Artikel vom 13.10.2006

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Basel - Kultur

Tomi Ungerer im Cartoonmuseum

Dem «enfant terrible» unter den Cartoonisten und Bürgern Frankreichs, dem weltberühmten Illustrator, ist eine Retrospektivausstellung zu seinem 75. Geburtstag gewidmet

Von Juerg-Peter Lienhard



Peter ist nicht nur ein Vorname, sondern eine für gewöhnlich als unanständig empfundene Tätigkeit, die, so hat die Wissenschaft errechnet, bis zu sieben Liter Gas auf die Menschheit loslassen kann. Wer nun die Nase rümpft, den geht das Bild besonders an und wurde auch deswegen vom Karikaturen & Cartoonmuseum in Basel für die offizielle Pressemappe von Tomi Ungerers Ausstellung (bis 25. Februar 2007) ausgewählt: Das Bild soll den «terriblen» Moralisten Ungerer vor Schein-Moralisten bewahren…


Er war immer ein eigenwilliger Künstler und ein spezieller Charakter, oder sagen wir es treffender: Ein Rebell. Das hat man in Frankreich, einem Land voller Kleinbürger, vor allem auf dem glatten Pariser Parkett gleichwohl gerne: Tomi Ungerer wurde vom französischen Kulturminister Jack Lang zum «Commandeur de l’ordre des Arts et Lettres» und vom Staatspräsidenten François Mitterand zum «Chevalier de la Légion d‘Honneur» ernannt. Eine ganze Reihe anderer hochkarätiger Auszeichnungen würden seine Brust zieren, hätten die Orden alle Platz!

Davon profitiert auch die Migros Schweiz. Ungerers Tuschzeichnungen mit Motiven aus dem berühmtesten aller Kinderbücher des deutschsprachigen Raumes zieren die Etiketten von Milch und Milchprodukten gleichen Namens: «Heidi». Das Buch von Johanna Spyri ist vom Diogenes Verlag Zürich wieder aufgelegt und mit den Zeichnungen von Tomi Ungerer versehen worden. Die Migros war derart begeistert, dass jetzt Milch und Käse der teureren Produktegruppe «Heidi» (nicht: biologisch!) Motive aus Ungerers Heidi-Buch zieren.



Ja, und da haben wir den Moralisten Ungerer. Die Nobelpreisträger Albert Schweitzer (Elsässer) und Bertrand Russell (Freund Schweitzers) wurden geehrt, weil sie gegen die Atombombe kämpften, wie Ungerer. Der ist immerhin Ritter der französischen Ehrenlegion. Eigenartig nur, dass ich diese Karikatur auf der Internetseite der Iran-Karikaturisten fand…


Lustig ist, dass auf der Nachrichtenredaktion von Radio DRS eine Heidi Ungerer arbeitet, welche die Nichte des Tomi ist; ihr Vater, also der Bruder Tomis, ist ein Zürcher Geschäftsmann… Die Leute im Elsass sind früher eben meist aus der alemannischen Nachbarschaft oder aus den protestantischen Hochburgen des Zürcher Oberlandes, Strassburg und Mülhausen zueinandergestossen.



Und auch das ist der Moralist Ungerer. Die Zeichnung stammt aus seiner New-Yorker Zeit, wo er den tödlich gelangweilten Jetset kennenlernte und beobachtete, von welchen Sexnöten diese Superreichen geplagt wurden, weil sie das mit ihrem vielen Geld nicht kaufen konnten: erfüllende Erotik, geschweige denn «Liebe»…


Doch zurück zu Tomi: Es sieht aus, als habe er in seiner Brust deren Seelen «zwi». Die des Kinderbuch-Illustrators und -Autors und die des bissigen, «unmoralischen» Querdenkers. Mit der «Unmoral» wurde er berühmt, mit den Kinderbüchern beliebt. Denn beides gehört irgendwie zusammen: Ungerers «Unmoral» ist Moral, denn er geisselt damit die als «moralisch» bemäntelte «Unmoral». Auf Deutsch: Er zeigt, was Sache ist, schockiert, weil das nicht wahr sein soll, was nicht wahr sein darf! Seine Kinderbücher, oder genauer: seine Bücher für Kinder von jung bis alt, zeigen eine unverkrampfte Seelenwelt, die unverdorbene Welt des Kindes nämlich. Diese Welt zeigt die Sehnsucht, die jeder Künstlerseele innewohnt: Die Sehnsucht nach der Wiedergewinnung des kindlichen Staunens und der unbeschwerten Lebensfreude, die durch die üblen Verführermächte des heiligen Antonius in Bedrängnis gerät.

Der heilige Antonius, der da in die Wüste flüchtete, um sich vor der Verführung zu verbergen. Eigentlich feige und erst noch lächerlich, dass der sich auf eine Insel, in einen Elfenbeinturm, also in eine heile Welt zurückzog, statt sich den Herausforderungen mannhaft zu stellen. Darüber machte sich der kleine Tomi jedoch noch keine Gedanken, obwohl ihn die Verführungsgeschichte, wie sie von Matthias Grünewald dargestellt wird, tief beeindruckte.

Immer wieder mogelte er sich während den Wartezeiten für den Schulbus zur Altartafel des Grünewald im Colmarer Unterlindenmuseum und konnte sich nie genug an der phantastischen Tafel mit der Verführung des heiligen Antonius sattsehen: Ekliges Gekreuche, üble, von Pest- und Syphilis verunzierte Gesichter, Geisterbahnfiguren also - das war die Bildsprache des Matthias Grünewald, der als Auftragsmaler des Klerus den des Lesens nicht mächtigen Katholiken Angst und Bange beizubringen hatte.

Der Bub Tomi lernte dabei nicht das Gruseln, aber wie man ein Plakat eindrücklich gestaltet, so dass die Botschaft verstanden wird. Und wie man Figuren zeichnet, und wie man sie so zusammenstellt, dass sie ohne Worte eine Geschichte kurz und bündig wiedergeben.

Jedoch begann sich der älter werdende Tomi - dessen Vater ein ganz unverklemmtes Verhältnis zu Schönheit und weiblichem Geschlecht hatte und dies auch lebte - bald einmal zu fragen, was denn an diesen Geistern und Gruselfiguren «verführerisch» sei. Ihm machten die derart angst, dass er sich nicht vorstellen konnte, von denen verführt zu werden, weil er die Bildsprache eben ganz wörtlich nahm.

Erwachsen geworden fiel ihm die Antwort wie Schuppen von den Augen: Was ihn verführte, und was er als wirkungsvollste Verführung des heiligen Antonius sich vorstellen konnte, was aber auf dem Altarbild Grünewalds jedoch fehlt, war ein… Arsch! Ein weiblicher selbstverständlich und mit allem drumherum und davor und dahinter!

Tomi Ungerer hatte die Scheinheiligkeit der Gesellschaft erkannt - nicht die Grünewalds, der sie nämlich zeigte, indem er das «Unaussprechliche/Unsichtbare» und für ihn höchst Lebensgefährliche, derart meisterhaft versteckte, dass Leute mit Grips es «sehen» mussten(!). Die Erotik war es, wovor der heilige Toni in die Wüste abseckelte, weil er damit nicht zuschlage kam, wohl, weil er ein Schlappschwanz war…



Da lernt man Zeichnen, aber auch sich fürchten: Unterlindenmuseum, Colmar - Issenheimer Altartafel mit der Bildgeschichte «Verführung des heiligen Antonius».


Mit diesen Analysen aus Ungerers Erzählungen damals, als er in Basel Anfang der achtziger Jahre den Jacob-Burckhardt-Preis des unter Altnaziverdacht stehenden Alfred Toepfers entgegennahm (aber die Hintergründe selbstverständlich nicht kannte, nicht kennen konnte - siehe Link am Schluss), könnte man Ungerers ungeschminkte «Erotik» erklären: Erotik und Humor schliessen sich nicht aus, zumal, wenn man das, was meist verlogen hinter dem Begriff «Liebe» versteckt wird, um die Erotik zu bändigen, derart «furztrocken» ist, dass einem der Humor dabei vergeht - dafür sorgen die «Moralisten» schon, eben die, die Tomi so gerne geisselt mit seinen bitterbösen, aufschlussreichen Erotik-Karikaturen.

Dabei eingeschlossen sind auch solche Karikaturenwerke wie «Satyrikon» oder das Taschen-Riesenbuch «Erotikon», das mindestens fünf Pfund auf die Waage bringt und leider schon vergriffen ist! Tomi hat die verlogene «Erotik» in New York und in Paris und anderswo studieren können, wo er eben die verklemmten Auswüchse des menschenverachtenden «Sex», Sadismus und Zynismus, beobachten, aber auch «hautnah» erleben konnte: «Ich habe alles ausprobiert», sagte er mir in Basel. Er wollte alles selber erfahren und wissen, um sich ein Bild ohne Moralin zu machen und gewann dann halt doch moralische Einsichten!



Die Eier von Herrn Meier machen die Hühner besonders glücklich - meint allein Herr Meier…


Alles andere, Künstlerische, Schöne, Gescheite über ihn kann man in vielen Publikationen von viel berufener Munde als hier oder in der Pressemappe des Karikaturenmuseums (siehe Link hier unten) einsehen - oder dann echt zwischen Pappe geklemmt von seiner Handschrift im Buchhandel erstehen.

Noch ein Wort zu Tomis wunderbaren Eigenschaften: Er ist «der» Elsässer schlechthin. Er ist das lebende Monument seiner selbst - als der Elsässer, der bald mal nur noch im Museum anzutreffen ist! Er ist ein Freigeist, ein Freibeuter der Phantasie, einer der grössten Könner seines Faches und unbezähmbar, wie es sich für einen Aufgeklärten - für einen erotisch Aufgeklärten - gehört. Das weiss nämlich die Psychiatrie schon lange: Was gemeinhin als «pervers» bezeichnet wird oder wurde, ist nur eine Spielart der Sexualität, und wenn man da den moralischen oder kirchlichen Deckel draufsetzt, nimmt es eben diesen echt verwerflichen «Not»-Ausgang, wo dann aber jeder Spass aufhört!

Noch ein Wort zum «Elsässer». Diesen Zug habe ich besonders gut erlebt und in Erinnerung behalten: Er leiht allen kleinen, unscheinbaren Initiativen der Kunst und der elsässischen Identität, hinter denen er Kreativität erkennt, gerne, liebend gerne, sein Gehör. Und manchmal zeichnet er gleich das Logo für sie, so wie er es für das Ecomusée d'Alsace, so wie er Plakate für Theatertruppen entworfen oder für ganze Stadtanimationen wie für Hamburg («Achtung: Die Elsässer kommen!») gemacht hat, wo Elsässer Figuren aus dem Korb einer bunten Montgolfière vom Himmel fallen: Unter ihnen eine in Strassburger Tracht, die der Luftzug hochhebt und darunter ein Frauen-Arsch ohne Höschen sichtbar wird, so dass ganz Hamburg sich daran ergötzte, sogar auch diejenigen, die daraus einen Skandal machten…



Die Lokomotive Ungerer spannt sich vor den Jungkünstler Christophe Meyer in Strassburg - die Bilder an der Wand sind allerdings nicht jene Meyers. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2006




Und hier eines der Bilder von Christophe Meyer. Seine frühen malte er auf ungehobelte Palettenbretter - immer Mammuts und Höhlenbären, Höhlenmenschen und Affenmenschen zum Motiv - die Fotos mit den alten Bildern finde ich grad nicht in meinem Archiv.


Ungerer hat sich oft vor eine Sache gestellt, radikal, kurzentschlossen und total gut - nicht nur vor eine elsässische, sondern auch vor die so schwache Organisation wie «Amnesty Animal», wo er in höchst entlarvenden «Karikaturen» das gestörte Verhältnis der Menschen zum Tier darstellte im Widerspruch zwischen närrischer Hunde-«Liebe» und eitlen Pelzmantelträgerinnen, zwischen der absurden Feinschmeckerei mit den am lebendigen Leib ausgerissenen Schenkeln der Frösche oder der Marter der Stopfmethode für Gänseleber…

Ich habe Tomi erlebt, wie er den hungernden und frierenden Künstler Christophe Meyer in seinem eiskalten, ungeheizten Atelier aufsuchte, um ihm mit seinem Besuch wenigstens die «Wärme» seiner Anerkennung zu bieten, und ich habe noch gut die Erzählung von Roger Siffer in den Ohren, als Kulturminister Jack Lang dem Tomi den Orden vorbeibrachte - man stelle sich vor: Der Minister kam höchstpersönlich, und pfiff nicht etwa den zu Ehrenden in die Hauptstadt. Allein, dass die «remise de l‘ordre» in Siffers «Choucrouterie» in Strassburg, einer absolut echten Künstlerbeiz mit Kleintheater, stattfand, ist ja schon eine Erzählung wert. Dass es dann aber so viele Gäste waren in diesem kleinen Lokal, ist in dieser eurokulturellen Geistesstadt, dieser fruchtbaren Reibungsfläche zwischen den Kontinentalplatten französischer Philosophie, Deutscher Kultur von Goethes Gnaden und der gewitzten elsässischen Lebenslust nicht verwunderlich.

Doch, oh Pein, Tomi, neben dem Kulturminister, war eingezwängt, konnte kaum die Arme zum Essen heben, geschweige denn aufstehen, und der Abend dauerte so lange, und so viel Flüssiges wurde gereicht. Was sollte Tomi tun, wer konnte ihm aus der Not helfen? Plötzlich steht er auf dem Tisch, schreitet über Gläser und leere Teller zum offenen Fenster und hüpft behend hinaus (Erdgeschoss). Man sieht nur Tomis Kopf und den Oberkörper, das Gesicht lugt zum Fenster hinein. Aus dem gequälten Zug in seinem Gesicht weicht mehr und mehr Erleichterung im wörtliche Sinne - darinnen tosendes Gelächter… Nur ein Tomi Ungerer kann es sich leisten, ungestraft vor einem französischen Minister zu schiffen…

Ungerer gehört zu den ganz Grossen, zu den ganz grossen Beobachtern seiner und unserer Zeit und seiner und unserer Umgebung. Er ist Philosoph - mit Zeichenstift, aber erst recht ein Philosoph der das tut, was ein Philosoph tun muss: Zum Denken, zum Mitdenken anregen, nein, zwingen! Seine Arbeit und seine Werke sind so gross, dass sie seinen bewegten Lebenslauf vollkommen überdecken. Die Würdigung seiner Arbeit würde so monumental ausfallen, dass es wohl lange gehen wird, bis sich einer daran wagt!

Hier steht nur etwas Klatsch, Klatsch, der wie jeder Klatsch, vielleicht amüsant ist, vielleicht auch nicht. Aber: Geben Sie auf Google unter «Google Bilder» «tomi-ungerer» ein: Da werden Sie staunen, falls Sie jemand sind, der gewillt ist, sich die Zeit zu nehmen, um die Bilder Tomis lesen zu lernen und den grossen Moralisten durch seine Zeichnungen zu entdecken. Und den schamlosen Realisten!





Diese Zeichnung heisst «Prinzip Hoffnung» und braucht keine weitere Erklärung - ausser vielleicht, dass in der Verkleinerung dieser Reproduktion vielleichet nicht gut sichbar wird, dass es sich bei dem «Pflänzchen» um Stacheldraht handelt…




Das Plakat zur der von mir produzierten Aufführung im Theater Basel, «Brecht auf Elsässisch», hat Tomi für Germain Muller, der Verfasser dieser elsässischsprachigen Version der «Kleinbürgerhochzeit», gemalt.




Ungerers «Heidi» auf den «Heidi»-Milchprodukten der Migros, wo das Heidi laut Etikette fragt: «Grossmueter, worum isch die Miuch so tüür, we sie denn nit emaal bio isch?» - oder so ähnlich…




Das ist Tomi Ungerers Lieblingsbild, das viele seiner Bücher ziert und stets im Katalog des Diogenes Verlag Zürich erscheint - aufgenommen vor Bartholdis Strassburger-Denkmal in Basel, von J.-P. Lienhard, Basel © 2006



Ausstellung zum 75. Geburtstag von Tomi Ungerer im Karikaturen & Cartoon Museum Basel vom

14. Oktober 2006 bis 25. Februar 2007

Vernissage:
Freitag, 13. Oktober 2006, 19 Uhr (Tomi Ungerer musste aus gesundheitlichen Gründen ganz kurzfristig absagen.)

Karikatur & Cartoon Museum Basel
St. Alban-Vorstadt 28
CH 4052 Basel

Öffnungszeiten

Mittwoch bis Samstag von 14 bis 17Uhr
Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Tel.: +41 61 226 33 60
Fax: +41 61 226 33 61

info@cartoonmuseum.ch

Anmeldungen für Führungen und Events unter:

fuehrungen@cartoonmuseum.ch

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Homepage: siehe Link hier unten

Von Juerg-Peter Lienhard

Fr weitere Informationen klicken Sie hier:

• Sogar in Iran wird Ungerer «gelesen» - auf «iranisch»…

• Pressemappe mit Ungerers Biographie im Format PDF

• Mehr über und von Tomi Ungerer: «Es war einmal mein Vater».

• Das Tomi-Ungerer-Museum in Strassburg


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