jetzt rein. Also gerüsten die «Klopfer» sie ein.




Früher war alles besser. Sogar der Beton! Aber allein aus Spargründen, das ist seit altersher Tradition in dieser Stadt, hatte Kunigunde und ihr Heini einst statt Beton, Sandstein bestellt. Und erst noch diese miese Qualität von Degerfelden, wo man ja immer wusste, dass man den Vorderösterreichern bis heute nicht trauen konnte!




Klar, dass das rote Basel eben ein rotes Münster haben musste. Psst: Was ist jetzt, wo Rot-Grün obenausschwingt? Auweia: könnte demnächst bald mal ganz grün sein? Dunkelgrün? Das Münster, meine ich, und zwar meine ichs politisch korrekt!




Die Lichter-Installation von Gerd Jansen leuchtet tatsächlich in einem Rhythmus - jedes Stockwerk für sich. Der Künstler will sich dabei auf «christliche Zahlensymbolik» gestützt haben. Darum zum Schluss diese «seriösen» Zeilen, zumal sie nichts mit der «ewigen» Gerüsterei am Münster zu tun haben: Versuchen Sie sich zu erinnern, was christliche Zahlensymbolik heisst und zählen Sie: drei, sieben zwölf. Sie werden sehen, wenn Sie nur lange genug zuschauen, entdecken Sie den Rhythmus. Wie der Künstler das geschafft hat ohne Zentralsteuerung, das zu mutmassen, macht schon die halbe Faszination aus. Obwohl die Installation gar nichts mit Weihnachtsbeleuchtung zu tun hat, sondern mit der «Regionalen 8». Und über deren interessante Werke und Aktionen zu witzeln, das war nicht die Absicht dieser glossierenden Fotoromanza! Apropos christliche Zahlensymbolik: Die neun ist ebenfalls eine heilige Zahl, die Zehn hingegen reimt sich auf keins - das ist das «Hexeneinmaleins»…




*) Die Steinmetzen der Basler Münsterbauhütte darunter einige hochqualifizierte «Compagnons du Tour de France» (was nichts mit Velorennen zu tun hat), bezeichnen sich im Berufsjargon selbst als «Klopfer». Figuren und Ornamente müssen im Atelier, also in der Bauhütte restauriert oder neu gehauen werden, weshalb die «Klopfer» nur am Bau arbeiten, wenn sie Figuren entfernen und später wieder einfügen. Ihre Arbeitszeit ist wie allenorten am Bau; und Ferien machen sie auch nicht länger als andere…




Ja, und dann sieht das Lichter-Münster von Gerd Jansen in der allen Foto-Profi- und -Amateuren bekannten «Blauen Stunde» so aus, wenn er dem Fotografen Erik Schmidt sagt, er solle das Stativ ja nicht zuhause vergessen, weil das wejournal.ch momentan nicht über die technisch-photographischen Fascilitäten einer Nacht-Reportage verfügt… Fotos: Erik Schmidt, Freiburg & Basel © 2007


Von Jürg-Peter Lienhard


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