Artikel vom 08.06.2006

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Mit Stumm unterwegs

Eine Geschichte als Türöffner

«Die Zauberflöte» gehörte schon zu unserer Kindermusik, die wir respektlos mitsummten oder mitbrummten, wenn nicht gar pfiffen…

Von Reinhardt Stumm



Schön böse, die schöne Böse: Silvia Staubli als «Königin der Nacht». Fotos: Charlotte Fischer © 2006

Einen unterhaltsamen Ausflug in die phantastische Welt der menschlichen Seele verspricht die Goetheanumbühne dem Betrachter des «drittgrössten Rätselwerks unserer Kultur» (Peter von Matt). Man kann «Die Zauberflöte» aber auch einfach nur gern haben!



Held und Genie: Ralf Simon als Tamino mit Mozart unterm Arm.

Das Theater ist keine felsichte Gegend, die hie und da mit Bäumen überwachsen ist – wie das Libretto vorschreibt. Es gibt auch keine gangbaren Berge auf beyden Seiten, von einem runden Tempel ist auch nichts zu sehen. Auch theilen sich die Berge nicht aus einander, wie für den sechsten Auftritt vorgeschrieben, das Theater verwandelt sich auch nicht in ein prächtiges Gemach. Noch einmal viel später soll sich das Theater sogar in zwey grosse Berge verwandeln, «in dem einen ist ein Wasserfall, worin man sausen und brausen hört; der andre speyt Feuer aus; jeder Berg hat ein durchbrochenes Gegitter, worin man Feuer und Wasser sieht; da, wo das Feuer brennt, muss der Horizont hellroth seyn, und wo das Wasser ist, liegt schwarzer Nebel. Die Scenen sind Felsen, jede Scene schliesst sich mit einer eisernen Thüre».

Das alles können wir uns denken, aber wir brauchen es überhaupt nicht. Wir sehen dafür das mitten auf der grossen Goetheanumbühne, was nach unserem Verständnis «Die Zauberflöte» ist: Die Musik. Da sitzt, uns zugewendet, das Orchester, die «basel sinfonietta», vor ihm, dort, wo man sonst den Souffleurkasten suchen würde, krabbelt Christof Escher in die Kiste, dreht uns die Kehrseite zu und befiehlt den ersten Ton – und den kennen wir. Wir kennen beinahe alle Töne, die wir in den nächsten zweieinhalb Stunden hören; «Die Zauberflöte» gehörte schon zu unserer Kindermusik, die wir respektlos mitsummten oder mitbrummten, wenn nicht gar pfiffen, und der Name Mozart war uns so geläufig wie der Name des Kinderarztes oder des Bäckers.

Das weiss auch Johannes Peyer, der auf der Goetheanumbühne Regie führte. Anders als kürzlich noch drüben im Burghof in Lörrach, wo Thomas Hengelbrock gar keine Wahl hatte und sein Orchester für eine Aufführung von Purcells «King Arthur» auf der Bühne unterbringen musste, weil es keinen Orchestergraben gibt, durfte in Dornach bei freier Wahl zugunsten der Musik entschieden werden. Ein wundervolles Bild, die Spieler bewegen sich zwischen Rampe und der Zone hoch über den Köpfen der Musiker, und dass der musikalische Leiter Escher ganz vorne sass, war auch noch praktisch, mal musste er eben schnell ein Seil halten, mal einen Dolch verstecken.

Wenn ich mir den Aufbau der Bühne als Entscheidung für die Musik denke, dann deshalb, weil ich das Stück so hoch unmöglich schätzen kann. Freilich ist es zweifellos sehr gut gemeint – aber ist nicht das Gegenteil von Kunst gut gemeint? Auch so ein unvergessener Kinderspruch. «Die Zauberflöte» zu intellektualisieren ist kein Weg. Wüsste man, was Mozart sich dachte, als er Schikaneders Text auf dem Tisch hatte, könnte man die Spekulationen lassen. Was schade wäre. Dann liesse sich nicht mehr so leicht dieses oder jenes denken. Zum Beispiel, dass der Text für den Komponisten gerade genug Energie hatte, um Räume zu öffnen, in die ihm niemand anders folgen konnte. Es erstaunt doch oft genug, dass Banalitäten seelische Energien freisetzen, dass sie zwar schwer fassbare geheime Bereiche des Schöpferischen wie gut passende Schlüssel öffnen, aber das war es dann auch, durch die Tür können nicht einmal mehr die folgen, die die Schlüssel gemacht haben.

Wir haben den weisstrahlenden Tamino (Ralf Simon), wie zum Empfang bei einem französischen Ludwig gekleidet, wir haben den bunten Papageno (Teru Yoshihara), beide leicht, kraftvoll, spielerisch oder gewichtig, wie die Partie es befiehlt, wir haben Pamina (Rebecca Ockenden), das leicht erschütterbare Original des bezaubernd schönen Bildnisses, dem Monostatos (Peter Lindenmann) verfallen ist:

He Sclaven! legt ihr Fesseln an,
Mein Hass, soll dich verderben.

Die arme Pamina! Was soll sie tun?

O lass mich lieber sterben,
Weil nichts, Barbar! dich rühren kann.

Aber sie stirbt nicht, sie sinkt (im Original) nur ohnmächtig auf ein Sofa. Wir haben die starke Papagena (Stefania Gniffke), durch nichts zu erschüttern, und wir haben den schweren Sarastro (Clemens Morgenthaler), der der wundervollen, verführerischen und erschreckenden Königin der Nacht (Silvia Staubli) nicht wohl will. Deshalb dürfen seine Priester auch singen, was heute den Kopf kosten würde;

Bewahret euch vor Weibertücken:
Dies ist des Bundes erste Pflicht!
Manch weiser Mann liess sich berücken,
Er fehlte, und versah sichs nicht.
Verlassen sah er sich am Ende,
Vergolten seine Treu mit Hohn!
Vergebens rang er seine Hände,
Tod und Verzweiflung war sein Lohn.

Ich habe allen gern zugehört und muss mit mir selber ausmachen, was davon auf Konto Können und was auf Konto Sympathie geht. Staunen musste ich freilich über die Glockenreinheit der Stimmen der drei Knaben, die von den drei Damen angekündigt werden:

Drey Knäbchen, jung, schön, hold und weise,
Umschweben euch auf eurer Reise,
Sie werden eure Führer seyn,
Folgt ihrem Rathe ganz allein.

Ich habe wahrhaftig zum ersten Mal in meinem Leben die Versessenheit von Opernnarren für Knabenstimmen vor dem Stimmbruch begriffen. Hier kommen sie zum zweiten Mal in Sarastros Auftrag:

Er schickt, was man euch abgenommen,
Die Flöte und die Glöckchen euch.
Wollt ihr die Speisen nicht verschmähen,
So esset, trinket froh davon!
Wenn wir zum drittenmal uns sehen,
Ist Freude eures Muthes Lohn!
Tamino Muth! Nah ist das Ziel,
Du Papageno, schweige still.

Das Ziel erreicht? Die Regie hatte ihre Probleme. Der erste Akt dient naturgemäss der Entfaltung der Geschichte, ist also ziemlich handlungsarm. Und das heisst, dass es schwierig ist, die Sänger sinnvoll zu bewegen. Was sollen sie mit sich anfangen? Im zweiten Akt ist dann wirklich Betrieb, die Geschichte läuft und damit laufen die Bilder dann natürlich fast von selber. Was Regie leisten kann, wurde beispielhaft und wie ganz nebenbei am Schluss deutlich: der böse Monostatos, die drei Damen, die Königin der Nacht, sinken auf der linken Bühnenseite lautlos übereinander in sich zusammen wie Puppen, aus denen die Luft entweicht, böse Träume, bedrohliche Bilder, besiegt, überwunden.

Weitere Vorstellungen:

Freitag, 9. und Smstag, 10. Juni 2006, um 19.00h
Sonntag, 11. Juni, um 15.30h
Samstag, 17. Juni, um 19.00h
Sonntag, 18. Juni, um 15.30h (Dernière - letzte Vorstellung)



Das könnte schief ausgehen, geht aber nicht schief aus: Die «Zauberflöte» baut auf ein Hyppy-End! Die Figuren von links nach rechts sind Monostatos (P.Lindenmann) Pamina (R.Ockenden) Sarastro (C.Morgenthaler).

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Zur Seite «Zaubeflöte» des Goetheanums

• Homepage der Fotografin Charlotte Fischer


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