Artikel vom 15.02.2004

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Poesie

«Fräulein! Ein drittes Glas!»

Brambachs Botschafter heissen Bachmann und Batschelet.

Von Reinhardt Stumm



Anna Batschelet und Raphael Bachmann auf der «Bühne» der Weinstube im Unternehmen Mitte. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004



BASEL.- Der Schauspieler, Texter und Regisseur Raphael Bachmann nahm sich Rainer Brambachs Kneipenlieder vor, Anna Batschelet setzte sich ans Klavier. Der Lohn der Mühe: ein kleiner, ein schöner Abend, zum Zuhören, Mitfühlen und Mitdenken.

Es ist wie ganz früher, es erinnert mich ein bisschen an «Cabaret», nicht an das Musical, das so heisst, sondern an den Film (nach dem Buch von Christopher Isherwood) mit jenem atemraubenden Berliner Conférencier, der schnell und ohne Umweg, heiss und kalt, vulgär und dünnhäutig zugleich erzählt und kommentiert. Raphael Bachmann sucht diesen Ton und findet ihn manchmal, dieses etwas Verrauchte und Beiläufige, in dem sich Herablassung und Beschwörung gleichermassen finden. Ein schöner Abend der ausgewogenen Ambivalenzen (falls es das gibt)!

Unser aller Lieblingsgärtner

Rainer Brambach steht auf dem Programm. Der Basler Dichter, unser aller Lieblingsgärtner, starb 1983, vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Er war (1917 geboren) 66 Jahre alt; er war feinnervig und empfindsam, und ein Raubautz war er auch. Er liebte gleichermassen die kraftvollen Vergnügungen des Leibes und der Seele, und er liebte die, die sie mit ihm liebten.



Rainer Brambach in seiner geliebten Weinstube bei Frau Haldimann im Sankt-Alban-Stübli einmal fotografiert und einmal porträtiert von Alexander Zschokke. (Archiv Diogenes-Verlag, Zürich)

«Kneipenlieder», die waren schon damals, als sie zum ersten Mal erschienen (1974), das denkbar reinste Vergnügen. Mit den Freunden Frank Geerk und Tadeus Pfeifer in den stillen Winkeln versteckter Beizen, mit dem Zeigefinger in die Bierfeuchte der Tischplatte zu malen, auf das zu horchen, was in diesen heitersten aller Tagesstunden in die Seele fällt. Still musste es sein, auch wenn Brambach ein lautes Wort durchaus zu sagen wusste:

Hier können wir nicht schreiben,
die Bude ist zu laut,
da mancher hier so lauthals hockt
und auf die Pauke haut.


«Saure Kneipe» steht darüber. «Kneipenlieder», ein kostbares Büchlein, eines für die Hosentasche, eine wundervolle Tröstung des Gemüts für schwere Stunden, das denkbar Heiterste für leichte. Lob des Weins, Lob der Freundschaft, Lob der Stille.

In der Weinstube - wo denn sonst?

Zu dem kleinen Brambach-Abend, von dem hier die Rede ist (zuletzt zu hören in der Weinstube des Basler Unternehmens Mitte), hat sich Raphael Bachmann die Musikerin Anna Batschelet geholt (nicht zum erstenmal, lese ich). Von da an wurde es eine Stilfrage. Gedichte zu lesen ist eines, einen Abend mit Brambach-Gedichten und Musik machen, ein anderes. Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Anna Batschelet am Klavier. Tonkaskaden perlen, Marschtritte werden ausgemessen, Tanzrhythmen schmeicheln, Tongirlanden schweben kokett davon. Sie macht das schön, leicht, unaufdringlich, vergnügt, witzig und kraftvoll. Dazu passt Bachmann, der diese Texte leicht nimmt, ohne sie doch deswegen aufzulösen, der Vergnügen hat an ihren Pointen und uns dieses Vergnügen nicht vorenthält. Der mit Pausen umgehen kann, was nicht nur ein Beweis für die Qualität der Texte ist. Es sind bilderreiche Texte, und die Bilder müssen aufblühen und leben, wenn die Verse nicht sterben sollen.

Und in der Tradition des «Überbrettl»

Zwischendurch die Erinnerung daran, dass solche Abende einst zum festen Programm des anspruchsvollen Bildungsbürgers gehörten. Damals waren (im Parkett und auf der Bühne!) die Herren noch angezogen und die Damen gekleidet, und «Brettl» war der (aus München stammende) Begriff für diese Art von literarischem Cabaret – auch aus München kam gleich mit das «Überbrettl», ein Spielplatz für Intellektuelle (Frank Wedekind gehörte dazu) und ihre wundervollen Spitzfindigkeiten, für ihre messerscharfen Bosheiten, ihre sprachliche Virtuosität. Mit den sagenhaften zwanziger Jahren hörte es auf, die Erinnerung daran ist gerade noch lebendig genug, um die Ahndamen und -herren dieses Brambach-Abends «Bei Wein und Nüssen» zu erkennen.

Ein feiner Riss geht durch das Programm. Das reine Vergnügen an diesen Texten hier, da die leise Trauer um den, dem wir sie verdanken, der nicht mehr dabei ist. Dass wir es spüren, kann nur, muss Absicht sein, für die wir danken.



«Bei Wein und Nüssen» - ein Hörbuch mit Musik und einer Illustration auf dem Cover von Joos Hutter (gemalt mit Filzstift und Kaffee auf Papiertischtuch) hält die Erinnerung an Rainer Brambach wach. Zu bestellen unter a.batschelet@magnet.ch

Klappentext zu «Gesammelte Gedichte» bei Diogenes:

Er war einer der originellsten deutsprachigen Dichter seiner Generation, Martin Heidegger, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Peter Huchel und Günter Eich zählten zu seinen Bewunderern - Rainer Brambach. Dieser Band umfasst alle Gedichtbände, die Rainer Brambach zu Lebzeiten edierte oder noch zum Druck vorbereitet hat und die somit sein eigentliches dichterisches Werk bilden. Brambachs langjähriger Freund Hans Bender, Schriftsteller und Anthologist, hat das Nachwort geschrieben.

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

Anna Batschelets Homepage

Brambachs gesammelte Gedichte bei Diogenes

Neuster Eintrag bei Diogenes

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