Artikel vom 10.09.2006

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Basel - Kultur

Das war's - aber was wird's?

Kostproben vor der wegen Hochdruckarbeit geschlossenen Haustüre zeigte das Theater Basel mit seinem neuen Team vor den ersten Saison-Premieren 2006/07 auf dem Theaterplatz

Von Jürg-Peter Lienhard



Einsamer Dauerleser, einsame Zuhörerin, phantastische Akustik, Kunst in der Kunst: Steven Karier liest «Tief im Abgrund» aus Richard Serras Plastik. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel @ 2006. Legenden: Vorsicht, un peu ironique!


Das ist doch etwas ungewöhnlich für die Theaterkultur in Basel: Ein neues Team stellt sich mit einem Lächeln statt mit Getöse seinem zukünftigen Publikum vor. So im Sinne eines Blicks durchs Schlüsselloch auf den Christbaum - Spannungsmachen statt Bluff? Wir wissen es (noch) nicht, werden es aber bald sehen! Gehört haben wir es jedenfalls an diesem Festlein aus vieler interner Munde: Hinter den noch verschlossenen Drehtüren des Theater Basel braut sich was Appetitliches zusammen, zumal das Leitungsteam ja auch tatsächlich fürs Publikum echt gekocht hat…



Das Theater vor dem Theater im Zirkus-Châpiteau: Gab am Wochenende Herrn Gutmanns Gebäude, das von allen Seiten wie von hinten aussieht, endlich etwas Farbe. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Doch bevor wir in die Tasten zur Pflicht-Berichterstattung hauen, hier einige Versucherli aus der Gerüchteküche, garniert mit Tatsachenhäppchen. Diese grad zuerst: Das Team der Angestellten hat den «Neuen» sehr herzlich aufgenommen, Theaterdirektor Georges Delnon, sei einer «zum Anfassen»; sein Team verbreite eine gute Stimmung. Dies sogar eklatant spürbar im Unterschied zum Vorgänger (wie hiess der denn noch?).

Eine Stimme aus dem «Bunker» - also aus Technik und Background, dem festen Personal -, sprach von «glaubwürdigem Auftreten». Das Leitungsteam habe eine klare Sprache und keine schwammigen Vorstellungen nicht nur von der Theaterarbeit, sondern auch vom Zeitgeist der Gesellschaft. Die neuen Leute seien keine «Insulaner», also keine abgehobenen Elitäre; sie würden sich vielmehr dadurch auszeichnen, dass sie die Vorgänge in Politik und Gesellschaft in der entsprechenden Relation beobachten und einbeziehen würden.



Ja, und das war der farbige Blick auf die etwas schönere Seite des Theaterplatzes während des Theaterfestleins. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


So stehe an allen «Schwarzen Brettern» die direktorale Weisung, dass «Ironie und Zynismus» zu vermeiden seien, und die Leute, die das angehe, hielten sich auch daran: Weil man in Basel auf ein gebildetes und informiertes Publikum zählen könne, denen man nicht eine «lange Nase, statt Fleisch am Knochen» präsentieren wolle. Ausgedeutscht meint dies, dass man mit absurden Provokationen das Publikum verhohnepipelt, statt zum Denken und Handeln anzuregen - letzteres also eher auf dem Programm statt ersteres steht! Na, wir wollen mal sehen!

Genau diese Einschätzung der Reaktionen seines Publikums äusserte Direktor Georges Delnon im persönlichen Gespräch: «Die Basler sagen sich bekanntermassen: Mir wei/wänn zerscht luege!» Und das ist wohl auch der Grund, warum keine «Theaterbombe» vor der Saison-Eröffnung gezündet wurde an diesem Wochenende vom 8. bis 10. September 2006: Nichts versprechen, was nicht gehalten, nichts grossmaulig verbreiten, was falsche Vorstellungen wecken müsste - also kein Bluff! Und den Direktor hätte man genau so gut übersehen können, wäre er nicht aus der Zeitung bekannt: Delnon war mitten im Publikum und nur pflichtgemäss bei der (Polit-)Prominenz anzutreffen! Und: er spricht im Umgang mit den Leuten den hiesigen Dialekt, wenngleich Berndeutsch parfümiert…



Drinnen im Zelt war das Programm so kontrastreich, wie Tag und Nacht, Sonne und Mond, die während fast allen drei Festtagen miteinander um die Wette leuchteten! Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Noch also wurde der Vorhang zum Start der Saison 2006/07 am Eröffnungsfestlein des Theater Basel nur ein kleines Spältchen geöffnet und auch erst in der Dimension eines Bierzeltes. Allerdings eines mit goldenen Sternlein auf tiefblauem Zelthimmel eines kleinen Zirkus-Châpiteau. Gab Stimmung, ziemlich eine der Theaterstimmung ähnlich. Alle früheren Saisonfeste waren ja im Foyer des grossen Hauses. Da wollte man nicht hinein, denn im Theater soll Theater gemacht werden!

Irgendwie gab's dann für jeden etwas, zumal für die Zufalls-Zuschauer, die Neugierigen und die, die ein «Kellner» aus dem Kunsthallen-Garten abholte. Ist doch immer wieder eindrücklich, ohne Aufwand an Garderobe, Agenda und Vorverkauf, sich über die «Arbeit» der Theaterkünstler ein Bild zu machen: Neidvoll den schlanken Tänzerinnen und Tänzern vom Ballett zuzusehen, was der menschliche Körper in Harmonie mit Musik, Kostüm und Bewegung hervorzubringen imstande ist, und zu erfahren, warum diese Musik, diese Kostüme und diese Bewegung…



Was hinter der Ballettarbeit steckt, zeigte die kommentierte Präsentation des Basler Balletts: Knochenarbeit, Knochenarbeit, Knochenarbeit - bis es endlich so leicht aussieht, als ob es keine Schwerkraft gäbe. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Aus allen Sparten dieses Dreispartenhauses, das sich Basel (noch) leistet, gab's ein paar künstlerische Häppchen oder Krümel, so wie das eben auch an einem Jodelfest oder an einem Stadtfest auch für Stimmung sorgt: Unterhaltungsabend, Unterhaltungsprogramm. Nur eben - mit den Mitteln eines professionellen Theaters mit den drei Sparten Ballett, Oper und Schauspiel. Jedoch auch angereichert mit scheinbar «lediglich theaterverwandten» Elementen. Nämlich Cabaret und Akrobatik!

Beides ist ja Salz und Pfeffer in den Klassikern, werden sie von guten Künstlern inszeniert: Fechtszenen beispielsweise, Reiten oder Kämpfen, nicht nur im Film, wo die Protagonisten gedoubelt werden! Unter der Aera Düggelin erlebte man an der Neubau-Eröffnung Karl Valentin in Reinkarnation. Am Delnon-Fest vom Wochenende war es das Kabarett-Duo «Ursus und Nadeschkin» - keine Berührungsangst, kein «Elitedünkel», aber Kontakt zu den Theaterwurzeln im Gauklerhimmel…



Akrobatik und clowneskes Cabaret gehören zum Theaterhandwerk, wie die Beisszange zum Zimmermann. Die Stelzenläufer waren zumal für die Kinder ein Riesenspass. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Im «Menu-Surprise» des Schauspieldirektors Elias Perrig gab's neben ohrenbetäubendem Lärm aus dem kommenden «Cyrano» tatsächlich eine «Surprise», die vielleicht auch irgendwie auf etwas hindeutet, was sehr interessant ist, aber auch eine fast vergessen gegangene ungewohnte Treue zum Metier zeigen könnte. Nämlich, warum müssen beliebte, erfolgreiche und gute Schauspieler jeweils mit einem «Neuen» einfach über Bord geworfen werden oder von Bord gehen müssen? Bleiben wir gleichwohl vorsichtig, aber wir machten in den kurzen Präsentationszeiten am Festlein da und dort «alte Bekannte» aus.



Geht man hoch zu Stelz herum, muss tief man bücken sich zum Publikum… (jpl) Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Zwei überraschten zudem auf herrliche Art und Weise im Kostüm der bösen alten Gumslen aus «Monty Python And The Flying Circus», hier zwei alte Danten aus dem Premieren-Publikum parodierend: Urs und Lou Bihler. Jawohl: Vater und Sohn. Es war zum Schreien, obwohl man wegen der schrecklichen Lautsprecheranlage nicht die Hälfte verstand - ganz hinten schon gar nicht. Junior-Bihler hat ein gutes Auge bei der Beobachtung von Rätsch-Wybern gehabt, und sein Buschi-Mondgesicht mit den hysterisch-entzückt rollenden Augen unter der kunstvoll gedauerwellten Perücke war das Tüpfelchen auf dem i!

Nein, was sage ich: das Tüpfelchen, der Bollen auf dem i waren die baseldeutschen Songs à la César Keiser und Margrit Läubli. Und sie forderten denn gleich ein «Basler Musical»… Brauchen wir ja wieder mal und sollen sie ja auch haben, denn ihre Texte, ja auf solche, haben wir schon lange gewartet!



Das seien nicht die billigen Plätze, meinte ein Besucher, sondern Freiluft-Plätze. Stimmt, by däm Wätter! Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Enfin: Wir geben's zu, wir haben nicht alles gesehen und gehört. Auf dem Programm standen auch am Freitag die unvermeidliche Podiumsdiskussion zu einem unvermeidlichen Thema, das aber von den Leuten bestritten worden war, die dazu wirklich etwas zu sagen hatten. Es gab auch Jazz, einen DJ am Samstagabend; das Radio DRS 2 sendete live «Musik für einen Gast», der Gast war Operndirektor Dietmar Schwarz und Maria Ossowski die Gastgeberin. Auf der Bühne, einem Nudelbrett, hatten kaum zwei Klaviere, dafür vier Hände daran Platz in Auszügen von Prokofjews «Peter und der Wolf»; ein Schlagzeug-Ensemble des Sinfonieorchesters Basel kesselte, dass es an 1356 gemahnte und, und, und



Hier nochmals der einsame Leser in der Plastik: Steve Karier las stundenlang und ohne Versprecher ein ganzes Buch von vorne bis hinten vor - das muss mal einer nachmachen, der sagt, Lesen sei keine Kunst! Leider konnte nicht mal Schauspieldiektor Perrig sagen, wer der Autor von «Tief im Abgrund» ist oder war. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Und damit schliesst dieser höchst unvollständige, höchst subjektive Bericht vom Theaterfestlein mit Delnon und Co. Immerhin mit besten Erinnerungen! Fast hätte ichs noch vergessen: Das Publikum! Die Altersklassen wechselten sich ab wie Wellen am Rhein, wohin die Organisatoren am Samstag übrigens einen Bus zur Kaserne organisiert haben, damit dort - merggsch ebbis - gewissermassen Schulter an Schulter Alternativ-Etabliert mit Etabliert-Alternativ alternativ weiterfesten konnte…



Drei der Delnons Musketiere vom neuen Leitungsteam des Theater Basel (von links): Michael Bellgardt, Elias Perrig und der Dramaturg Jakob Keling. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2006



Viermal derselbe, und immer mit Understatement: Georges Delnon, der neue Theaterdirektor Basels aus Bern. Fotos J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Postscriptum Werner Rihm

Das dürfen die Leser von webjournal.ch wissen, meinetwegen wissen müssen: Schreiben für‘s Publikum ist etwa gar nicht so einfach, wie es sich liest, vor allem, wenn es sich flüssig lesen soll (was es ja meist auch tut…). Dass Urs Bihler und sein Sohn Lou (nicht: Sohn Lou) einen ihrer Sketches dem im Juni 2006 verstorbenen Lati-Lehrer (horifierte Basler Schüler mögen sich erinnern, was Lati heisst), widmeten, habe ich trotz Höllenlärm aus den scheppernden Lautsprechern gleichwohl gut verstanden. Nur dachte ich, dass diese Aussage so klar und deutlich sei, dass ich sie beim Schreiben des obgenannten Artikels nicht vergesse. Pfyffedeggel - habe ich doch gleichwohl! Hiermit mindestens als PS nun nachgeschoben! Werner Rihm war übrigens auch noch Verwaltungsrat des Theater Basel; als Lateiner wohl der letzte Mohikaner. Denn «Lati» ist ein Auslaufmodell, sagte mir gleich heute, Sonntag, 10. September 2006, der junge (!) Lati-Lehrer Mario Higy vom RG an der «Cargo-Bar»… Gibt zu denken: eines Tages genügt ja sowieso nur noch: nichts mehr - oder eine Kreditkarte!



Von Jürg-Peter Lienhard

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