Artikel vom 23.12.2003

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Theater-Kritik

Fessle mich! Heirate mich!

Schweizer Erstaufführung: Raffael Sanchez experimentiert mit Pedro Almodovar im Klosterberg 6

Von Jürg-Peter Lienhard



Susanne Abelein (Marina) und Daniel Wahl (Ricky) üben sich unter dem scharfen Auge des Toreros im Hintergrund im Fesseln . Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2003

BASEL.- Das war ein Abend, am Montag, 22. Dezember 2003! Er begann mit der Begegnung der vereinigten Gebrüder Mazzola - dem Bruno und dem Ruedi…

Sie kamen vom Sterbebett ihrer 88-jährigen Mutter und überspielten ihre Trauer mit faulen oder gescheiten Sprüchen und einigen Bieren. Was mich dann erstaunte, war aber die entschiedene Versicherung Ruedis, der doch immerhin einer der schönsten Berufe ausübte, nämlich Opernsänger im Bass-Fach: Seit seiner Pensionierung habe er keinen Schritt mehr in ein Theater getan und werde es auch bis zu seinem Lebensende nicht mehr tun!

Ein Theaterraum für 25 Personen

Dann Szenenwechsel: Eine Stunde später im Foyer des Schauspielhauses. Hier waren genau 25 Personen plus einige wenige blinde Passagiere, die auf den Beginn der «häuslichen» Inszenierung in Hausregisseur Raffael Sanchez‘ angeblicher «Wohnung» am Klosterberg 6 warteten: «Fessle mich», ein Kammerspiel nach einer Bearbeitung von Volker Maria Engel von Pedro Almodóvars «¡Àtame!».

Lauter junge Leute, oder zumindest junggebliebene Leute, die sich auf ein theatralisches Wagnis einlassen wollten. Zumal Almodovar mit seinen oft abstrusen Filmen als ein verrückter Kerl gilt. Und unter diesem «Stern», gewissermassen, begann dann auch das Spektakel: Ein Torero im Vollwichs holte die Zuschauer im Foyer mit einem Kassettenrecorder, aus dem laut spanische Schlagermusik dröhnte, ab und sperrte sie im kleinen Höfchen neben dem «Besenstiel» vor dem Eingang von Sanchez‘ «Wohnung» ein. Der «Stern» entpuppte sich alsbald als ein beleuchtetes Fenster im zweiten Stock der Ballettschule, wo ein Schild mit der Aufschrift hing: «Psychiatrià».

Fürs Publikum gilt: Schuhe ausziehen!

Im weit geöffneten Fenster erklärt die Anstaltsdirektorin Ricky, dass er nun entlassen werde, obzwar sie seinen Weggang bedauere. Dies, indem sie den Vorhang zog und man dahinter Schattenrisse der beiden in eindeutigen Pulsationsbewegungen bemerkte. Dann wurden die Zuschauer in den «Eventraum» des Theaters Basel, der seit kurzem für gewöhnlich als Kinderstube für Jungschauspieler oder nach Polizeistunde der Kantine für rausgeschmissene Altschauspieler dient, gebeten. Allerdings mussten vorher die Schuhe ausgezogen werden - schliesslich muss das Theater Basel wegen Etatskürzungen an den Putzfrauen sparen -, und man wurde auf Sofaplätze, an den Küchentisch, neben das Klavier oder auf Kinderstühlchen plaziert.

Dann gehts los. Zuerst sanft, indem der Torero sich seines Hutes entledigt - worauf seine bluttgeschorene Frisur zum Vorschein kommt - und er leise ein Marimbaphon behämmert. Eine Schauspielerin mit dicken Beinen und einer dunklen Brille singt dazu mit erkennbarem deutschem Akzent spanische Weisen, die ich nicht kenne.

Mit einer eingeschlagenen Nase fängts an

Marina geht ans Telefon. Dann klopft Ricky mit einem riesigen Pralinenherz an die Tür; er wolle sie nur sehen - sie aber will keine Autogramme geben, und dann - päng! - bricht er die Türe auf; sie schlägt sich die Nase an und wird ohnmächtig. Ricki gerät in Panik, schleppt sie wie ein Höhlenbewohner an den Haaren aufs Bett und macht Wiederbelebungsversuche. Dann wird sie wieder lebendig, bittet um Drogen, Ricki fesselt sie mit dem Kabel des Nachttischlämpchens, damit sie nicht abseckelt, wenn er die Drogen beschafft, kommt zurück, sie gehen in die Pfanne und ficken unter der Decke im Takt eines Paso-Dobles. Dann fesselt Ricki Marina an einem über einen Deckenträger geworfenen Seil erneut, geht fort, kommt zerschunden und zerschlagen zurück, weil er von Drogenhändlern ausgeraubt wurde, Marina renkt ihm die Achsel wieder ein. Dann nehmen sie ein echtes Frühstück aus Rühreiern mit Kaffee aus dem Kaffeeautomaten ein - im Saal riecht es appetitanregend, wiewohl die beiden appetitverderbend fressen und sie noch eine Zigarette in den halb leergeschlabberten Teller drückt. Et-patati-et-patata. Am Schluss kommt die heimlich alarmierte Schwester und will den irren Peiniger mit einem Pfefferspray vertreiben, doch Marina erklärt, sie wolle ihn heiraten, und der Schluss ist dann der, dass nebst der Verblüffung immerhin Frieden und echter Eierkuchen duften…

Anhaltender Applaus. Und mehrmals nochmals: anhaltender Applaus; auch von jenen vier Gehörlosen, denen eine Gebärdensprachen-Übersetzerin mit wilden Gesten das ganze Theater übersetzte und damit der Vorführung unfreiwillig einen weiteren absurden Akzent versetzte.

Almodovar schont die Zuschauer nicht…

Almodovar hat einmal eine sagenhafte Szene gedreht: Ein Verrückter vergewaltigt in einem Hotel eine Gästin. Auf ihr Schreien versuchen zunächst der Portier und dann ein Schugger mit gezückter Kanone den Wüstling von der Frau runterzuholen. Der macht aber verbissen weiter, obwohl ihm der Schugger die Smith-Wesson an den Hinterkopf hält, weil der ja nicht abdrücken kann, ohne die Vergewaltigte nicht auch umzubringen. Schliesslich zerren die zusammengelaufenen Angestellten und der Schugger den Unhold an den Hosenbeinen von der Frau, worauf dieser sich aufs Fensterbrett flüchtet und dort wie verrückt weitermasturbiert, da er ja noch nicht fertig sei… Das ist Almodovar, der Abgründe sichtbar macht mithilfe des Absurden; der Komik zum Heulen bringt.

Nun mögen seine Filme Theaterleute in Versuchung bringen, solch knisternde Scharfbeobachtung auch auf die Bühne zu bringen, zumal mir Sanchez versichert hat, dass er seine Lieblingsfilme von Almodovar «mindestens drei Mal gesehen» hat. Weil Almodovar ein Spanier ist, unterlegt die deutsche Bearbeitung eben etwas Paso-Doble aus dem Kassettenapparat - warum eigentlich? Da wären wir nun bei der Kritik des Abends angelangt.

Dem Theatergott seis ans Herz gelegt!

Das Original ist immer besser; das Buch besser als der Film; der Film besser als das Theater dazu - in der Regel. Eigentlich hat sich da Sanchez etwas die Finger verbrannt und einen zu grossen Schuh angezogen: Es wurde viel geschrieen, hysterisch geschrieen, wie in der Schauspielschule, obwohl der doch intime Raum nicht beschrieen werden muss. In «ruhigeren» Phasen werden dann wieder Silben verschluckt, Und schliesslich wirkte der Schluss mit «Heirate mich!» wie eine schlechte Pointe und nicht wie ein verblüffender Knalleffekt: Das Rauf und Runter brachte keine Zuspitzung der Dramatik bis zur umkehrenden «Aha-Erlösung». Den Sinn muss man sich mit viel Phantasie zusammenreimen, ausgraben statt ihn nachvollziehen.



Es riecht nach frisch gebratenem Omlett in der Theaterwohnung von Rafael Sanchez: 25 Zuschauer maximal, werden an der Nase herumgeführt…Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2003

Indessen, dem Theatergott in Person der Steuerzahler und -Abstinenten, seis ans Herz gelegt: Die Spielwiese Klosterberg 6 ist wohl eine der klügsten Kreationen der gegenwärtigen Theaterdirektion - vergleichbar mit der Gründung des Instituts für Immunologie, die immerhin fünf Nobelpreisträger hervorbrachte, oder der Paul-Sacher-Stiftung auf Burg, wo ein paar exzellente Musikwissenschafter den Boden für junge Pflänzchen der zukünftigen Musikwelt bereitstellen.

Wer denkt denn ans «pensionieren»?

Sanchez hat sich mit seinem Aldomovar-Abend an ein Experiment gewagt, das in vielerlei Hinsicht eben doch sehenswert ist: Der Versuch, ein schwieriges Stück unverkrampft mit jungen, tatendurstigen Schauspielern anzugehen. Risiko einzugehen und: zu lernen. Das ist die Aufgabe dieses «Event»-Raumes, wo vielleicht der Wunsch gezüchtet werden kann, dem Theater die Bedeutung eines Bildungsplatzes zu erhalten. In diesem Sinne: weiter so, zumal man ja aus Fehlern lernen kann. Bis zur Pensionierung und dem Schwur, «nie mehr ein Theater zu betreten» ists noch ein langer Weg. Und damit sind wir wieder dort angelangt, wo wir angefangen haben…

«FESSLE MICH!» («¡Átame!») - nach dem gleichnamigen Film von Pedro Almodòvar, bearbeitet für die Bühne von Volker Maria Engel.

Die Darsteller und ihre Personen:

Marina: Susanne Abelein
Ricky: Daniel Wahl
Die Direktorin/Lola, Marinas Schwester: Chantal Lemoign
Regie: Rafael Sanchez
Raum: Heidi Fischer, Gisela Goerttler
Kostüme: Silvana Ciafardini
Dramaturgie: Maike Gunsilius
Regiehospitanz: Kathrin Veith

Weitere Vorstellungen: Montag, 29. Dezember 2003, 21 Uhr (Besammlung im Foyer des Schauspielhauses). Eintritt: 15 Franken.

Von Jürg-Peter Lienhard

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Weitere Informationen zum «K6» (Klosterberg 6)


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