Artikel vom 27.06.2005

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Strom-GAU

Das Gesetz vom Scheitern

Was Murphy wirklich sagte und was daraus geworden ist: SBB-Chef Benedikt Weibel scheiterte am Gesetz des Scheiterns

Von Redaktion



Der kleine Dicke (rechts): Edward Aloysius Murphy mit dem Objekt, das ihn zu seinem «Gesetz» inspirierte.



BERN. Wenn einer nach einer Entschuldigung sucht, behilft er sich gerne mit Sprichwörtern: SBB-Chef Benedikt Weibel entschuldigte sich in der Presse für den Strom-GAU der Schweizerischen Bundesbahnen vom 22. Juni 2005 mit dem Verweis auf «Murphys Gesetz», das er so zitierte: «Wenn etwas falsch gehen kann, dann geht es auch falsch.» Allerdings hat der «Erfinder» dieses «Gesetzes», Edward Aloysius Murphy, es so nie formuliert. Wenn Weibel Murphys Erkenntnis denn gekannt und richtig verstanden hätte, wäre der Strom-GAU bei den SBB wohl kaum eingetroffen: Murphy erkannte, dass komplexe technische Systeme eben Redundanz fordern. Genau das fehlte dem Strom-System der SBB (siehe Begriffs-Erklärung am Schluss dieses Artikels).

Das webjournal.ch hat nach dem mehrfach in der Presse zitierten Weibel‘schen Zitat im Archiv gegrübelt und dabei einen alten Text der amerikanischen Journalistin Judith Stone aufgestöbert. Stones, deren Artikel in Deutscher Übersetzung vor über zehn Jahren in einer von uns nicht mehr eruierbaren Quelle erschien, hat Quellenstudium betrieben und ist dem «Verursacher» dieses ebenso populären wie falsch interpretierten Spruchs nachgegangen. Die Redaktion des webjournal.ch nimmt den Strom-GAU zum Anlass, unseren Lesern das Vergnügen der Stones-Lektüre zu bereiten. Hier ihre erstaunliche Recherche:


-- Von Judith Stone --

Es war einmal ein kleiner, dicker Luftfahrttechniker aus Amerika mit Namen Edward Aloysius Murphy. Er sollte für die Luftwaffe unfallsichere Pilotensitze konstruieren. Und weil er im Laufe seiner Karriere viele Pannen, Fehler und Malheurs aller Art erlebt hatte, glaubte er, daran ein Gesetz ableiten zu können: «Alles, was schiefgehen kam, das geht auch schief.» So ungefähr jedenfalls. Aber das ist eine längere Geschichte...

Das schönste Beispiel für Murphys Gesetz «Wenn irgend etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief» ist - Murphys Gesetz. Denn genau dies hat Murphy so nie gesagt.

Was Murphy wirklich gesagt hat, war folgendes: «Wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, eine Sache zu erledigen, und eine der Möglichkeiten endet in einem Desaster, dann findet sich jemand, der diesen Weg einschlägt.» Zumindest sagt Frau Murphy, Herr Murphy hätte das so gesagt.

Ich wollte Edward Aloysius Murphy Jr. besuchen, doch als ich ihm endlich auf die Spur gekommen war, hatte ihn - ganz im Sinne von «Murphy‘s Law» - sein eigenes Gesetz eingeholt. Seine Witwe, Mrs. Effie Murphy, hat mir dann freundlicherweise seine Geschichte erzählt und mir geholfen, die Wahrheit so gut wie möglich zu ergründen. Die Wahrheit über eine Welt voller Fehler, die Murphy 1949 in einem genialen - aber eben missverstandenen - Gedankenblitz geprägt hat.

Murphys Gesetz ist so alt wie die Menschheit

Natürlich ist die Erkenntnis, dass sich der Himmel gegen uns verschworen habe, nicht gerade neu. Murphys Geist ist mindestens 4000 Jahre alt. In einem ägyptischen Gedicht («Der Mann, der seines Lebens müde war») aus dem Jahre 1990 v. Chr. heisst es: «Das Fehlerhafte durchstreift die Erde und kein Ende ist in Sicht.» Julius Cäsar soll gesagt haben: «Quod malum posset futurum», was frei übersetzt ein echter Murphy ist. Die Volksweisheit vieler Kulturen zeigt immer wieder Murphysche Ideen. «Der verborgene Stein findet den Pflug», seufzen die Esten. «Der Fleck landet immer auf dem besten Kleidungsstück», klagen die Spanier. «Sogar das ungeladene Gewehr feuert alle zehn Jahre, und alle hundert Jahre kann sogar ein Rechen schiessen», behaupten die Russen, obwohl mir das nicht sehr überzeugend vorkommt.

Es gibt auch eine britische Version von Murphy - einen gewissen Mister Sod - der einen ähnlich düsteren Lehrsatz aufgestellt hat. Sods Gesetz lautet: «Das Ausmass des Versagens steht in direktem Verhältnis zu Aufwand und Erfolgsdruck.» Ein Sod-Kenner, Richard Boston aus London, hat den Lehrsatz auf ein Sprichwort zurückverfolgt, das erstmals 1871 aktenkundig geworden ist: «Das Brot fällt immer auf die Butterseite.» Ein Bericht der britischen Zeitschrift «The Listener» zitiert eine Untersuchung, nach der ein Toast tatsächlich in sechs von zehn Fällen auf die Butterseite fällt - wegen des Gewichts der Butter. Ich habe versucht, die Studie mit Pumpernickel zu wiederholen. Leider ohne Erfolg, weil ich den Luftwiderstand des Schwarzbrotes unterschätzt habe. Murphy überall.

Papageien äfften nach

Murphys Gesetz leuchtet jedem ein: Ob jemand glaubt, das Leben sei ein Schwank, ob er über den Sinn des Lebens philosophiert oder ob er es für eine Tragödie hält. Es lässt sich viel leichter behalten als die Gesetze von Newton, Ampère oder Einstein. Murphy traf den heutigen Zeitgeist auf den Kopf (um hier einmal Metaphern zu pürieren). Seine Worte wurden zum Sinnspruch für die ausgehenden Tage des 20. Jahrhunderts, eine Epoche, in der die Wirklichkeit die Satire nahezu aussterben liess.

Von Anfang an hat Murphy eifrige Schüler angelockt, die auf des Meisters Worten ihre eigenen Sprüche klopften; Murphy hat dagegen nie den Drang verspürt, sein grosses Werk zu verbessern. Einer der zahlreichen Vorschläge ist Murphys Zweites Gesetz: «Nichts ist so einfach, wie es aussieht.» Oder sein Drittes: «Alles dauert länger, als du glaubst.» Frau Murphys Gesetz: «Alles, was schiefgehen kann, geht schief, wenn Murphy nicht zu Hause ist.» Murphys Satz der Thermodynamik: «Alles wird schlimmer unter Druck.»

Sogar ein «Murphy-Zentrum»…

Paul Dickson aus Garret Park, Maryland, hat vor 20 Jahren sogar ein «Murphy-Zentrum für die Kodifizierung von Gesetzen über die Menschheit und deren Organisationsformen» gegründet - ein «Institut», das aus einem Schuhkarton voll seltsamer Interpretationen von Murphys Gesetz entstanden ist. Drei Bücher hat Dickson über sein Lieblingsthema geschrieben, und noch immer trudeln bei ihm Hunderte von Briefe die Woche ein, mit Vorschlägen wie «Murphys Fehler»: «Wenn irgend etwas nicht schiefgehen kann (zum Beispiel Murphys Gesetz), dann muss es schiefgehen.» Oder Smiths Vierter Satz der Trägheit: «Ein Körper im Ruhestand neigt zum Fernsehen.» Oder der Erste Satz der Sozio-Genetik: «Wenn Deine Eltern keine Kinder haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass du auch keine bekommst.»

Mein eigener bescheidener Beitrag zu der Sammlung ist die sogenannte Stonesche Konstante: «Der Tag, an dem du einmal kein Make-up trägst, ist der Tag, an dem Dir dein Ex-Mann über den Weg läuft.»

Auch wenn Murphys Gesetz zum Thema vieler Bestseller und zum oft kopierten Motiv auf T-Shirts, Plakaten und Kaffeebechern wurde: Murphy hat - wen wundert‘s? - an dem ganzen Rummel keinen Cent verdient. Paul Dickson wie auch Arthur Bloch, der Autor des Buches «Murphy's Law», behaupten, sie hätten ursprünglich gar nicht gewusst, dass Murphy existiert. Sie dachten, es handle sich bei ihm nur um eine Art fiktiver Volksheld. «Ed wollte die Kerle erst verklagen», erzählt Mrs. Murphy, «aber er war ein viel zu unbeschwerter Mensch, der längst beschlossen hatte, das Leben sei zu kurz für solch einen Ärger.»

Falsch angeschlossenes Messgerät

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Captain Ed Murphy, ein Bomberpilot der amerikanischen Luftwaffe, Chef der Bau-Abteilung beim Wright Air Development Center in Ohio geworden. Sein Auftrag war es, Flugzeuge zu testen und unfallsichere Sitze zu konstruieren. 1946 begann er gemeinsam mit Major John Paul Stapp von der Edwards Air Base in der kalifornischen Mojave-Wüste an dem Projekt MX981 zu arbeiten. Beide entwickelten ein Sicherheitssystem, das die Überlebenschance der Piloten bei Unfällen verbessern sollte. Murphy stand im Labor in Ohio, Stapp sass auf einem raketengetriebenen Schlitten in Kalifornien. Damit sollte auf einer Schiene zuerst die enorme Beschleunigung und anschliessend die gewaltige Verzögerung bei einem Crash simuliert werden.

In einem formlosen Papier Murphys, das mir seine Witwe gab, steht lapidar zu lesen: «Stapps Ziel war es, eine Geschwindigkeit von über 1000 Kilometern in der Stunde zu erreichen, dann binnen 1,3 Sekunden anzuhalten und das Ganze zu überleben.» Beim entscheidenden Versuch versagte Stapps Beschleunigungsmessgerät. Stapp rief Murphy, den Erfinder des Messgerätes, zu sich, damit er das Problem löse. Es stellte sich heraus, dass ein Mechaniker das Instrument falsch angeschlossen hatte.

Was Murphy tatsächlich sagte

Später fragte der Testpilot den Erfinder, wie es zu dieser Panne hatte kommen können. Es folgte Murphys berühmte Antwort: «Wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, etwas zu tun, und eine von diesen Möglichkeiten schiefgehen kann, dann kommt irgendwer daher und probiert sie aus.» Murphy meinte damit, man sollte bei einer Konstruktion sämtliche Eventualitäten genau durchdenken - vor allem jene, die zu einer Katastrophe führen können.

Bei einer Pressekonferenz kurz nach diesem Zwischenfall führte John Paul Stapp den hohen Sicherheitsstandard des Projektes MX981 darauf zurück, dass sie sich immer streng an ein sogenanntes Gesetz von Murphy gehalten hätten. Als ein Reporter nach dem Inhalt dieses Gesetzes fragte, antwortete Stapp: «Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief.» Wenig später nahm die amerikanische Luftfahrt-Industrie den verballhornten Spruch in ihrer Werbung auf, und so ging er um die Welt. Die Metamorphose hatte begonnen.

George Nicholl, ein Manager des Projektes MX981, wollte sich erinnern, Murphy selbst habe in einer Bemerkung über den unglückseligen Mechaniker den Anfang gemacht: «Wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas falsch zu machen, dann wird dieser Kerl sie finden.»

Humorvoll gemeint

Obwohl Murphys Gesetz humorvoll gemeint war, ist es nach Ansicht von Clifford Wong, Ingenieur der Firma McDonnell Douglas Space Systems und Experte für das komplexe Zusammenspiel von Mensch und Maschine, äusserst hilfreich: «Es hält uns Konstrukteure und Ingenieure auf Trab. Es erinnert uns daran, an jede potentielle Katastrophe zu denken und sie möglichst zu vermeiden.»

Der Erziehungswissenschafter Laurence Peter sieht in dem Gesetz eher die heitere Komponente: «Wenn etwas danebengeht, dann können wir dank Murphy wenigstens noch darüber lachen.» Das nach ihm benannte «Peter-Prinzip» aus dem Jahr 1969 hat es ebenfalls weit gebracht: «In einer Hierarchie», so hatte Peter postuliert, «steigt jeder Angestellte so lange auf, bis er seinen persönlichen Grad an Inkompetenz erreicht hat.» (Meine Interpretation des Peter-Prinzips ist das Heino-Prinzip: Wenn irgendein Idiot auf dem Sonntagsausflug dazu aufruft, das Lied «Das Wandern ist des Müllers Lust» zu singen, dann ist es garantiert jener, der vom Refrain bestenfalls die Worte «das Wahahahahahahandern» grölen kann.)

Murphy-Gesetz hilft Verantwortung abschieben!

Murphy zu zitieren kann ein amüsant-groteskes Spiel sein. Vor allem in einer Zeit, da wir darauf warten, dass uns der «Greenhouse Effect» (der «Treibhauseffekt»: das Phänomen der globalen Erwärmung) einholt, der «White House Effect» (das dem amerikanischen Präsidenten eigene Phänomen, die globale Erwärmung zu ignorieren) oder irgendeine andere bislang unverulkte Katastrophe. Galgenhumor kann eben sehr befreiend wirken. Aber er ist auch ein Weg, Verantwortung abzuschieben.

Murphy, sagt seine Frau, habe sich darüber oft Sorgen gemacht, gleichwohl die Missinterpretationen seines Gesetzes mit Gelassenheit geduldet. «Sein ursprünglicher Ausspruch war nicht fatalistisch gemeint. Was er eigentlich sagen wollte, war: „Wenn jemand einen Fehler machen kann, dann wird er den Weg dorthin finden.“ Das hat nichts mit Schicksal zu tun, da muss schon irgendein Blödmann seine Finger im Spiel haben. Eds Gesetz sollte nicht dazu beitragen, dass die Leute sorglos werden, oder ihre Fehler damit erklären.»

Murphys «Gesetz» spricht gegen Atomtechnik!

Diese Sorge teilt der Soziologe Charles Perrow von der Yale University, der Autor des Risiko-Bestsellers «Normale Katastrophen»: «Ich halte es für gefährlich, wie sich Murphys Gesetz heute verselbständigt hat. Es verhindert, dass die Leute sich darum bemühen, Probleme zu vermeiden, etwas zu ändern und gegen den Leichtsinn anzukämpfen. Hilfreich wäre ein leicht verändertes Gesetz: „Wenn ein System komplex genug ist, dann produziert es von selber Fehler. Deshalb darf man solche Systeme nicht bauen.“

Es gehört zu den Eigenschaften des Menschen, dass sich ihm die Dinge einprägen, die schiefgehen, und nicht jene, die keine Probleme bereiten. Dieser sonderbare Zug lässt uns ein Kompliment binnen Minuten vergessen, den Groll über eine Beleidigung aber über Generationen sorgsam pflegen. Wer reckt schon seine Faust gen Himmel und ruft nach einer Erklärung, wenn er einmal Glück gehabt hat? Vielleicht ist ja diese Eigenheit entwicklungsgeschichtlich bedingt: Womöglich haben Frühmenschen die hemmungslosen Optimisten in ihrem Clan gesteinigt, weil sie deren nervtötend gute Laune nicht mehr ertragen konnten.

Murphys Gesetz hat, kein Zweifel, ähnlichen Tiefgang wie die Bemerkung des Physikers Robert Oppenheimer, der den Bau der ersten Atombombe leitete: «Der Optimist glaubt, diese Welt sei die beste aller möglichen. Und der Pessimist weiss, dass es so ist.»

-- Judith Stone --


Was bedeutet «Redundanz»?

Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Der Begriff Redundanz (v. lat. redundare – im Überfluss vorhanden sein) bezeichnet allgemein in der Technik das zusätzliche Vorhandensein funktional gleicher oder vergleichbarer Ressourcen eines technischen Systems, wenn diese bei einem störungsfreien Betrieb im Normalfall nicht benötigt werden. Ressourcen können z. B. Motoren, Baugruppen, komplette Geräte, aber auch Steuerleitungen, Leistungsreserven oder Informationen sein.

In der Regel dienen diese zusätzlichen Ressourcen der Erhöhung der Ausfall- bzw. Betriebssicherheit.

Man unterscheidet verschiedene Arten der Redundanz. Die funktionelle Redundanz zielt darauf ab, sicherheitstechnische Systeme mehrfach parallel auszulegen, damit beim Ausfall einer Komponente die anderen den Dienst gewährleisten. Zusätzlich versucht man, die redundanten Systeme voneinander räumlich zu trennen. Dadurch minimiert man das Risiko, dass sie einer gemeinsamen Störung unterliegen. Schließlich verwendet man manchmal Bauteile unterschiedlicher Hersteller um zu vemeiden, dass ein systematischer Fehler sämtliche redundanten Systeme ausfallen lässt.

Von Redaktion

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