Artikel vom 31.03.2004

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Wirtschaft

Die Münster-Sonnenuhr hat ausgedient

Swatch-Guru Hayek wirbt für die kommende Uhren- und Schmuckmesse «BASELWORLD 2004» an der Basler Kathedrale

Von Jürg-Peter Lienhard



Für die Demontage der Sonnenuhr und der Montage der digitalen Swatch-Uhr musste das Baudepartement Basel einen Aussenlift an den Münsterturm bauen. Auf dem mit Teleobjektiv aufgenommen Bild zeigt Pfeil 1 auf die flache Kiste mit der noch «geheimen» Digital-Uhr. Pfeil 2 zeigt unter der Arbeitsplattform eine Version des Logos der Swatch und Pfeil 3 verweist auf den für die morgige Enthüllung angebrachten Vorhang. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004


BASEL.- Nach fast fünfhundert Jahren heitren Stunden hat der Sonnenuhr am Basler Münster das letzte Stündlein geschlagen: Weil das historische «Naturinstrument» als Folge der 1981 in der Schweiz eingführten Sommerzeit sommers stets die falsche Zeit anzeigt, wird sie nun durch eine zeitgemässe elektronische Digitaluhr ersetzt.

Das vom bekannten Basler Designer René Rosenberg gestaltete Ziffernblatt stellt zudem das neue Logo der demnächst beginnenden «Weltmesse für Uhren und Schmuck BASELWORLD 2004» dar und wird morgen Donnerstag, 14.30 Uhr, von Nikolas Hayek, dem «Vater» der Swatch-Uhr und Hauptsponsor der neuen Münsteruhr, enthüllt.

Während das Design der Münsteruhr bis dahin strenggehütetes Geheimnis bleibt, macht Hayek indessen keinen Hehl daraus, dass die ersten 1‘000 vom Entwerfer handsignierten Exemplare der eigens kreierten «Basler-Münster-Swatch» reissenden Absatz finden werden. Die Plastik-Armbanduhr wird allerdings den stolzen Preis von 150 Euro kosten, was umgerechnet rund 222 Schweizer Franken sind.



Hier noch ein letzter Blick auf die alte Sonnenuhr, bevor sie abgebaut wurde: Mit den dürren Zahlen verschwindet nicht viel, wovon man Aufhebens machen soll - die künftigen Digitalziffern sind wenigstens auch für Kurzsichtige lesbar. Die Sonnenuhr auf der Schattenseite bleibt allerdings bestehen. Seit der Einführung des gregorianischen Kalenders 1582 wird sie nur noch jedes Schaltjahr beschienen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004


Da von dem mitorganisierenden Baudepartement mit einem Grossandrang zu diesem Event im Vorfeld der «Weltmesse für Uhren und Schmuck BASELWORLD 2004» gerechnet wird, hat die Allmendverwaltung in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Absperrschlange mit sogenannten «Vauban»-Absperrgittern vorgesehen. Damit soll gewährleistet werden, dass Zuspätkommende sich nicht in die Warteschlange «hineinmogeln».

Zanolari: «Typischer Sauglattismus!»

Wie üblich in Basel, gibt es bei innovativen Neuerungen Opposition von Seiten der «Nein-Front» aus SVP und Schweizer Demokraten. Während die Vorsteherin des am Münsterplatz domizilierten Baudempartementes, Barbara Schneider, die Anbringung der Swatch-Uhr als «bereichernden Blickfang» begrüsst, bezeichnet die SVP-Grossrätin Angelika Zanolari die neue Digital-Uhr als «typischen Basler Sauglattismus».



Eine Version des vom Künstler Rosenberg eingereichten Vorentwurfs, der nun nicht zur Ausführung gelangt, weil Hayek einer zeigemässeren digitalen Version den Vorzug gab: Das Drachen-Motiv der St.-Georgs-Legende. Foto: Swatch, Bienne © 2004


Eher zurückhaltend äussert sich der «Hausherr» der Basler Kathedrale, Münsterpfarrer Franz Christ, der Einwände «indes nicht gegen die elektronische Uhr an sich» äussert: «Denn wir leben im elektronischen Zeitalter. Und angesichts der gedämpften Wirtschaftslage mit ihren verheerenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ist es durchaus selbstverständlich, dass auch das Münster seinen Beitrag an die Imagepflege der schweizerischen Uhrenindustrie leistet.»

Münsterpfarrer für «künstlerische Freiheit»

Doch hat Pfarrer Christ vielmehr «höchste Bedenken» wegen der «die Lesbarkeit der Ziffern einschränkenden künstlerischen Ausgestaltung der neuen Digitaluhr». «Allerdings», so Christ weiter, «muss man dies gleichwohl differenziert auffassen: Ich stehe gerne für die künstlerische Freiheit ein, aber die viereckigen Ziffern sind vor allem für unsere älteren Münsterbesucher doch wohl eher eine Zumutung.»



Diese Version der Swatch-Uhr an «seinem» Münster wäre Münsterpfarrer Christ mit Rücksicht auf seine meist betagten Predigt-Besucher lieber gewesen - für Hayek jedoch fiel dieser Entwurf «als zu banal» in der Vorentscheidung durch. Foto: Swatch, Bienne © 2004


Designer Rosenberg, sekundiert von Sponsor Hayek und von Messe-CEO René Kamm, steht dem Protest jedoch gelassen gegenüber: «Auch mein Design ist ein künstlerischer Beitrag. Ein zeitgenössischer zwar, aber das waren ja auch die gotischen und selbst die romanischen Skulpturen seinerzeit ebenfalls. Und sowieso: Regierungsrätin Schneider ist einverstanden und damit Basta!»

Tatsächlich ist der Beschluss des Regierungsrates «irreversibel», wie Staatsschreiber Robert Heuss kurz und knapp auf Anfrage verlauten liess: «Sonst diskutieren wir noch bis zur nächsten Jahrtausendwende!» Und: «Die Gegner übersehen wohl, dass die neue Uhr das Basler Staatsdefizit um keinen einzigen Rappen belastet, denn sie ist ein Geschenk des Swatch-Herstellers.»

Hayeks «Geschenkter Gaul…»

Wahrhaftig sponsert Nikolas Hayek das neue Uhrwerk aus dem Werbebudget seines Uhrenimperiums. Während er über den Preis nur ein schroffes «No comment» übrig hat (Hayek: «Einem geschenkten Gaul schaut man ja auch nicht ins Maul...» ), erklärte er stolz, dass die Einnahmen aus dem Verkauf der ersten 1000 «Basler-Münster-Swatch» «bis auf den letzten Rappen» dem Seniorenverein für notleidende Polizeibeamte Basel-Stadt e.V als Spende überwiesen würden. «Was vollends jegliche moralische Einwände ausschalten dürfte», meinte der Uhren-Manager gewitzt. Im Klartext heisst das: bei einem Verkaufspreis von 222 Franken sind das exakt 222 000 Franken...

Von Jürg-Peter Lienhard


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