Artikel vom 23.02.2006

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Mit Stumm unterwegs

Saint-Louis macht Basel was vor

An prominentester Stelle plant St-Louis ein «Café littéraire» - nach Pariser Vorbild ein Haus für kulturelle Aktivitäten für Literatur, Musik, Kunst und künstlerische Begegnungen

Von Reinhardt Stumm



Zunächst sollte «Maison David» abgerissen werden, weil es die freie Sicht auf den neuen Rathausplatz versperrte, doch der Besitzer wollte nicht verkaufen. Aber schliesslich, als es die Stadt gleichwohl erwerben konnte, ist es sicher vor dem Abriss, denn es wird das künftige «Café littéraire» beherbergen und wird erst noch das Stadtbild aufwerten. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2006



ST-LOUIS (ELSASS).- St-Louis hat 21'000 Einwohner. St-Louis hat ein verblüffend städtisches Gepräge. «Ein Dorf war es einmal», lächelte Député-Maire Jean Ueberschlag bei unserem Gespräch. Gesprächsanlass war «Maison David» - das künftige «Café littéraire».

Es soll eine Möglichkeit werden, gegen die zahlreichen, «schlafstädtischen» Knillen mit der Atmosphäre bleierner Stimmung des alltäglich Ausweglosen, den stummen Eckenstehern, den Gewohnheitstrinkern und Heimatlosen ohne eigenes Heim einen lebendigen Ort für Begegnungen der anderen Art anzubieten: Für Heimatlose mit eigenem Gedankengebäude, für geistig schwangere Eckensteher, für Connaisseure als Gourmets geistiger und leiblicher Kost und für Hungrige nach intellektuellem Futter aus jeder Himmelsrichtung. Interessant ist, dass das Projekt sehr viel Aufmerksamkeit vor allem bei Leuten findet, die sonst nach Basel sich verlustieren.

Ein grosses Haus an der Avenue du Général de Gaulle – das ist die Strasse, die von der grossen Kreuzung Ortsmitte (von der Grenze aus gesehen) nach links führt. Das Haus steht rechts, kurz vor der Eisenbahnbrücke, deren Geleise Basel mit den französischen Grosstädten, mit ganz Westeuropa zumal, verbinden

Vom Haushaltsgeschäft zum Kulturhaus

«Maison David» war bis vor zwei, drei Jahren ein Geschäftshaus – Reiseutensilien, Koffer, Taschen und so fort -, dann gab die Familie David das Geschäft auf, die Stadt kaufte das Haus, und jetzt sind die Planer dabei. Das heisst, das «avant-projet détaillé» ist fertig. Im Augenblick laufen die Ausschreibungen für die Bauarbeiten. Es ist einiges zu tun. Das Haus ist alt und sehr verbraucht.

Und soll im nächsten Jahr einen ehrgeizigen Wunsch auf kluge Weise erfüllen. «Maison David» wird «Café littéraire». Mit grossem Restaurant und Bar im Parterre, mit Raum für Konzerte, Kleintheater, Ausstellungen, einem Stammtisch, einfach mit alledem, was das Nacht- und Kulturleben in St-Louis attraktiver machen kann.




Die Dekoration in den ehemaligen Schaufenstern des «Maison David» vor den Gebäuden der neuen Mairie deuten die bevorstehende Umnutzung zum «Café littéraire» an.



Sogar der Küchenzettel war bereits Gegenstand langer Verhandlungen (er soll heimisch sein – auf gescheite Weise). Eine seitlich anschliessende Terrasse, über die man ins Haus gelangt, vergössert die Nutzfläche. Über die Terrasse kommt man zum Haupteingang, der um die Ecke verlegt wird. Vom Parterre aus gelangt man über eine mitten im Raum stehende Treppe in den ersten Stock, der als Veranstaltungsraum gebraucht werden soll.

Räume mit überraschenden Möglichkeiten

Dieser obere Raum hält eine wunderbare Überraschung bereit, er ist auf vier Seiten von einem Balkon, einem Mezzanine umgeben, auf dem man sitzen kann – das wird diesem Saal sein ganz besonderes Caché verleihen. Auch hier natürlich alles, was Musik, Kleintheater, Literatur, Vorträge und was noch möglich macht. Es gibt sogar noch einen zweiten Stock, der ein paar Ausstellungsräume beherbergen wird und sich auch auf eine Terrasse öffnet.

Dazu natürlich die Officeräunme, Küche, sanitäre Einrichtungen etc. – und ein Keller, ein Riesenkeller, ein Caveau für Musik natürlich, Jazz, Blues, kleine Ensembles.

Das ist alles gut zu verstehen – aber auch, dass es nicht ganz billig sein dürfte, dieses Haus zu betreiben. Aber nein, lächelt wiederum Monsieur le Maire, wir wollen es so einrichten, dass es uns nach beendeter Renovation (für die gerade die Kredite gesprochen wurden - rund 1,1 Millionen Euro) nichts kostet. Wie das?

Der Pächter, der Gérant muss mit Restaurant und Café so viel einnehmen, dass er die Belastungen des Betriebs damit finanzieren kann. Er muss den Saal oben den jeweiligen Kulturveranstaltern nach Programm gratis zur Verfügung halten (kann ihn selbstverständlich auch für sich selber brauchen), dafür hat er die Einnahmen aus dem Betrieb.

Konkurrenz für das Basler Literaturhaus? Natürlich nicht, St-Louis hat ein völlig anderes Konzept. Aber eines, das doch irgendwie sehr vernünftig aussieht, oder? Es hat was zu tun mit Ausnützung, mit Effizienz – nicht ein Haus tagelang leer bis zur nächsten Veranstaltung, dann aufgestauter Hochbetrieb, dann wieder die Leere. Stattdessen hier das lebendige Nebeneinander sehr verschiedener Bestimmungen, die aber eigentlich doch (wieder irgendwie) zusammengehören.

Es könnte sich für Basel lohnen, dem Literatencafé im Nachbardorf ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken.




Blick von «Maison David» Richtung «Carrefour» (grosse Kreuzung mit dem Hotel «Europe» und dem Supermarkt «Attac») an der Avenue du Général De Gaulle (im Volksmund auch «rue Diemer» geheissen - wegen der zahlreichen Geschäfte der Brüder Diemer).

Von Reinhardt Stumm


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