Artikel vom 15.02.2004

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Drummeli

Geld regiert (leider) auch die Schnitzelbangg-Kunst

Geniale Selbst-Parodie

Fürs Auge ein guter, für den Inhalt ein hervorragender Jahrgang, aber musikalisch ein mittelmässiger. Die Bewertungen am Schluss dieses Artikels. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2004

Von Jürg-Peter Lienhard



BASEL.- Das «Drummeli» heisst ausgeschrieben «Monstre-Trommelkonzert» - mit Betonung auf «Konzert». Das Publikum will aber immer mehr auch spektakulär unterhalten werden - wie es eben von der Glotze her (ver-)gewöhnt ist. Der Regie des diesjährigen Jahrgangs des «Drummeli» gelang jedoch ein Spagat zwischen diesem fragwürdigen Anspruch und dem Prinzip «weniger ist mehr» und hat damit ein «Drummeli» realisiert, das wohl als Qualitäts-Jahrgang in die Fasnachtsgeschichte eingehen wird. Dass die musikalischen Darbietungen nicht ganz diesem Anspruch genügten, kann der Regie von Simone Schoop nicht angelastet werden.

Zunächst einmal ein Überblick über das Geschehen, bevor wir die Rosinen der Premiere vom Samstag, 14. Februar 2004, in der Messe Basel herauspicken. Es ist gewiss eine Kunst, auf dem Nudelbrett des Mustermesse-Festsaals eine Darbietung von der Grössenordnung eines Drummeli mit Hunderten von Teilnehmern zu inszenieren. Zwar verfügt der Saal über eine gute Lichtanlage, aber die Bühne hat keine Tiefe.



Und so müssen Hundertschaften links und rechts durch einen schmalen Korridor abgehen, was deshalb zu aufgezwungenen Pausen führt. Dies Handicap hat Regisseurin Schoop so gelöst, dass sie zwischen den Auftritten den Saal und die Bühne bei offenem Vorhang verdunkelte. Geisterhafte Schatten montierten dann die Requisiten und die Cliquen nahmen im Dunkeln Aufstellung - das förderte zudem die Spannung auf das zu erwartende beleuchtete Bild.



Nur wenige Dekors waren üppig, keines überladen, und so rückte besonders bei den Rahmestiggli die Aussage in den Vordergrund, weshalb vieles in der Erinnerung wohl haften bleibt. Störfaktor war die Tonanlage - unsere Klage verhallt wohl ohne Echo: Die blöd mit hautfarbenen Pflästerchen an die Wange geklebten Mikrofone sind optisch schon ein Ärgernis. Doch besonders ärgerlich ist die Tonverstärkung: Jede Rolle schallt gleich in den Raum, ob nun einer links oder rechts spricht, und man weiss nie genau, wer nun die Parole hat…



Darum hat wohl der Fasnachtsgott der CCB diesen Streich gespielt: Der Central Club konnte seine Darbietung nicht zeigen, weil der computergesteuerte Beamer streikte. Ein Zeichen, das die Fasnächtler für die Zukunft verstehen sollten. Am Drummeli gehts ums Konzert und nicht um technischen Firlefanz!



Nun aber zum Inhalt: Die Regie nahm das Wort Rahmestiggli wörtlich. Das Anfangsbild war denn auch das Schlussbild und gab daher im wörtlichen Sinne einen - reizenden - Rahmen ab. Die Texte waren wunderschön komponiert, fast liebevoll und gleichwohl mit vielen diskreten Seitenhieben. Am linken Bildrand eine Rolltreppe, vor denen sich die Akteure stauten, nahm den Rolltreppenstau in der neuen Bahnhofspasserelle aufs Korn, war aber auch Bühne auf der Bühne. Zu Beginn wollten die Teilnehmer rauf, im Schlussbild kamen sie runter und formierten sich zu einem Schyssdräggzygli, das - wohin wohl? - sich zum Ausgang bewegte: zur Fasnacht nämlich…



Bleiben wir noch einen Moment bei den Rahmestiggli. Wer nicht gerade ein Trommelhund oder ein Pfyffermyysli ist, wartet natürlich am liebsten auf die Rahmestiggli und auf die Schnitzelbängge. Diese sind aber eben nur Rahmestiggli für die Trommel- und Pfeiferkonzerte. Am Drummeli ist das daher etwas anders als an den mittlerweile fast unübersehbar vielen vorfasnächtlichen Veranstaltungen, wo vor allem die Stiggli mitunter zu ganzen Schauspielen anwachsen. Die vielen Vorfasnachtsproduktionen zeigen aber auch die Breite der Basler Fasnachtskultur, die alle Schattierungen vom Cabaret bis zur künstlerischen Darbietung belegt und mit dem Fasnachtskonzert im Stadttheater wohl auch aufzeigt, dass das Niveau wie auf der Richterskala «nach oben offen» ist…



Mit Absicht gehen wir hier nicht auf Zitate aus den Stiggli ein - um den künftigen Besuchern des Drummeli die Pointen nicht vorwegzunehmen. Aber ein paar Beschreibungen hat das Diesjährige doch verdient. Basler lieben das Thema Tod, wofür die Fasnacht ja geradezu geschaffen scheint. Vielleicht drückt diese anhaltende Aufmerksamkeit das Bedauern über das frevlerisch abgerissene Totentanzbild von Holbein am Basler Totentanz aus? Ein sehr schönes Rahmestiggli zum Thema «Dr Dood» hatte ausgesprochenen Tiefgang - sowohl in der Darstellung wie auch im Text, der sehr sorgfältig mit diesem heiklen Thema umging. Aber auch die Schminke des Todes oder das Requisit, das in der Spiegel-Szene wohl eine Anlehnung an den berühmten Faust-Film mit Quadflieg und Gründgens sein dürfte, ist eindrücklich.



Fasnacht heisst in Basel das Synonym für Parodie: Parodie auf den Dialekt der Vertreter des Daigs, Parodien aller Art auf Geschehnisse inner- und ausserhalb Basels. Aber genial wird es, wenn Fasnächtler die Fasnacht selbst parodieren. Und so ist das Rahmestiggli über den «Schnaabelbryys», im Handumdrehen als PR-Gag von UBS-Boss Marcel Ospel entlarvt, der absolute Knaller des Drummeli 2004, der wohl auch als Lehrstück für Parodie in die Fasnachtsgeschichte eingehen wird.



Sicher stand den Autoren dieses Rahmestiggli die Wut über die Globalisierung der Fasnacht zu Gevatter - die Wut über die Ospel‘sche Furzidee, ein ausserfasnächtliches Komitee zur Jurierung künftiger Schnitzelbängge einzuberufen und mittels seines Millionenzahltags auch zu honorieren: Die Basler Fasnacht gehört den Baslern!

Kaum besteht Gefahr, den künftigen Drummeli-Besuchern mit dem Beschrieb dieses Stigglis die Pointen vorwegzunehmen, denn diese waren so zahlreich und vor allem so schlagkräftig, dass ein kurzer Einblick nichts vom Vergnügen verderben dürfte. Am Jurorentisch war die Ospel-Jury denn auch vollzählig vertreten: Ein Giaccobo als Harry Hasler, alt Bundesrat Ogi, ein Fussballer und alt Regierungsrat Stutz (O-Ton: «nit ganz freywillig alt worde»). Harry Hasler kündigte die Nachwuchs-Bängge an. Und da wurde klar, dass auch die echten Bänggler eins abbekommen: Jeder Bangg-Name war blöder als der andere; jede Melodie noch blöder und die Texte waren so blöd, dass man schreien vor Lachen musste über die bitterböse Parodie…



Fasnacht ist nicht immer nur Vergnügen - das wissen die Strasenarbeiter, die nach dem Aendstraich die Tonnen von Räppli und Orangen-Müll kehren müssen. Und aktive Fasnächtler kennen die Wehmut, wenn sie am Donnerstagmorgen durch Besen und Müllhaufen zirkulierend nach Hause schlurfen müssen. Auf dieses Abschiedsgefühl anspielend war denn auch eine der letzten Darbietungen gemünzt - und gut getroffen.



Gehen wir ein paar Rosinen fürs Auge durch, dann stehen diese oft im Widerspruch zur musikalischen Darbietung. Doch für die Musik steht am Schluss dieses Premierenberichtes die Wertung eines kompetenten Trommelprofessors. Ganz toll wirkte die Pfyffer- und Drummelschuel von den Naarebaschi Binggis und Jungi Garde - alle im FCB-Look - ein Riesenhaufen. Der wurde von einem echten Dirigenten und nicht von einem Tambourmajor dirigiert. Sehr härzig und fast perfekt. Warum aber einige der musikalischen Darbietungen immer wieder von Fahnenschwingern garniert werden - eine neumodische Unsitte - ist nicht ganz einsehbar.



Die Pfluderi versuchte es mit dem Filmsong «Frailein, hänn Si my Hyndli gseh» wozu die Trommler an einer bestimmten Stelle die Larven hoben und die Melodie pfiffen (allerdings mit Halblärvchen unter der Larve…). Schön waren auch die Pinocchio-(Berlusconi-)Kostüme der Rootsheere-Clique. Dazwischen war der Auftritt des Stächmugge-Banggs, der gute Pointen zu den Gratissärgen, dem Berlusconi-Lifting und den Pfannenpunkten darbot. Ein schönes Bild bot auch der Barbara-Club, der mit Picassso-Larven glänzte und deren Tambourmajor ein regelrecht gerahmtes Picasso-Bild darstellte. Witzig war der Autritt der Verschnuffer, die im Araber-Kostüm den Arabi «darstellten», und das ist wörtlich gemeint: Die Nachthemmli-Araber boten eine richtige Dancing-Show.



Der erste Auftritt nach der Pause gebührte der Mohrekepf-Gugge. Auch die ein Riesenhaufen, aber sauschön. Schon nur die Larven, die die Plakette ihres Gründungsjahres darstellte (wenn ich mich nicht teusche). «Em Gigi si Bääremausoleum», wählte d‘Märtplatz mit ihrem «Oeri-Myggeli» als Tambourmajor. Musikalisches und Hinterlistiges verbanden die Aagfrässeni, die die gegenläufige Partnerschaft von Basel-Stadt und Baselland auch «gegenläufig» und mit dem «Missklang» der Jeisi-Migger durcheinanderbrachte. Dann kam der Singvogel als Einzelmasken-Bangg, der einen frenetischen Applaus wegen der Männerstube Bundesrat, die von Mutter Calmy gehütet wird, einheimsen konnte. Höchste Loorberen sowohl für die Darbietung wie auch für die «musikalische» Leistung holte sich die Olympia mit einer Gloonschuel, die statt Trommeln mit Ballonen ruesste und mit gekonntem Händeklatschen auf Brust, Bauch und Oberschenkel brillierte. Schön auch das Dekor der Versoffene Deecht, worin der Papillon in einem farbenprächtigen Frühjahrsgarten besonders «summte». Grosses, sowohl musikalisch wie auch mit dem witzigen Dekor mit Adam und Eva im Paradies, zeigte die Seibi: Zur Musik des Calvados versuchte Eva Adam mit einem Apfel zu verführen - der aber zog den Calvados vor… Der Aendstraich blieb mit der Pfyfferdaagwacht der Lälli , welche eine von Laternenträgern getragene Ladäärne mit dem Lälli auf die Bühne brachte - sauschöön…

Wer nun hier nicht weiter erwähnt wurde, soll sich deswegen nicht grämen - alle Teilnehmer zu erwähnen, würde den Platz auch im Internet sprengen. Mit Ausnahme des Rahmstigglis zur Armee 2000, das «unten durch» ging, hatten alle Beiträge beachtliches Niveau - zumindest optisch.

Nun aber zu den Bewertungen der musikalischen Darbietungen, die ein gefürchteter Tommelhund aus den Reihen der Ueli, Trommelinstruktor und militärischer Ordonnanz-Trommler, exklusiv fürs webjournal.ch erhob. Gleichwohl will der Ueli-Trommelprofessor verstanden haben, dass es sich dabei um seine ganz persönliche Bewertung handelt , die eben auch nur ein individueller Beitrag zur Diskussion um die Trommel-Qualität sei.

*****

Die musikalische Bewertung des Ueli-Trommelprofessors:

Skala:

*** drei Sterne: hervorragend
** zwei Sterne: gut
* ein Stern: so so lala
*+* ein plus ein halber Stern: etwas mehr als so so lala
– Strich: ungenügend



Der Palmarès (Numerierung gemäss Programm-Reihenfolge):

– Opti-Mischte 2
– Wiehlmys 3
** Naarebaschi Binggis und Jungi Garde 5
*** Naarebaschi Stamm 6
– Pfluuderi 8
– Rootsheere 9
*+* Barbara-Club 11
* Verschnuuffer 12
* Giftschnaigge 14
* Dupf-Club 15
*+* Märtplatz 18
*+* Rätz 21
*+* Muggedätscher 23
* Die Aagfrässene 24
*** Basler Bebbi 26
*** Olympia 27
* Die Versoffene Deecht 29
*** Seibi 30
* Lälli 32


*****

Übrigens: Lesen Sie die Geschichte der Herkunft des Waggis, der nicht der Elsässer per se ist, sondern eine soziale Randfigur im Elsass des 19. Jahrhunderts war.

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

Link direkt zur Waggis-Geschichte


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