Artikel vom 12.08.2005

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Openair

«Fahr mal wieder U-Bahn – Linie 1»

Die Theatergruppe «Rattenfänger» lädt zum erstenmal in den sechzehn Jahren ihres Bestehens zu einem Musical - Openair: Volker Ludwigs berühmte U-Bahngeschichte «Linie 1»

Von Reinhardt Stumm



Was heisst da «eine Kontrolle»? Das ist Krieg! (Szenenfoto Theatergruppe «rf» - Weitere Probenfotos am Schluss dieses Berichts.) Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2005



MUTTENZ BL.- Das erstemal am Spielort. Bühne aufgebaut, Estrade für die Zuschauer aufgebaut. Beleuchtung aufgebaut. Musik noch nicht ganz aufgebaut, das berühmte eins, zwei, drei ist wiederholt zu hören, Mikrophone werden getestet und zugewiesen.

Die Linie 1 war vor der Wende Berlins längste U-Bahn-Linie, quer durch die Stadt. Volker Ludwig, Chef des Grips-Theaters, das seit Ewigkeiten selber in einer weitläufigen U-Bahnstation im Berliner Hansaviertel zuhause ist, hat das Ausreisserinnenstück geschrieben. Die Musik von Birger Heymann und «No Ticket» hat Schub und Drive; es sind richtige Ohrwürmer dabei, die Texte zum Niederknien, flapsig, respektlos, witzig, gescheit, brillant formuliert.

«Linie 1» war von Anfang an ein Renner – der Anfang war am 30. April 1986. Seitdem wurde es in über hundert deutschsprachigen und weiss der Himmel wieviel fremdsprachigen Theatern nachgespielt. Wer ein gutes Gedächtnis hat, wird sich an die Aufführung in der Basler Komödie (1988/89, während Baumbauers Direktion) erinnern. Wird sich auch daran erinnern, dass man jedes Wort, jeden Satz kapiert, und dass das kein Hinderungsgrund ist, das Stück trotzdem toll zu finden – der Mensch hält viel aus, sogar Vernunft! Und darum geht es hier – von zuhause ausreissen, mein Gott ja, das kann jeder, aber dann, immer so weiter von Mensch zu Mensch? Und was für welche!

Geschickte «Bühnenmechanik»

Jetzt also in Muttenz, mitten im Dorf, beim Jugend- und Kulturhaus «Fabrik», dessen eine Seite als Hinterbühne dient. Auftritte auch durch die Fenster. Die Spielfläche nicht tief, aber breit, die Sitzbänke im U-Bahnwagen werden aus dem Boden hochgeklappt, in dem sie auch wieder verschwinden können. Der Schreiner erklärt den Schauspielern die Mechanik – Achtung auf die Finger (Fingerschmerzen gehen zu Herzen!), und wenn die Bank versenkt wird, ja nicht die Füsse dazwischenstellen!

Seit Februar haben die 23 Darsteller (12 Damen, 11 Herren) der durchaus ehrgeizigen Theatergruppe «Rattenfänger» in ihrem Reduit am Text gearbeitet (letztes Jahr spielten sie Tschechows «Drei Schwestern», da ist die Besetzung vergleichsweise winzig). Jetzt steht das wagemutige Häuflein zum ersten Mal auf dieser Bühne und lässt sich von Danny Wehrmüller erklären, wo es langgeht. Dass er sowas nicht zum ersten Mal tut, wird schnell deutlich. Wie überhaupt die 1990 gegründete Truppe völlig unangestrengt deutlich macht, dass sie das Gewerbe gelernt hat, hier sind Profis am Werk.

140 Kostüme für 23 Rollen

23 Rollen ist übrigens nur die halbe Wahrheit. Es liegt in der Natur dieses Episodenstücks, dass jeder Darsteller mehrere Rollen spielt. Nicht weniger als sage und schreibe 140 Kostüme hängen im Jugendhaus an den Garderoben! 23 Schauspieler in zwei Stunden in 140 Rollen, das muss man erstmal können. Die Probleme, die dabei auftauchen, löst man mit Phantasie, Wendigkeit, Solidarität und Geduld.

Wundervolle Gelegenheiten, nebenbei gesagt, etwas von dem zu erfüllen, wovon auch «Linie 1» erzählt. Hier sind es nicht nur Probleme bei Auftritt und Abgang, hier muss auch jeder die nächste Hose am richtigen Ort finden, die Damen rutschen buchstäblich im Handumdrehen von einem Rock in den anderen, die Maske muss funktionieren – diese Perücke, jene Frisur, und wenn es läuft, ist es für alle ein riesiges Vergnügen.

Endlich mal ein informatives Programmheft

Dass es ein riesiges Vergnügen werden kann, verrieten bei dieser Probe schon ein paar abenteuerlich gekleidete Wunderfiguren, die sehnsuchtsvolle Erinnerungen an Ku'damm und Bahnhof Zoo von früher wachriefen.

Das Programmheft ist fertig, ein schönes Stück mit lehrreichen Geschichten (auch für Schwarzfahrer) und Songtexten, zu denen dieser gehört: «Pendler zwischen Frust und Hölle/Mief und Kälte/Suff und Zelle/Arbeitsamt, Asyl und Gashahn/Da ahnste, wie das Leben ist/Wenn Sehnsucht das Gehirn zerfrisst/Wenn Hoffnung Zahlenlotto heisst/Und jeder Traum um Rache kreist/Fahr mal wieder U-Bahn – Linie 1!»


Premiere ist am Mittwoch, 17. August 2005.
Dann 18. August und 23. August bis 10. September jeweils Dienstag, Mittwoch, Freitag und Samstag, immer um 20.15h.


Vorverkauf:

- Olymp & Hades, Gerbergasse 67, Basel, 061 261 88 77
- Buchinsel, Zeughausplatz 31, Liestal, 061 922 22 62
- Drogerie Dietschi, Hauptstrasse 58, Muttenz, 061 461 66 40

Abendkasse ab 18.45h Theaterrestaurant mit Nachtessen.

Tel. 1600 gibt Auskunft bei unsicherer Witterung

Sehr informatives und reich bebildertes Programmheft gestaltet von Sebastian Bissig und seinem Redaktions-Team, Fr. 4.-

Spielort und Anfahrt

Spielort ist in MUttenz-Dorf (BL) der Mittenza-Parkplatz. Der ist jedoch keineswegs bei der Mittenza gelegen, sondern ziemlich weiter dahinter, beim Friedhof. Dieser befindet sich - von der Tramhaltestelle «Muttenz Dorf» aus gesehen - etwas weiter als die Mitte zwischen Tramhaltestelle und Kirche, links, und ist als «P» und «Friedhof» ausgeschildert; während der Theaterzeit mit «Theater».



Foto-Reportage und Legenden von J.-P. Lienhard, Basel © 2005:





Die Jugendhaus-Fenster der «Fabrik» scheinen wie geschaffen, um als Kulisse von U-Bahn und U-Bahnhof zu dienen.





Jugend- und bauchnabelfrei: Gesangstars der «Rattenfänger»: Salome Jantz als Lady (lins) und Leila Krick als Mädchen aus Muttenz.





Regisseur der «Linie 1» Danny Wehrmüller (rechts) und sein Schauspieler-Freund Kurt Walter (links), vielen in Basel bekannt als Entwerfer zahlreicher Fasnachtsplaketten, zumal jener vom «Ressli-Tram» von 2005.





Jede erste Tonprobe geht an die Nerven, aber wenns dann klappt, dürfen die Damen der «Linie 1» loszwitschern: Salome Jantz als Lady, Leila Krick als Mädchen aus Muttenz, Nadine Roth (hinten) als Stoned Girl, Verena Obrist als Buletten-Trude (vlnr).





Stoned Girl Nadine Roth hat das Talent, das Auge des Fotoapparates auf sich zu ziehen…





Die Band der «Linie 1»: (vlnr) Ruth Jeker, Klavier, Sebastian Knüsli, Schlagzeug, Matthias Zehnder, E-Bass, Andreas Jeker, E-Gitarre und Flöte, Fabienne Naegeli, Saxophon.





Frühmorgens auf dem Bahnsteig (vlnr): Romeo Schmid als Penner Schlucki, Claudia Spinnler als das Mädchen, Miriam Cohn als stoned Girl, Nadine Roth als stoned Girl.





Berlin und seine Linie 1 mitten in Muttenz hinter der Mittenza: Litfass-Säule vollgepappt selbstverständlich mit den Plakaten des Openair-Musicals «Linie 1».

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Homepage der Theatergruppe Rattenfänger


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