Artikel vom 18.09.2004

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Glossierender Bericht

«Die Leser» können nicht lesen!

Ivo Bachmann, der neue Chefredaktor der baz stellte sich dem Publikum in der Kaserne

Von Jürg-Peter Lienhard



Einsamer Chefredaktor im Angesicht eines vorurteilbehafteten Publikums: Ivo Bachmann (43). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004

BASEL.- In seiner Haut wollte ich nicht stecken - er bezieht Prügel, wo man ihn trifft: Ivo Bachman, seit neun Monaten Chefredaktor der «neuen» Basler Zeitung (baz). Immerhin hat er mit der neugestalteten baz einen frischen Wind in die vor Routine erstarrte Lokalzeitung gebracht - was nicht alle Interessenvertreter goutieren…

Mittwochabend, 15. September 2004, 19.30 Uhr, im «Rosstall» des Kulturzentrums der alten Kaserne Basel: Etwas mehr als 70 Personen (selber gezählt und von der Kassiererin bestätigt) folgten dem Aufruf im neuen «bazkulturmagazin.», dem Ausgehheftli der Basler Zeitung.



Ivo Bachmann wird von Jürg Stöckli mit seinen gesammelten Fragen von Volkes Stimme konfrontiert. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004

Eine kluge Blondine, «im Bildungsbereich tätig», begrüsste profimässig die im halbleer bestuhlten Raum doch stattlich wirkende Anzahl der Zuhörer mit einer auswendig gelernten Eröffnung. An einem Tischchen daneben, «Hauptperson» Ivo Bachmann mit dem «kritischen» Fragesteller, nämlich dem Redaktionsleiter von «Regional-Journal Rothenfluh, Binningen, Liestal und Gipf-Oberfrick», Jürg Stöckli.

Gewohnheitstier Leser

Nun zu den Fragen: Stöckli hatte eine ganze, mehrseitige Liste davon. Jedoch keine eigenen Fragen. Vielmehr entstammte sein Katalog aus einer Sammlung, die man allenthalben bei den beim Lokalradio so beliebten «unrepräsentativen Umfragen» von Krethi und Plethi, Hinz und Kunz oder Kutter und Knechtli, hören kann.

Auf dumme Frage braucht man ja nicht auch dumm zu antworten! Und doch: Was gehörte obenauf in der «Hitliste» der baz-Abonnenten nach dem typographischen Neustart? Beissen Sie jetzt nicht in den Teppich, werfen Sie nicht das Porzellan der Erbtante aus dem Fenster - es ist aber wahr: Ivo Bachmann musste die drei Ehrenplätze der baz-Leserkritik zur «neuen» baz folgendermassen verteilen:

1. Das Fehlen der deutschen und der französischen Lottozahlen…
2. Dass «Wurzel», diese ewiglebende Hundeleiche und dessen spiessiger Zeichner nur noch einmal wöchentlich in der baz Gassi gehen dürfen.
3. Die neuen Wetterberichte mit den anspruchsvollen Interpretationen, verstehen die vom Fernsehen mit den roten Tomatenknöpfen verwöhnten Wetterfühligen unter den baz-Lesern überhaupt nicht!


«Die Leser» lesen zuerst einmal: nicht…!

Bachmann lernte in Basel «schwimmen» - falls er es vor Basel nicht auch schon konnte. Immerhin war er Chefredaktor des «Beobachter» und Magazinjournalist in der Medienmetropole Zürich. Er sagte auf dem Podium das, was er seit Wochen schreibt und sagt - aber die interessanten Details liess er nach dem etwas langatmig fliessenden Podium an der Bar des Rosstalls fallen.

Tabloid - das Format der Zukunft?

So erzählte er - anders als auf der Bühne -, dass das sogenannte Tabloid-Format wohl in etwa zehn Jahren das allgemeine Zeitungsformat in der Schweiz werden könne. Insofern ist die Lancierung des «bazkulturmagazin.» gewissermassen ein Probelauf, womit man den Trend erfassen will: Ob er ankommt, ob die Jungen damit umgehen können/wollen.

Zwar erzählte er auf der Bühne von den «Routiniers», welche sich unter dem früheren Chefredaktor Hanspeter Platz nicht mehr getrauten oder es in Finken und Schlafmützen versäumten, Neues anzugreifen oder ausgetretene Pfade zu verlassen. Doch an der Bar wurde er konkreter: Bachmann war erstaunt, mit welchen «Seilschaften» er es in Basel seit seinem Amtsantritt zu tun bekam. Schon auf der Bühne tönte er an, dass Basel halt eben ein «Dorf» ist, in dem jeder Kuhhirte den anderen Geissepeter kennt - aber dass diese «Enge» der Interessen so eng ist, konnte er sich gleichwohl nicht vorstellen.

Basler sind in Basel Minderheit

Genau deswegen tut es den Baslern - die gibts heutzutage so wenig wie «der Leser vom Bläsiring», - ausgesprochen gut, dass einer aus der Suisse primitive (Luzern) in diese selbstgerechte «weltoffene Stadt» hineinkatapultiert worden ist! Ich glaube indessen, dass Bachmann um der Tretminen rund um seinen Job weiss. Aber bislang hat er noch nicht erlebt, was ihm um die Ohren fliegt, wenn er drauf tritt…



Das kritische Podium - von links nach rechts: Roche-Mediensprecher und LdP-Grossrat Baschi Dürr, Informationsbeauftragter Baudepartement Basel Marc Keller, Kulturschaffender und Schriftsteller Martin Dean, die Moderatorin des Veranstalters «denkbar» der Kaserne Basel, Alexandra Guski, und Ivo Bachmann. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004

In dieser Situation muss Bachmann wohl jeden, der ihm einen Kommentar oder eine Bemerkung «zukommen» lässt als potentiellen «Intriganten» oder gar als «Feind» ansehen… Allerdings ist auch er anfällig für «Zugebrachtes»: Er verteidigte den Vielschreiber, der «dichterische Freiheit» und schwuchtliges Ordinäres mit Journalismus so gerne verwechselt - «-minu» -, als «grossartigen Ideenlieferanten»…

Neue Talente aufbauen soll er…

Ich hoffe für Bachmann, dass der nicht nur den schönen Rehaugen an den Bars der Basler Gesellschaft nachäugt, sondern dass er versucht, neue Talente zu fördern. Nicht mit mehr Honorar, sondern mit der «langen Leine», die einer/eine braucht, um den Auslauf zu einem ausdauernden Trab aufzubauen!

Von Jürg-Peter Lienhard


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