Artikel vom 05.01.2005

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Elsass - Allgemeines

Mülhausen erwartet ersten Tatzelwurm

Am Wochenende des 15./16. Januar 2005 gibt's Gratis-Tram im Mulhouse - gewissermassen eine öffentliche Probefahrt für das im Bau befindliche Tramnetz

Von Jürg-Peter Lienhard



Computer-Bild vom künftigen «Tatzelwurm» Mülhausens an der Haltestelle beim Bollwerk



MULHOUSE. max.- «Ne pas ficher une rame», heisst auf deutsch: Sich kein Bein ausreissen. «Une rame», heisst ebenso etwas Ähnliches wie in Basel man den langen Drämmlis «Tatzelwürmer» sagt. Allerdings trifft beides auf die künftigen «Melhüüser-Tramways» zu: Nach Jahren des hin und her erwartet unsere Nachbarstadt den ersten Tramzug (La rame) - ein supermodernes «Gadget» auf Schiene, Gäggegligääl die Farbe und das Nonplusultra an Technik von Alstom.

Noch bis zum Ersten Weltkrieg war Mülhausen, unsere Nachbarstadt, eine bedeutende Industriestadt, bedeutender als Basel, das erst gerade mit Chemie angefangen hatte. Und dies erst noch zuerst wegen dem Farbbedarf der Textilstadt Mulhouse. Und um diese Waren zu transportieren brauchte es die Eisenbahn; die Vorläuferfirmen des Multis Alstom wurden in Mulhouse gegründet - weswegen dort auch das französische nationale Eisenbahnmuseum zuhause ist…

Noch ist «der gelbe Riese» aus La Rochelle, dem Alstom-Zweigwerk am Atlantik, unterwegs und wird mit der Schneckenpost-Geschwindigkeit von maximal 50 Kilometern pro Stunde Mulhouse am Freitag, 7. Januar 2005, begleitet von einer motorisierten Blaulicht-Avantgarde erreichen. Dann hat die gelbe Fracht gut 1000 Kilometer hinter sich gebracht - aber nicht auf Schienen, sondern auf einem Tieflader auf einer generalstabsmässig ausgerechneten Strassenstrecke von La Rochelle nach Mulhouse.



Noch unterwegs von La Rochelle: 1000 Kilometer Strasse und 50 km pro Stunde. Eintreffen des ersten «Tatzelwurms» in Mulhouse erst am 7. Januar 2005




Ironie der Geschichte: beide Städte, La Rochelle und Mulhouse, verbindet der Protestantismus - während der Kardinal Richelieu die Hugenotten von La Rochelle ausräucherte, stand das lutherianische Mülhausen als «Zugewandter Ort» unter dem Schutz der Alten Eidgenossenschaft. Das kann man noch heute am alten Mülhauser Rathaus auf der Place de la République bemerken, wo die 13 Wappen der Alten Stände an der schön restaurierten Fassade prangen…

Die Fracht aus La Rochelle bringt den ersten von 26 nigelnagelneuen «Tatzelwürmern» für das geplante Tramnetz nach Mülhausen. Bis dann aber alle Räder angeschraubt und sonst noch technische Kosmetik angebracht ist, wird es bis zum Wochenende vom 15. und 16. Januar 2005 dauern, an dem die Jungfernfahrt als Gratistram der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird.



So sieht er aus, der Mülhauser «Combino» pardon: der Alstom. Hoffentlich ist dem mehr Glück beschert, als den Basler «Combinos»…




Vielleicht trifft man dann den Pressesprecher der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), Pius Marrer als Gast an einer der Einweihungsfahrten und kann seine grossen Augen beobachten: Nicht nur die «Tatzelwürmer» von Mulhouse sind nigelnagelneu, sondern das ganze Schienennetz, das vorerst mal die neuen Quartiere im Osten via Zentrum mit der Cité Administrative und der Rue de Colmar (wo in der Nähe das Tramdepot gebaut worden ist) verbindet, später aber weitere Strecken umfassen wird.

Apropos grosse Augen von Pius Marrer: Das Basler Strassenbahnnetz ist historisch gewachsen, d.h. gewisse Teile sind älter als andere - während Mulhouse nun gleich mit dem Allerneusten und Allerfeinsten bedient sein wird. Dies betrifft natürlich sämtliche Gleisanlagen, die Oberleitungen und was so alles dazugehört.



Letzter Schliff bei der Montage der elektrischen Oberleitungen: Noch glänzt das Kupfer ohne Patina…




Während Mulhouse nun zu ganz neuer Technik im öffentlichen Verkehr kommt, musste die Stadt selbst dem Privatverkehr während Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Tribut zollen - das heisst historische Substanz dem Strassenbau opfern. Allerdings verfügte die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg schon über ein Tramnetz, das aber durch die kriegerischen Handlungen und das anschliessende wirtschaftliche Trauma nicht mehr wieder instandgestellt wurde (während Deutschland durch den Marshall-Plan den Wiederaufbau rasant vornehmen konnte, obwohl es den Krieg ja verloren hatte…).

Zurzeit ist Mulhouse eine einzige Baustelle, und der Autoverkehr peripher zur Innenstadt ist stark eingeschränkt. Dafür sind zwei Grossparkings peripher im Osten und im Westen bereitgestellt, wo man zwischen 7.30 und 19.30 Uhr den Wagen abstellen kann und dafür gratis zum Zentrum mit dem «Tramette-Bus» chauffiert wird.



Mülhausen bekommt nicht nur ein umweltfreundliches Verkehrsmittel, sondern auch noch über 1000 Bäume entlang der neuen Trasseen - und damit wird Mulhouse wirklich eine grüne Stadt…




Die Bauarbeiten umfassen drei Phasen, die je zwölf bis 15 Monate dauern und gegen 2008 fertiggestellt sein dürften. Die Tramzüge werden jeweils von einem Chauffeur geleitet und bewegen sich mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 22 Kilometern auf dem gewundenen Schienennetz. Die erste Linie vom Osten in den Westteil der Stadt, vom Rebberg bis zum neuen Quartier im Westen, ist sechs Kilometer lang, und die Fahrzeit beträgt dafür rund 20 Minuten. Die Hälfte der Strecke fährt das Tram auf eigenem Gras-Trassée, wo zudem rund 1000 Bäume gepflanzt werden.

Die Kosten sind beträchtlich, wenn man nur die Eurozahl ansieht - während die Gesellschaftskosten des Autoverkehrs naturgemäss um ein Vielfaches höher sind: Für die 19.7 Kilometer Strecke, die im Endausbau realisiert sein werden, werden 340,2 Millionen Euro (rund 525 Mio. CHF) veranschlagt - das heisst 17,2 Millionen Euro pro Kilometer (26,57 Mio. CHF). Die Kosten pro Strassenbahnkilometer relativieren sich jedoch, wenn man weiss, dass eine städtische Autostrasse rund 30 Millionen Euro (rund 46.35 Mio. CHF) pro Kilometer verschlingt…

Interessantes Finanzierungsmodell

Die Finanzierung erfolgt unter Federführung des Gemeindeverbundes des öffentlichen Verkehrs Mülhausens, Sitram (Syndicat intercommunal des transports de l’agglomération mulhousienne), der vom Bürgermeister und Senator Jean-Marie Bockel präsidiert wird, sowie mithilfe von Staat, Région Alsace und dem oberelsässischen Departement. Interessant ist, woher das Sitram die Mittel bezieht: nämlich aus der Verkehrssteuer, die bei öffentlichen und privaten Arbeitgebern mit über neun Angestellten geäufnet wurde.

Gratistram und Gratiseintritt ins Automuseum

Wenngleich bei den Mülhausern noch immer etwas Skepsis über das Tram herrscht - immerhin kann man mit dem Privatwagen in die Stadt, aber nicht mehr durch die Stadt fahren -, so hat der Bürgermeister Jean-Marie Bockel und die Verantwortlichen des Grossprojektes mit einer breit angelegten Informations-Kampagne die grössten Zweifel ausräumen können. Nun wird die Ankunft des ersten «Tatzelwurmes» und die Gratis-Probefahrt fürs Publikum während des Wochenendes vom 15. und 16. Januar 2005 zudem auch mit einem Gratis-Eintritt ins Nationale Automobilmuseum in der Nähe des neuen Tramdepots zu einem lohnenden Ausflug.

Und über den werden wir Ihnen, liebe Leser von webjournal.ch, auch ausführlich berichten.

Von Jürg-Peter Lienhard


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