Artikel vom 23.10.2007

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Basel - Allgemeines

EXKLUSIV

Hausangestellte wie Haustiere ausgesetzt

Kuwaitische Oelscheichs haben zwei ihrer Bediensteten in der Schweiz «entsorgt», um deren Lohn zu «sparen»…

Von Jürg-Peter Lienhard



Die skrupellos von Ihrer Herrschaft «entsorgte» Hausangstellte Siti (25) mit dem Basler Ehepaar Kasmi und Hans Schwarz in Basel, wo sie bis zur Heimkehr nach Indonesien vorläufig Unterschlumpf gefunden hat. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Man kennt es von verantwortunglsosen Haustierbesitzern. Neu ist jetzt, dass man das so auch mit Hausangestellten machen kann: Aussetzen, «entsorgen», um Lohn für die Bediensteten während den Ferien zu sparen. Kuwaitische Oelscheichs haben den Trick des «Human littering» jetzt erstmals in der Schweiz angewendet…

Das Basler Ehepaar Hans und Kasmi Schwarz war auf Besuch in Binningen (Kanton Baselland), als sie auf dem Nachhauseweg einer völlig aufgelösten, verängstigten und schmutzig bekleideten jungen Indonesierin begegneten. Es war sofort klar, dass Kasmi Schwarz, selber gebürtige Indonesierin, ihre Landsmännin erkannte und ansprach und dabei zu ihrer Bestüzung statt freudige Kunde aus ihrer Heimat, eine unglaubliche Geschichte, ein schreiendes Unrecht erfuhr. Das Ehepaar nahm sich ohne weiteren Federlesens dem «Findelkind» an und wandte sich anschliessend an webjournal.ch.

Frau Schwarz erzählte webjournal.ch: Die 25-jährige Indonesierin Siti verdingte sich als Fremdarbeiterin im Ölstaat Kuwait bei einer reichen Scheichenfamilie als Hausangestellte. Eine Agentur in Indonesien vermittelte ihr die Anstellung, die sie aus reiner Not annahm. Denn das Einkommen ihres Mannes, ein Landarbeiter, genügte nicht, um sie und ihre zwei Kinder durchzufüttern.

Kein Geld für Monatsbinden

Die reiche Herrschaft in Kuwait versprach einen Monatslohn von 250 Dollar, der aber erst nach Ablauf des Jahresvertrages ausbezahlt werden sollte. Die junge Hausangestellte war also von Anfang ihrer Anstellung an mittellos und hatte nicht mal Geld für die allernötigsten hygienischen Bedürfnisse. Der Chauffeur der Scheichs erbarmte sich einmal und besorgte ihr Binden gegen die Monatsblutungen und etwas Zahnpasta…

Für die Herrschaften musste sie Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Was heisst «stehen»? Kasmi Schwarz erzählte sie, dass sie in einer Ecke am Boden still zu sitzen hatte, so lange, bis die Herrin einen Wunsch äusserste, selbst wenn sie vor dem Fernseher einschlief… Die Dame des Hauses war an den Rollstuhl gebunden, war unnachgiebig befehlsgewohnt, stark korpulent und hypochondrisch veranlagt, was sie nur allzu oft ihrer Dienerschaft zu spüren gab: Schläge und an den Haaren zerren gabs als «Dreingabe» bei Befehlserteilung…

Am 2. August 2007 beschlossen die Scheichs, mit ihren beiden erwachsenen Söhnen Ferien in der arabischsten Stadt der Schweiz zu machen - in Genf. Ein Luxus-Hotel und eine Luxus-Suite waren gerade gut genug. Ihre beiden Dienerinnen, die Indonesierin Siti und eine weitere Magd aus Aethyopien, wurde ein gemeinsames Bedienstetenzimmer zugewiesen.

Anfang September muss es gewesen sein, als Siti und ihre aethyopische Leidensgenossin nach dem Aufwachen bemerkten, dass die Tür zu ihrem Zimmer von aussen zugesperrt war. Schliesslich gelang es ihnen, sich Gehör zu verschaffen, und sie wurden befreit. Auch die Hotel-Direktion staunte nicht schlecht, denn die Herrschaften der beiden waren abgereist - zurückgeflogen nach Kuwait. Unter Zurücklassung ihres «Abfalles», neuhelvetisch-technokratisch «Litter» genannt.

Jetzt verfügt das «Wörterbuch des Unmenschen» über einen neuen Begriff: «Human littering» - «Menschen-Entsorgung».

Die Kuwaitis hatten ihre beiden Hausangestellten, denen sie demnächst je ein Jahressalär schuldig geworden wären, auf Französisch, nein «auf Kuwaitisch» verabschiedet. Hatten zwei junge Frauen aus fernen Ländern in einer völlig unbekannten Umgebung in der Schweiz einfach «entsorgt» - so wie hierzulande niederträchtige Haustierbesitzer vor der Ferienabreise ihre Hunde und Katzen aussetzen. Ohne Geld und ohne nichts. Die beiden Frauen besassen nämlich nichts, ausser, was sie auf dem Leib trugen.




Zwei Seiten aus Pass und Visa Sitis. Im Visum für die Schweiz steht französisch getippt: «Accompagne la famille Amal AlKhubaizi» - «begleitet die Familie Amal AlKhubaizi». Der Familienname AlKhubaizi ist in Kuwait ungefähr so häufig wie hier Meier oder Müller - nur sind die Meiers und Müllers hier keine stinkreichen Oelscheichs…


Immerhin hinterliessen die sauberen arabischen Herrschaften den beiden ausgesetzten Frauen ihre Pässe mit dem Touristen-Visa für die Schweiz. Damit schickte sie die Hotel-Direktion zur Polizei, die aber weder Indonesisch noch Aethyopisch versteht, und da die Touristen-Visa bis zum 2. November 2007 gültig sind, auch keinen Handlungsbedarf sah. Nach Rücksprache mit den Konsulaten der beiden Herkunftsländer der zwei Frauen sowie bei der kuwaitischen Vertretung, war auch schnell klar, dass von dort keine Hilfe zu erwarten war.

Aethyopische Asylanten halfen zuerst

Die beiden «Entsorgten» machten schliesslich das, was alle Obdachlosen und Schnorrer auch tun: Sie begaben sich zum Bahnhof von Genf, wo sie auf zwei aethyopische Asylanten trafen, die den beiden das Zugsbillett nach Binningen bezahlten. Weil in Binningen eine Bekannte der Aethyopier wohnt, die vielleicht helfen könnte. Tatsächlich fand das aethyopische Mädchen in Binningen Unterkunft und beschloss, hier Asyl zu beantragen. Siti, die Indonesierin, die aber wollte zurück in ihre Heimat, und in Binningen konnte sie nicht auch bleiben.

Das war der Moment, als Hans und Kasmi Schwarz, Siti in Binningen auf der Strasse ansprachen. Siti hat beim Basler Ehepaar vorläufige Unterkunft gefunden, ist glücklich, dass sie mit Kasmi Schwarz in ihrer Muttersprache all ihr Leid und ihre schlimmen Erfahrungen austauschen und saubere Kleider erhalten konnte.

Das Ehepaar Schwarz hat denn bereits eine erfolgreiche Sammlung in ihrem Bekanntenkreis gestartet, um der armen Siti die Heimreise zu finanzieren und darüber hinaus noch einen Batzen zusammengetragen, damit sie nicht mit leeren Händen bei ihrer notleidenden Familie aufkreuzen muss - nach fast einem Jahr ungewisser Abwesenheit.

Noch nie dagewesener Fall…

Der Fall von «Human littering» wirft allerdings einige Fragen auf, die ein Schlaglicht auf die «Globalisierung» sozialer Ungerechtigkeiten wirft: Wie müssen Bedienstete von fremdländischen Herrschaften, die in der Schweiz Ferien machen, arbeitsrechtlich abgesichert sein? Genügt ein blosses Touristen-Visa? Welche Massnahmen brauchte es, damit «Human littering» in der Schweiz verhindert werden kann? Sollten finanzielle Depots verlangt werden, und wie steht es mit der Lohn-Garantie?

Alles Fragen, die die betreffenden Amtsstellen nicht beantworten konnten, weil so ein Thema noch gar nie an sie herangetragen worden war…

So lautete denn die Antwort des Amtes für Migration in Bern an webjournal.ch - zwei Tage nach der schriftlichen Anfrage - lapidar:

«Es gilt zu unterscheiden, ob sich der ausländische "Dienstherr" lediglich zu Besuchs- oder Tourismuszwecken oder dauerhaft hier aufhält. Im ersten Fall benötigen die ihn begleitenden Angestellten sowohl nach geltendem (ANAG) wie auch nach neuem Ausländerrecht (AUG) keine ausländerrechtliche Bewilligung. Stammt die betreffende Person aus einem visumspflichtigen Land, wird ihr ein Visum zwecks Begleitung bzw. Tourismus ausgestellt (so auch im vorliegenden Fall). Ist die Anwesenheit nicht nur vorübergehender Natur, wird eine entsprechende Aufenthaltsbewilligung benötigt.»

Bei der Recherche der Umstände dieses «Human littering»-Falles zeigte sich ferner, dass die völlige Ortsunkenntnis der beiden «entsorgten» Hausangestellten die Erkundigungen erheblich erschwerten: Sie konnten den Namen des Hotels nicht nennen, wussten nicht, auf welchem Polizeiposten in Genf sie vorgesprochen hatten, und Siti weiss auch nicht, wie die Adresse der Binninger Familie lautet, wo ihre aethyopische Mitleidensgenossin untergekommen ist.

Eine peinliche Falle macht die Genfer Polizei, deren Pressesprecher Patric Puhl versprach, aufgrund der Hotelkontrolle mehr über die sauberen Herrschaften in Erfahrung zu bringen. Das war vor zehn Tagen, und seither wartet webjournal.ch noch immer auf die Antwort des «Herrn Lustig» aus dem Welschland: Der Beamte amüsierte sich zunächst köstlich über die Geschichte und argwöhnte, ob der Name Lienhard «vraiment suisse» sei. «Lieu d‘origine: Bienne BE», steht wortwörtlich in meiner Identitätskarte, ausgestellt von der «Confédération Suisse», und in meinem ehrenwert eidgenössischen Heimatort Bienne-Boujean gibt es sogar eine Lienhard-Strasse…


Adieu Siti!



Siti kann am Mittwoch, 24. Oktober 2007, zirka 11 Uhr, nach Wochen der Angst und der Ungewissheit ab Zürich wieder zurück in die Heimat zu ihrer sehnlichst vermissten Familie zurückfliegen. Das Ehepaar Schwarz hatte das Geld fürs Flugbillett bei mitleidsvollen Eidgenossen und schweizerisch-indonesischen Doppelbürgern reihum im Bekanntenkreis zusammengebettelt. Hans Schwarz legte darüber hinaus aus seinem eigenen Sack noch einen «anständigen Batzen drauf», wie er webjournal.ch gegenüber erklärte: Damit Siti, die nun nach fast einem Jahr in der Fremde mittellos dasteht, nun gleichwohl nicht mit leeren Händen nachhause kommen und sich dafür gar noch schämen muss…

Von Jürg-Peter Lienhard


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