Artikel vom 22.01.2007

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Mit Stumm unterwegs

Oskar Niemeyer - eine Begegnung

Die neuste Ausstellung in Onorio Mansuttis «Brasilea»-Kunstbau im Basler Rheinhafen Kleinhüningen ist dem Entwerfer der brasilianischen Hauptstadt gewidmet

Von Reinhardt Stumm



Während andere seiner Gilde mit Beton Städte und Stadtbild verhunzen, schuf Niemeyer mit dem jüngsten Material der Bau- und Wohnkultur Skulpturen und Dome. Foto der Foto von Onorio Mansuttis «Niemeyer-Panorama»: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Bauen hat Zukunft. Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer, geboren 1907, feierte kürzlich seinen hundertsten Geburtstag. Onorio Mansuttis Stiftung Brasilea feiert den Architekten und den Menschen Niemeyer in einer Austellung, die bis zum 15. März 2007 dauert.

Das geradezu Unglaubliche ist ja, dass ein Architekt den - etwas pauschal gesagt - Auftrag bekommt, eine Stadt zu bauen. Nicht eine Siedlung, nicht ein Dorf, nicht einen Stadtteil, nicht einmal einfach eine ganze Stadt sondern eine Hauptstadt. Mit allem Drum und Dran.

Mit dem erklärten Ziel, neben allem, was für eine Hauptstadt an Zweckbauten nötig ist für Verwaltung und Unterhaltung und weiss der liebe Himmel was noch, neben alledem auch zu sorgen für Auftritt und Repräsentation, für alles das, was eigentlich niemand braucht, ohne das aber eine Hauptstadt keine ist. Berlin nach der Wende ist nur das jüngste Lehrbeispiel. Was wäre Berlin ohne Hauptbahnhof, Kanzlersitz, Museumsinsel und Opernhäuser? Architektur ist nicht nur das Dach über dem Kopf, da täte es auch das Nomadenzelt. Architektur heisst, die Handflächen nach aussen gedreht und die Ringe nach innen gedreht, damit man die Steine sieht.

Oscar Niemeyer, gebürtiger Brasilianer und nicht etwa (wie ich immer glaubte) ausgewanderter Österreicher, Intimus und Freund des 1956 zum brasilianischen Staatspräsidenten gewählten Juscelino Kubitschek (auch er wurzelechter Brasilianer), war schon kein unbeschriebenes Blatt mehr, als er sich - gelehriger und abtrünniger Schüler Le Corbusiers - zusammen mit dem Stadtplaner Lucio Costa 1956 am Entwurfswettbewerb für Brasilia beteiligte, der neuen Hauptstadt Brasiliens.



Die Niemeyer-Ausstellung lockte an der Basler Museumsnacht am Freitag, 19. Januar 2007, mit brasilianischer Musik viel Publikum: Farbige Fotos des hellwach aussehenden 100-Jährigen rechts; die Schwarzweissaufnahme im Hintergrund zeigt ihn in den 60-er Jahren.


Niemeyer wurde, im Schlepptau von Costa, der den Wettbewerb gewonnen hatte, Direktor der Architekturabteilung der Planungsgesellschaft Novacap. Arbeitsbereich: Entwurf der Regierungsgebäude. Grundriss und Aufriss, Gesamtplan und Perspektive, Nutzbarkeit und Repräsentanz. Die Stadtmitte vom Reissbrett. Das hatte es noch nie gegeben. Die politischen Umstände waren günstig. Aber Niemeyer, Mitglied der Kommunistischen Partei, war sowieso Architekt, nicht Politiker. Möglich, dass der Kommunist am Ende Nein gesagt hätte, wo es um die Kathedrale, den Nationalkongress, den Präsidentenpalast, das Nationaltheater oder den obersten Gerichtshof ging. Der Architekt Niemeyer arbeitete. Man muss nur seine Liebeserklärung an die Kuppel lesen!

Der Zeichentisch, die Heerschar von Mitarbeitern, die Kollegen um den Erfinder, der herbeiträumte, wie das aussehen, wie das erscheinen sollte: Die Hauptstadt Brasilia. Niemeyer, der in den Jahren der absoluten Herrschaft des rechten Winkels die fliessenden Formen bevorzugte, die statischen Vorzüge des Eisenbetons erkannte und nützte, baute, was niemand bis dahin gebaut hatte.

Und was, gemessen am Reisewahn der Weltbevölkerung, immer noch nur wenige gesehen haben. Die Städte Brasiliens, die von Brasilia aus «verwaltet» werden, liegen tausend Kilometer entfernt an der Küste. Das Umland Brasilias ist seit fünfzig Jahren nahezu unverändert. Der Stadt fehlt, was eine Stadt zur Stadt macht, das bewohnte Umland. Dafür kann Niemeyer nichts. Das Unglaubliche bleibt, dass dieser Architekt, der nicht nur dort, der in Europa arbeitete, von dem es über 500 Bauwerke gibt (erinnert sei nur gerade an das PCF, den Hauptsitz der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris - in Niemeyers Sprache «Sede do Partido Comunista Francês»), sich mit Brasilia selber sein Denkmal baute. Und dabei noch etwas ganz Erstaunliches nebenbei leistete: Eine Architektursprache entwickelte, die damals belächelt wurde - und heute Vorbild ist. Alle grossen Architekten von heute haben bei Niemeyer gelernt, wenn nicht abgeschaut.

Man muss das sehen - und man kann es ganz leicht sehen. Die Stiftung Brasilea unten am Rheinhafen (an der Westquaistrasse) hat das an Dokumenten zusammengetragen, was nötig ist, um sich Bilder von der Wirklichkeit zu machen. Der Versuch, Niemeyer sozusagen persönlich zu begegnen, ist auf denkbar eindrückliche Weise gelungen. Wie lebt, wie wohnt der Mann, wie prägt er seine engste Umgebung stilistisch? Wo arbeitet er? Sensationell allein schon Niemeyer lebensgross mitten in einer 1:1 Fotografie seines Büros vor den Fenstern, die den Blick auf Rio de Janeiro und den Zuckerhut öffnen.

Und dann das Vergnügen, dem Hundertjährigen bei einem Gespräch zuzuhören und zuzusehen, das kürzlich in eben jenem Büro aufgezeichnet wurde. Die Gelassenheit, die Selbstverständlichkeit, die ausgreifenden Erinnerungen jenes Mannes, der keine fremden Stützen braucht - jeder Strich sitzt, hat die federnde Leichtigkeit spontaner Erfindung, vermittelt das Vergnügen am Schöpferischen - belegt durch eine lange Reihe von Skizzen von seinem Tisch.

Ein weitläufiges Rahmenprogramm, Vorträge und Filme, soll in den nächsten Wochen bis zum 15. März 2007 das Verständnis der wesentlichen Leistungen Niemeyers fördern. Er heisst übrigens mit vollem Namen so: Oscar Ribeiro de Almeida de Niemeyer Soares Filho.



Die Architekturausstellung ist ganz witzig gebaut: Die Gestaltung vermag einen vorstellbaren Eindruck von der Grösse und den Formen sowie von der Umgebung der Niemeyer-Bauten in Brasilia zu vermitteln. Vertikale Bildausschnitte, versetzt gehängt, bilden in der Perspektive ein Gesamtbild. Alle Fotos und Legenden: J.-P. Lienhard, Basel © 2007

Von Reinhardt Stumm

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• Mehr zur Ausstellung Niemeyers im Kunstraum «Brasilea»

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