Artikel vom 02.05.2006

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Elsass - Allgemeines

Mit Fotosaga am Schluss

Das war das Geissenfestlein

Die traditionelle 1.-Mai-Veranstaltung auf dem Schloss von Biederthal zog viel Volk aus der Dreiländerecke an - ein kleiner Rückblick in Text und Bild

Von Jürg-Peter Lienhard



Die Fernex' und ihre 77 Geisslein: absoluter Höhepunkt für die Kinder von hüben und drüben im Dreiländereck am traditionellen 1.-Mai-Festlein 2006 in Biederthal. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2006



BIEDERTHAL (SUNDGAU/ELSASS).- Während die einen Krawall veranstalteten, feierten die anderen friedlich und nicht minder politisch: Das Schlossgut von Biederthal, einstmals eine unbewohnbare Ruine, ist der Ausgangspunkt für zahlreiche politische und kulturelle Initiativen im Dreiländereck, ist jedes Jahr am 1. Mai Treffpunkt von hochmotivierten Leuten aus der biologischen und kunsthandwerklichen sowie der Umweltschützer-Bewegung - aber auch einfach von Leuten mit Grips und Sinn für Lebensqualität.

Die Fernex-Sippe. Eine Sippe entsteht, wenn sie von «biophilem» Geist gezeugt (was die Fernexen so wohl noch nie lesen mussten…). Immerhin habens alle Kinder und Kindeskinder der Fernex-Familien gut und sind auch gut geraten. Aber nicht so, wie es Fussballvereine, die Bankgesellschaft und das Militär es sich wünschen! Das spüren auch alle anderen Kinder, die bedauerlicherweise nicht zur Fernex-Sippe gehören, aber um so liebend gerne bei deren Geissen und anderen Tieren auf Besuch sind!

Leider ist der grosse Besuchstag bei den Fernex-Geissen nur einmal im Jahr - dafür aber intensiver wie sonst: In unserer Vorschau berichteten wir von den diversen Veranstaltungen am 1.-Mai-Festlein 2006 mit Clown und Zauberer, Ausstellung und Markt, «Flammeküecha» und Merguez sowie Bio-Weinen aus Frankreich und dem Elsass (…)!



Die Schlosscheune festlich «bebankt» - auf dem Dach eine Solaranlage, für die einen ein Fauxpas, für die anderen eben der Kompromiss, den historische Gebäude eingehen müssen, sollen sie erhalten bleiben.



Doch zunächst ein Wort zum «Sippengründer» Michel Fernex: Der Genfer Medizin-Professor hat in jungen (und noch nicht gut verdienenden!) Jahren eine alte, abbruchreife «Baracke» in Biederthal gekauft. Die unbewohnbare Ruine stand schief und drohte zusammenzubrechen. Der Zufall führte ihn mit dem Biederthaler Ofensetzer Pierre Spenlehauer, damals noch Maurer auf Basler Baustellen, sowie mit Marc Grodwohl, dem Gründer des späteren Ecomusée d‘Alsace zusammen. Spenlehauer richtete mit schwerem Material die Hütte wieder auf und Zahltag um Zahltag, Jahr um Jahr, investierte der Mediziner Fernex in die wohnliche Wiederherstellung des riesigen steinernen Gebäudes.

Es war nämlich das Schloss Biederthal, ehemals Besitztum der Grafen von Pfirt und Sommerresidenz der Herren von Burg im gleichnamigen Schweizer Örtlein unweit. Die Erklärung ist nötig, weil diese Abbruchruine im Laufe der Fernex‘schen Fronarbeiten wieder ein Gesicht bekam und sich heute als sehr stattliche Schloss-Anlage präsentiert - wenn man die Augen dafür hat. Kaum zum Leidwesen der Fernex‘ versteckt sich das Schloss hinter einer Platanen-Allee, weshalb es vorbeirasende Auto-Ausflügler kaum bemerken, und darunter sind oft sehr unverständige Neider… Denn Arbeit, finanzielle Entbehrung und Leidenschaft sind für Unwissende nicht sichtbar!



Die Schloss-Anlage ist nur von hinten und aus ziemlicher Distanz als Gesamtansicht wahrnehmbar: Ein stolzer, ein phantastischer Anblick - allerdings sauer und mit viel Schweiss, aber auch durch umfassende Recherchen verdient (nicht: verpfuscht)!



In der Verbindung mit der französischen Solange ging Michel Fernex eine sehr glückliche und «fruchtbare» Beziehung ein, die eine stattliche Söhnemannschaft nach sich zog. Ein Sohn, nämlich Etienne, lernte Käser und zog eine Geissen-Käserei in der ehemaligen Schloss-Scheune des elterlichen Schlosses auf. Auch die Scheune war eine Ruine und ist jetzt Käserei, Kramladen und Ausstellungsraum. Die Käslein kann man schon seit Jahren im Schloss-Kramladen und auf dem Basler Märt erstehen.

Die Geissen tollen hinter dem Schloss, und besuchende Kinder tollen mit den Zicklein in der Scheune. «Informations-Minister» ist Etiennes Frau, Agnès, die auch Künstlerin ist, die wieder Fernexen produzierte - alles sehr speziell begabte Kinder, die wohl auch wieder begabte Nachfolger produzieren werden…

Was noch nicht ganz deutlich wird aus dieser Schilderung: Die Käserei ist biologisch, das Gemüse und die anderen Lebensmittel im Kramladen auch, meist gar Demeter-Produkte, also solche, die nach anthroposophischen Kriterien angebaut oder hergestellt worden waren. Was ebenfalls nicht ganz deutlich in einer schriftlichen Aufzählung zu werden vermag: die Produkte sind mit grösster Liebe hergestellt, man sieht es ihnen an, ja man riecht es sogar!



Wo es Geissen hat, sind bekanntlich die Geissenkäse nicht weit. Auf französisch heissen sie «Crottins», was auf deutsch nichts anderes als «Rossbollen» heisst und von Kennern der überreifen Geissenkäslein den Namen bekommen haben: Liebhaber mögen sie erst, wenn sie so braun sind, wie ein Rossbollen…



Michel und Solange Fernex, die «Stammeshäuptlinge», haben neben ihrer beruflichen Tätigkeit und den erwähnten Heimatschutzbemühungen noch viele nicht zu unterschätzende Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft weit über die Grenzen hinaus geleistet: So war der feinsinnige Intellektuelle Michel Fernex ein initiativer Mitverfasser des Luchs-Wiederansiedlungs-Programmes im Elsass und in der Schweiz, Initiant zahlreicher Natur- und Kultur-Projekte.

Seine französische Frau war Politikerin der Grünen Frankreichs und Abgeordnete im Europaparlament. Sie stieg für viele Projekte buchstäblich auf die Barrikaden, manchmal mit Erfolg, aber selbst dort, wo sie Misserfolg erntete, säte sie doch wiederum Samen, die dann später aufgingen und noch aufgehen werden: Das Naturbewusstsein im Elsass, sogar im Sundgau (!) wächst, zumal bei der jungen Generation!

Ich will Sie nicht foppen, weil Sie das traditionelle 1.-Mai-Festlein in Biederthal verpassten, aber wenn Sie die weiteren Stimmungsbilder ansehen, könnte es Sie wohl nächstes Jahr dazu bewegen, mal am Festlein teilzunehmen - die Käse und anderes gibts jedoch das ganze Jahr im Schloss-Kramladen und auf dem Basler Märt. Wer mit dem Tram hinfahren will, fährt bis nach Rodersdorf (Endstation), von wo es nur eine Viertelstunde zu Fuss bis zum Schloss Biederthal ist! Viel Vergnügen dabei!



Wollschweine-Mama, speziae rara (eine gefährdete, seltene Rasse), mit ihrem Dutzend Frischlinge, die aber so schreckhaft und quicklebendig sind, dass man nie alle aufs Mal aufs Bild bekommt…

Schauen Sie weitere Bilder vom 1.-Mai-Festlein 2006 an, indem Sie auf den nachfolgenden Link klicken.

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Fotosaga im Format PDF zum runtersaugen

• Weitere Links zu Biederthal und dessen Kultur-Programm sowie Artikel auf webjournal.ch


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