Artikel vom 22.04.2007

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Elsass - Allgemeines

Morscher Staat

Was in den deutschsprachigen Wahlunterlagen der französischen Präsidentschaftskandidaten so alles versprochen, gelogen und geschwafelt wird…

Von Jürg-Peter Lienhard



Le Pen spricht Deutsch? Ein Exemplar aus der Sendung Wahlprospekte, wie sie den elsässischen Wählern amtlich-offiziell zugestellt worden waren.


Die elsässische Sprache ist kein Thema für die französischen Präsidentschaftskandidaten, aber um selbst die Stimmen der greisen Elsässer zu gewinnen, die als Kriegsgeneration unter den Nazis kein Französisch gelernt hatten, haben fast alle Kandidaten ihre Wahlversprechen weidlich gut auf Deutsch übersetzen lassen. Das Studium dieser Unterlagen ist eine Lachnummer, weil durch den Filter der deutschen Übersetzung so Manches als hohle Phrase, so Vieles als unlauter und das Meiste als unrealistisch erscheint…



Hagenthal-le-Bas: Plakatwand vor dem Château, das die Gemeinde jetzt gekauft hat, aber nicht weiss, was anzufangen damit. Der Maire setzt auf Lotto, weil vom Staat nichts für die Renovation zu holen und es auch kein Gegenstand von Wahlversprechen ist…


Schade, bildschöne Leserinnen und holde Leser von webjournal.ch, dass mir durch eine ungenannt sein wollende und stets verschwiegene Person, mir deren amtliche Wahlunterlagen erst jetzt, zwei Tage vor dem ersten Wahlgang zur «Présidentielle 2007», zugespielt worden waren. Die seriöse Psychoanalyse dieser Selbstdarstellungs-Papiere brauchte doch ziemlich Zeit und verdiente ausführlich dokumentiert zu werden. Doch so muss ich mich allein auf die Spitze der Eisberge, auf die eher zufällig entdeckten freiwilligen und unfreiwilligen Pointen und auf einen kurzen Gesamteindruck beschränken.

Deutsche Wahlprospekte herunterladen

Ich habe mir die Mühe gemacht, die meisten deutschsprachigen Wahlprospekte der 13 Kandidaten einzuscannen und sie im Format PDF den Lesern von webjournal.ch zum Herunterladen zur Verfügung zu stellen. Wegen der grossen Anzahl der Seiten habe ich sie auf drei Dokumente verteilt, was auch geringere Downloadzeiten ergibt. Benützen Sie zum Download die Links am Ende dieses Artikels.


Es ist ein umfangreiches Paket an farbigen Wahlprospekten, die da wohl die meisten Elsässer als amtliche Post nach Hause geschickt erhielten. Es sind gemäss meiner Mettler-Briefwaage genau 200 Gramm Papier - inklusive der 13 weissen Wahlzettel in Postkartengrösse mit den Namen der Kandidaten.

Mit Ausnahme des Anti-EU-Kandidaten Gérard Schivardi, stellen sich alle anderen Kandidaten auf einem vierseitigen hochglanzfarbigen Prospekt im Format A4 dar. Ausser jenen Schivardis, Olivier Besancenots und Frédéric Nihous's sind alle Wahlprospkte in jeweils französischer und deutscher Sprache dem Postwurf beigelegt. Offenbar ist das genormte Format vorgeschrieben, um keine Volumen-Ungerechtigkeit zuzulassen.

Allerdings gibt es unter den Prospekten eine Version, die sich zwar an die zweifellos vorgeschriebene Norm hält, aber gleichwohl durch einen grafischen Trick sofort ins Auge springt: Jene des Kandidaten Jean-Marie Le Pen. Während die anderen Kandidaten aus dem vorgeschriebenen doppelseitig bedruckbaren Prospekt im - «liegenden» - Format A3 ein Flugblatt von vier «stehenden» A4-Seiten herstellten, kamen Le Pens Grafiker auf die Schlaumeier-Idee, das A3-Blatt «stehend» zu gestalten, wodurch es auch als A3-Plakat verwendet werden kann: Die Vorderseite erstreckt sich somit auf zwei «liegende» A4-Seiten und ermöglicht das Konterfei von Le Pen im Posterformat aufzublasen; die Rückseite ist ein Brief Le Pens, wiederum über zwei «liegende» A4-Seiten zu einer «stehenden» A3-Seite gestaltet, wodurch die Schrift so gross gewählt werden konnte, dass selbst greise Wählerpotenz sie ohne Brille mühelos lesen kann...




Warme Luft und leere Vesprechen

Frankreich ist - im Gegensatz zur Schweiz - als Präsidial-Demokratie organisiert: Statt «Roi» heisst der Sonnenkönig dort nun modern «Président». Der Unterschied zur revolutionierten Monarchie ist, dass der Boss nicht mehr vom Klerus, sondern vom sogenannten Volk gekrönt wird. Jeder, der Boss werden will, muss daher dem Volk so viel «Brot» oder «warme Luft» vesprechen, dass er die Wahl gewinnt. «Warme Luft» produzieren ist mit der französischen Sprache kein Problem. Filtert man sie jedoch durch eine wörtliche deutsche Übersetzung, kommt die Luftverschmutzung unverhüllt heraus...

«Ich vertraue Ihnen mit aller Zuneigung diese grosse Wahl an», erlaubt sich seinen Aufruf an die «lieben Mitbürger» François Bayrou zu schliessen - «Zuneigung», igitt...

«Inhalt meines Kampfes ist die Würde», ist der würdige Inhalt der Kandiatin der «Populären und antiliberalen Linken», Marie-George Buffet.

«Stolz, Franzose zu sein», ist Philippe de Villiers, Kandidat in eigener Sache und laut Wahlprospekt «Der Mann, der den richtigen Weg kennt».

Auf «15 Orientierungen» hat Dominique Voynet, Kandidatin der Grünen, ganze «50 Vorschläge» aufs Mal in Petto.

«Der Wechsel», genannt Ségolène Royal von den Sozialisten, gelobt nach der politisch korrekten Regel, dass jeweils das eine Geschlecht das andere zuerst begrüsst, ihren «lieben Franzosen, lieben Französinnen» sowie den nichtfranzösischen «lieben Landsleuten»: «Ich habe auf Sie gehört um gerecht zu handeln und mein Wort zu halten», auch wenn sie noch nicht gewählt ist, also noch gar keine Gelegenheit hatte, ihr Wort zu halten.

«Ich unterscheide mich von den anderen Präsidentschaftskandidaten», meint José Bové und hofft von den «Millionen von nützlichen Stimmen am 22. April» auf «Millionen von Stimmen für Bové».

Arlette Larguiller von der «Lutte Ouvrière» richtet sich klassenbewusst eben pauper an «Arbeiterinnen, Arbeiter» - in Frankreich immerhin auch Millionen von Stimmen.

Ganz nett lächelt Nicolas Sarkozy von seinem Farbprospekt und versichert allerdings nur im Kleingedruckten: «Ich wede Sie nicht belügen, ich werde Sie nicht verraten...»

Gérard Schivardi, einer, der nicht übersetzt worden ist, verkündet in Schwarzweiss und auf billigem Zeitungspapier - hier aber von mir auf Deutsch übersetzt: «Ich bin der Kandidat der Bürgermeisterfraktion, der sich für die Aufgabe von Maastricht und gegen die EU ausspricht.»

Auf dem Posterprospekt von Le Pen, worauf unter dem Aufruf in Grossbuchstaben «WÄHLEN SIE LE PEN», einem zuerst die schief aufgesetzt Brille auffällt, heisst es handschriftlich vom Kanditaten verfasst: «Vive la Vie». Auf der Rückseite beendet er seinen «Aufruf an Frankreich und an alle Franzosen» mit der selbstgerechten Versicherung: «Ich bin der Kandidat der Wahrheit, der sich gegen die Lüge stellt.»




Leere Vesprechungen

Wenn man alle Wahlprospekte aufmerksam durchliest, erhält man den wohl nicht unberechtigten Eindruck eines morschen Staates, eines morsch geworden Frankreichs, dessen Probleme unlösbar geworden sind:

• Mit der Bildung ist es nicht mehr weit her;
• Umweltbewusstsein exisitiert nicht;
• Gearbeitet wird bald nicht mehr;
• Die Kaufkraft ist erlahmt;
• Die Staatsveschuldung ist nicht mehr abbaubar;
• Die Altersversorgung kann nicht mehr gewährleistet werden;
• Randgruppen werden noch mehr diskriminiert;
• Die Gesundheitsversorgung ist gefährdet;
• Die Forschung ist hoffnunglos im Rückstand;
• Die Mieten sind unerschwinglich;
• Die Polizei ist machtlos;
• Die Demokratie hat sich veabschiedet;
• Die Geschlechter- und Lohngleichheit ist kein Thema;
• Die Kultur ist kein Aushängeschild dieser grossen «Kulturnation» mehr;
• Die Versorgung durch öffentliche Werke ist kaum mehr garantiert;
• Die Landwirtschaft ist nicht marktgerecht und schon gar nicht ökologisch;
• Die Überseedepartemente gehen «vergessen»;
• Frankreich bremst Europa aus;
• Die «Grande Nation» ist auf dem Weg, ein Entwicklungsland zu werden.


Interessant ist, dass aus der Liste dieser Staatsprobleme jeweils jeder der Kandidaten und Kandidatinnen nur gerade diese Themen heraussucht, die sowieso «im Gerede» auf den TV-Kanälen und in den Gazetten sind.

Aber ganz dick kommts bei den Versprechen, womit die Wähler je nach Segment geködert werden: Im Sack dieser politischen Weihnachtsmänner und -Frauen gibts für jeden etwas, und das jeweils nicht zu knapp. Spitzenreiter ist der Mindestlohn, genannt «Smig» (meint: «salaire minimum interprofessionel garanti», auch wenn er heute durch «salaire minimum interprofessionel de croissance» ersetzt worden ist).

Da wird von den einen ein «Smig» von 1500 €uro nebst generellen Lohnerhöhungen versprochen (z.B. Marie-George Buffet oder auch Dominique Voynet), und wer den «Smig» nicht beziffert, verspricht immerhin eine «Erhöhung» (Ségolène Royal).

Mit vollen Händen will José Bové schütten: Das hübsche Sümmchen von 10 Milliarden €uro zur Schaffung einer «Beihilfe für Jugendliche in Ausbildung». Und Arlette Laguiller verspricht grad 300 €uro «wenigstens» als generelle Lohnerhöhung monatlich für jedermann.

Andere zücken die Rute, was aber auch als «Geschenk» formuliert ist - als «Geschenk» an das entsprechende Wählersegment. Zum Beispiel von Philippe de Villiers, der 20 Milliarden Renten einsparen und mit der Abschaffung der 35-Stunden-Woche nochmals 20 Milliarden knausern will.

Immerhin weiss er, wo er den Pulver herholen will, während die anderen Geschenkeversprecher nicht die geringste Erklärung abgeben, wie sie ihre Lohnerhöhungen oder den Bau von Millionen von Sozialwohnungen zu finanzieren gedenken, sollten sie denn gewählt und auf ihren Versprechen behaftet werden.

Die meisten Franzosen wissen es selbst noch besser als ihre Politiker, dass Verzicht in vielem gefordert ist und neue Begehrlichkeiten gegenüber dem Staat gar nie erfüllt werden können. Und gleichwohl macht beim Verzicht niemand den Anfang, will niemand daran rütteln, was augenfällig zu ändern wäre: Nämlich weniger Staat und mehr Eigenverantwortung der Bürger. Das steht aber dem französischen Präsidialsystem entgegen und wird so noch bis zur nächsten Revolution fortdauern…


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Wahl-Prospekte deutsch - 1. Teil im Format PDF

• Wahl-Prospekte deutsch - 2. Teil im Format PDF

• A3-Format Prospekt Le Pen - 3. Teil im Format PDF


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