Artikel vom 04.09.2011

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Basel - Kultur

Mit Fotoreportage am Schluss

Alphorn-Quartett «hornroh» im Merian-Park

Das Konzert mit diesem archaischen Alpen-Instrument begeisterte, weil es auch ganz ungewohnte Töne hervorzubringen versteht

Von Jürg-Peter Lienhard



Von links: Helén Berglund, Balthasar Streiff, Rudolf Linder und Michael Büttler verneigen sich vor dem Publikum - und vor dem Alphorn, dem wunderbaren Instrument mit seinen ungeahnt ungewöhnlichen Möglichkeiten. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Die Alpen sind in Basel nicht einmal sichtbar. Dass aber hier ein Alphorn-Ensemble zuhause ist und arbeitet, ist darum schon bemerkenswert. Aber noch bemerkenswerter ist, was die vier Musiker des Alphorn-Ensembles «hornroh» aus diesem Horn herauszu«posaunen» imstande sind. Im Merien-Park am Sonntag, 4. September 2011, haben sie an einer CMS-Matinee mit einer ganzen Reihe moderner Alphornstücken (nebst zwei traditionellen) das begeisterte Publikum mit schönen und ungewohnten Tönen verblüfft. Übrigens am selben Tag, wie das «Unspunnen»-Fest in der «Suisse primitive» abgehalten wurde, wo das Alphorn 1805 gewissermassen seine Wiedergeburt erlebte und nach langen Jahrzehnten der Ächtung als «Bettelhorn» musikalisch wieder salonfähig wurde - als touristische, nicht zuerst musikalische Attraktion.



Ja, Sie sehen richtig: Ruedi Linder spielt gleich zwei Alphörner - allerdings nicht miteinander, denn er ist ja kein Zirkus-Akrobat, sondern Musiker… Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Wem gehört eigentlich das Alphorn? Wer ist die Schweiz, und wenn ja, wieviele? So absurd diese Fragen auch scheinen mögen (u.a. von einem Buch-Bestseller geklaut), so absurd ist doch der Allein-Anspruch «richtiger» Schweizer auf dieses eigenartige Instrument, auf die Alpenlandschaft, auf die Berge und auf die Kühe…

Das Alphorn hat einen wunderbaren Klang, der beinahe an ein Wunder grenzt. Zumal, wenn ihm das Echo von den Bergwänden antwortet. In einem Saal macht es daher Probleme. Beispielsweise wird in der 1. Brahms-Symphonie statt einem Alphorn meist ein B-Horn eingesetzt - schon nur wegen des Platzes, das dieses archaische Instrument beansprucht…

Da in Basel Berge fehlen, ist das «hornroh»-Ensemble auf die Idee gekommen, das von der CMS gesponserte Matinee-Konzert zwischen den Gebäuden des Kutschenmuseums und dem Verwaltungstrakt des Brüglinger Parkes abzuhalten - auch wenn es gleichwohl kein Echo gab (es hätte sowieso gestört!).

Balthasar Streiff, einer der vier Interpreten, der vor dem Konzert das Publikum begrüsste und die Stücke und ihre Komponisten beschrieb, nahm denn auch ganz deutlich Stellung zu «seinem» Instrument, dem «schweizerischsten» aller Volksmusik-Instrumente: Es gehöre ganz und gar nicht der SVP (das ist eine politische «Volks-»-Partei, der kaum Leute angehören, die etwas von Musik verstehen und die Kultur in «Land- und Stadt-Kultur» unterteilen, also nicht nur ein schiefes Weltbild haben, sondern auch keine Kultur…). Auf jeden Fall gehören die gut 20 Alphörner aller Grössen und Längen, die das Ensemble dann auch bespielte, den vier Musikern ganz privat: nämlich Heléne Berglund, Michael Büttler, Rudolf Linder und Balthasar Streiff.

Übrigens stellt sich die Frage, was denn der Ensemble-Namen «hornroh» bedeutet. Da muss man zunächst wissen, dass, wenn Ruedi Linder irgendwo dabei ist, es knistert vor Kreativität - schliesslich ist er einer der Mitgründer und wohl auch Initiant des mittlerweile auf dem ganzen Erdball berühmt gewordenen Basler Alternativ-Symphonieorchesters «sinfonietta basel». Das Orchester hat die Kultur der Stadt und Region Basel in allen Ländern bekanntgemacht und ist ziemlich hoch im Kurs unter den berühmtesten Orchestern der Welt. «hornroh», so hat Ruedi Linder erklärt, kann man vor- und rückwärts lesen, bedeutet aber: ein rohes Horn, also eines ohne Löcher und Ventile. Solche Dinge muss man eben wissen, wenn man nicht von «Stadt- und Land-Kultur» schwafeln will…

Auf jeden Fall gibt es kein «Patent» auf ein Instrument, sonst könnten die Aka-Pygmäen aus dem tiefschwarzen Afrika auch kommen und Patentrechte auf die Steinway-Flügel und Stradivari-Geigen erheben. Schliesslich stammt die «Mutter aller Saiteninstrumente» von ihrem Kontinent, wo auch der hochkomplexe polyphone Gesang seine Wiege hatte, noch bevor das kulturelle Europa es überhaupt verstand, sich musikalisch auszudrücken (siehe: http://www.jplienhard.ch/html/artikel/artikel_negerlein.html).

Während bei der traditionellen Bespielung des Alphorns, so wie man dies auf Folkloreanlässen der «Suisse primitive» meist zu hören bekommt, langanhaltende Töne das Charakteristikum sind, bietet das Instrument ohne Löcher und Ventile zwar nur den Naturtonumfang, weshalb es noch für modernere oder virtuosere Stücke zu entdecken gilt - was das «hornroh»-Konzert ja bewiesen hat.

Von den zwölf, inklusive Zugabe, in Brüglingen gespielten Stücken waren denn nur gerade zwei «traditionell» oder Improvisationen auf traditionelle Stücke. Die meisten der Stücke waren gar Eigenkompositionen von Streiff, Linder und Büttler. Und die kamen an, erstaunten auch das gewohnte Ohr, aber zeigten, dass Alphorn eben ein hochinteressantes Instrument ist, das vielleicht gerade deswegen beim Musik-Publikum etwas verkannt ist, weil es «folkloristisch» besetzt ist.


Fotoreportage vom Konzert

-- Alle Fotos J.-P. Lienhard, Basel © 2011 --




Da es immerhin nicht regnete, war das Publikum sehr zahlreich erschienen. Die «Zaungäste» waren jedenfalls in der Minderheit. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Humor gehört eben selbst zur sogenannten «ernsten» Musik auch dazu. Zumal, wenn es darum geht, die Musik eines wunderschönen Instrumentes von der «Besetzung» durch Vorurteile zu befreien. Und eines dieser Vorurteile ist, dass das Alphorn gewissermassen mit «Heimat» verheiratet ist - und nicht mit Musik. Hier beginnt Ruedi Linder mit einer kurzen Einlage, wobei er ein Alphorn aus dem Muotatal bespielt. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Der einzige Bezug zu «Ideologie» war die rote Kappe von Ruedi Linder, doch die Musik war «selbstredend», wenn man dem so sagen darf. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Spannend, was es für Formen beim Alphorn gibt - je nach Gegend gar nicht mal so lang, dafür gewunden, wie der Büchel, das an die Serpentinen im Muoatatal erinnern mag. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Die norwegische Künstlerin Heléne Berglund zeigte eine erstaunliche Virtuosität auf allen Formen des Alphorns. Es war eine Freude ihr zuzuhören und zu sehen… Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Interessant, wie jeder Musiker das Alphorn anders hält: Heléne Berglund elegant mit zwei Fingern, als halte sie eine Zigarette; Ruedi Linder mit beiden Fäusten, wie der Feuerwehrmann den Schauch, Michael Büttler, als seis ein Glepfer und Balthasar Streiff zart, als wärs eine Flöte… Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Das Schweizerkreuz und Edelweiss, das gehört je nach Instrumentenbauer eben traditionell dazu - und ist erst noch schön. Es wird aber seit jeher verwendet, also lange vor der gegenwärtigen Schweizerkreuz-Mode, die wohl unreflektiert mit Nationalismus kokettiert. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Ein anderes schönes Modell, mit Intarsien und gebaut selbstverständlich in bester Handwerkstradition. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Mit diesem Kuhhorn - diesmal mit Löchern - spielte Balthasar Streiff für seine Interpretation des Kuhreihens «Lioba». Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011




«Also blus das Alphorn heut: Hoch auf'm Berg, tief im Tal, grüss ich dich viel tausendmal!» Wo ist denn das Alphorn in der Brahms'schen Notenstenografie versteckt? Hier eine der Fassungen von Johannes Brahms 1. Symphonie, 4. Satz, das Adagio mit dem Alphorn. Und: «Was jeder Esel hört», so Brahms: nämlich die Ähnlichkeit des hymnischen Themas mit Beethovens Freudenmelodie. Hätten Sie es gehört?

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Infos zu den Stücken und dem Ensemble (PDF)

• Homepage des Ensembles «hornroh» D/F/E

• Der Kuhreihen ist älter als die SVP - siehe Wikipedia

• Auch das Alphorn ist älter als die SVP - siehe Wikipedia


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