Artikel vom 16.10.2010

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Ottokars Cinétips

Zwei Mal Kinogenuss

Zurzeit in Basel: Aus China, «Au Revoir Taipei» von Arvin Chen, und aus Rumänien, «Police Adjective» von Corneliu Poromboius

Von Ottokar Schnepf



«Au Revoir Taipei»: Coole Typen in knallbunten Outfits auf Ganoven-Trip.


«Au Revoir Taipei» von Arvin Chen ist «ein Filmgenuss der besonderen Art», denn der chinesische Regisseur hat die europäische Filmgeschichte gut studiert, weshalb seine Sequenzen u.a. an Jean-Luc Godard erinnern mögen. Und des Rumänen Corneliu Porumboius «Police, Adjective»: ein Film voller subtilem Humor.

Filme aus Asien sind vor allem bekannt für schräge Martial-Arts-Action und seltsam Übernatürliches. Daneben gibt es aber auch eine Hinwendung zu realistischeren Erzähltechniken, wie zum Beispiel der Film von Arvin Chen, dessen Eltern aus Taiwan stammen, der aber in den USA geboren und aufgewachsen ist.

Mit «Au Revoir Taipei» verbindet Chen das asiatische Kino mit dem europäischen der 60er-Jahre, der Nouvelle Vague. Diese neue Welle markierte damals den Übergang von der Nachkriegsgesellschaft hin zur modernen Wohlstands-Gesellschaft.

Die Vitelloni der 60er wiesen dabei voraus auf die Revoluzzer der späteren 68er. Dass Regisseur Chen und andere junge Filmemacher aus dem fernen Osten jetzt an diese Traditionen anknüpfen, sagt viel über die wirtschaftliche Stagnation der sogenannten Tigerstaaten. Die Protagonisten der Filme sind Arbeitslose oder Geringverdiener, die keinen Zugang mehr in die Leistungsgesellschaft finden, auch wenn ihre Überlebensstrategien verschieden sind.

Auch die verzweifelten Versuche der Hauptfigur in Chens «Au Revoir Taipei», sich in einer Buchhandlung mit einem Französisch-Lehrbuch die Sprache selbst anzueignen, weil er seiner Freundin nach Paris nachreisen will, kann als versteckter Hinweis des Regisseurs verstanden werden. Sein Film spielt fast ausschliesslich «film-noir-like» in der Nacht und erzählt mit viel Humor rund um die beiden Hauptfiguren Kai und Susi eine bunte Screwball-Comedy, in der Kais ebenso grosser wie verfressener Freund Gao, der verliebte Immobilien-Hai Bao und seine Bande Möchtegern-Gangster in orangen Anzügen die aberwitzige Handlung vorantreiben, die letzten Endes natürlich nur dem Ziel dient, Kai und Susi endlich zusammenzubringen.

Und obwohl es skurril und lustig zugeht, werden die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern mit einer Liebe gezeichnet, die auch die absurdeste Plot-Wendung nicht mindern kann.

Regisseur Arvin Chen erweist sich dabei als aufmerksamer Student der Filmgeschichte. Godards «Bande à part» wird mehrfach zitiert und fast zwangsläufig auch Kar-Wais «Chungking Express» sowie Woody Allens «Manhattan» und die Screwballkomödien des alten Hollywood. «Au Revoir Taipei» - ein Filmgenuss der besonderen Art!


Kiffen verboten!

Corneliu Porumboius «Police, Adjective» ist ein Film mit einem subtilen und durch seinen Minimalismus sehr befreienden Humor.




Der rumänische Polizist in Zivil beim Ausüben seines seiner Meinung nach überflüssigen Jobs.


Mit einem auf den ersten Blick verwirrenden, aber gerade dadurch im Nachhinein um so passenderen Titel, lädt der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu zu einem berückend qualitativen Kinoerlebnis ein. Inspiriert von Robert Bresson und den frühen Filmen von Jim Jarmusch, ist «Politist, adjectiv» ein unvermutet minimalistischer Film von erstaunlicher Klarheit und Subtilität.

Erzählt wird fast beiläufig eine fesselnde Story über den feinen Unterschied zwischen Gesetz, Gerechtigkeit und Gewissen: Ein frisch verheirateter Polizist fragt sich, ob es eine gute Idee ist, Schüler zu verhaften, nur weil sie Gras rauchen.

Polizist Cristi beschattet seit einiger Zeit einen Schüler, der verdächtigt wird, Haschisch zu rauchen und vielleicht sogar zu dealen. Cristis Vorgesetzte drängen auf Verhaftung, obwohl die Überwachung bisher kaum konkrete Hin weise erbracht hat. Ausser, dass der Schüler tatsächlich ab und zu eine raucht. Und das reicht hier für ein paar Jahre Knast.

Doch Cristi sieht nicht ein, weshalb er rumänischen Jugendlichen die Zukunft verbauen soll, wenn im ganzen restlichen Europa jeder straffrei einen Joint rauchen darf. Aber seine Chefs bleiben stur. Gesetz ist Gesetz und Cristi ein Polizist. Noch Fragen? (Jetzt im Stadtkino Basel).

P.S.: «Police, Adjective» ist ein Film für jeden, der sich schon einmal gefragt hat, ob das, was er da täglich macht, wirklich einen Sinn hat…

Von Ottokar Schnepf


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