Artikel vom 01.10.2007

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Basel - Kultur

Mit Fotostrecke von J.-P. Lienhard, Basel © 2007

Das Auge des Krokodils

Was tun Basler, die mit Euro 08 und 08.15 nichts am Hut haben, in ihrer Freizeit? Malen und Freundschaften pflegen - hier ein schönes Beispiel von einer Vernissage einer Basler Amateur-Malerin

Von Jürg-Peter Lienhard



Ein Auge fürs Auge: Kroko-Auge von Barbara Gut, Basel © 2007. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Die Adresse lautet Rebgasse 5 im Kleinbasel. Es ist das Atelier von Barbara Gut, die hier in der Freizeit malt und einmal jährlich zu einer Vernissage für ihre Freunde einlädt. Das Haus ist ein historischer Altstadtbau, eingezwängt zwischen hässlichster Architektur der sechziger Jahre, und hat einen Garten wie geschaffen für Maler vom Genie Matisses.



Räbgass 5, Klein-Basel, 1. Stock Atelier Gut.


Doch, so etwas darf in Basel nicht bestehen bleiben - es wird ab März 2008 «saniert», und wie ich die Schweizer Magerphantasie kenne, zutodesaniert, doppelverglast, versiegelt und selbstverständlich an Grossverdiener oder doppelverdienende Paare aus der Werbebranche zu einem die «ortsüblichen» Mieten drastisch anhebenden Zins vermietet!

Ich war in den letzten Tagen in Wesserling und in Sainte-Marie-aux-Mines, wo es lauter solche Häuser voller Charakter und Seele gibt, die von durchaus krediblen Leuten bewohnt sind, die mit Holz heizen und die sich nicht an einem lottrigen WC stören. Die aber eine Tisch- und Lebenskultur haben, die sie deutlich von wohlhabenden Schweizer Fidleburger-Architekten und Hochbau-Beamten unterscheiden…



Ein Atelier zum Verlieben. Verliebte im Atelier von Barbara…


Aber lassen wir das! Barbara Guts Atelier erinnert uns an jenes von Monsieur Hulot in Jacques Tatis «Temps modernes». Der Barbara würde man in der Stadt nicht ansehen, dass sie in der Freizeit ein so anspruchsvolles Hobby pflegt. In ihrem Berufsleben ist sie nämlich Kanzlistin beim Staat. Genauer: im Staatsarchiv, wo allerdings ebenfalls Tausende von Bildern gelagert sind. Alte Stiche zumal, alte Photographien und Schriften zuhauf, die das Leben der Stadt in früherer Zeit dokumentieren.

«Jetzt verstehst Du, warum ich die ‚Art?‘ besuchte», meinte Barbara, als ich mich erstaunt zeigte, dass ich von ihrem Hobby nichts ahnte. Da haben wirs wieder: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein»! Das gilt für Kanzlistinnen ebenso wie für berufene Künstler, die eher am Hungertuch knabbern oder Fensterkitt kauen, als ihre Sehnsüchte bei sinnentleerten Tätigkeiten oder als Bankgummi zu begraben.



Die Künstlerin Barbara Gut. Markenzeichen: unbeschwertes Lachen.


Wer, wie Barbara, einer dieser «anständigen» Brotberufe ausübt, der darf sich in der Freizeit ein Hobby leisten, das nichts oder vielmehr nur die halbe Miete des Ateliers einbringt… Das «Honorar» jedenfalls sind die vielen Freunde und Bekannten, die sich an der jährlichen Vernissage einfinden und denen die Werke mal 80, mal 400 Franken wert sind, oder denen diese Werke Freude bereiten, weil sie es selber nicht so gut können.

Und dann ist die Vernissage auch ein gesellschaftliches Ereignis, an das nicht nur Kunstfreunde, sondern eben Freunde und Kollegen zu einem schönen Abend, zu einer sinnlichen Party eingeladen werden können. Kochen muss man nicht, und Ideen für kunstvolle Canapées hat man ja selber. Man hat sie zumindest abgucken können an den Parties der «Art» und an anderen Kunstereignissen…



Krokodile ohne Krokodils-Tränen…


Barbara Gut stellt ihre Vernissagen jedes Jahr unter ein bestimmtes Thema, das sich im Laufe ihrer Arbeit durchs Jahr herauskristallisiert hat. Heuer war es «das Auge des Krokodils» - eine Tierfoto in einem Presseerzeugnis hatte sie auf die Idee gebracht. Die Augen der Krokodile zeigen, dass Barbara selbst ein begabtes Auge hat: Nicht das Krokodil-Auge wollte sie malen, sondern wie das Auge auf sie wirkte, das wollte sie malen und hats vollbracht…

Schön, gibts Leute, die was anderes als Fussball im Kopf haben, auch wenn zurzeit in Basel die Mittlere Rheinbrücke lauter Fahnen für den Deppen-Anlass 08 verunzieren. Das beisst das Auge und reizt erst recht, auf einer anderen Schiene zu fahren - wie Barbara mit ihrer Malkunst!


Das «Vermicelle» 2007 bei Barbara Gut im Bild




An der «Tankstelle» in der Ateliersküche: Tochter Billy (links hinten) und Lover Tom (vorne rechts).




Kunterbunte Vielfalt in der Ecke im Ausstellungszimmerchen.




Das erfreut das Auge des Betrachters: Farbsicherheit und interessante Umsetzung.




Kunst und Kinder: Wenn der Nachwuchs schon früh mit anderem als mit Materiellem und Konsum in Berührung kommt, hat man ihm was auf den Weg gegeben, das vielleicht mal auf fruchtbaren Boden fällt.




Bier und Kunst: Nicht gezwungenermassen im selben Atemzug behandelt, aber mit tiefem Zug genossen…




Der Schwatz mit Denise, der Stylistin und Freundin (Mitte im grauen Selbstentwurf).




Was hat wohl Suzie Meyenett so amüsiert? Der Aschenbecher-Mann von nebenan?





Räbgass 5, Klein-Basel. Die Sonne leuchtet intensiv durch ein Fenster im 1. Stock ins Atelier Gut.

Von Jürg-Peter Lienhard


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