Artikel vom 10.01.2010

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Basel - Allgemeines

Werbung mit der Fasnacht

Der Gag ist zwar sauglatt, aber ob es nun Sauglattismus ist oder Anbiederung oder ein sympathischer PR-Gag mit Niveau - wir sind etwas unschlüssig

Von Jürg-Peter Lienhard



Vielleicht hält das Ding hier Einzug ins Guiness-Book als Basels grösste Morgenstreich-Laterne. Es dominiert jedenfalls den Aeschenplatz und soll nachts erst noch beleuchtet werden - sofern die Verkehrspolizei ihre Bedenken wegen der Ablenkungs-Wirkung aufgibt… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Eine Berner Bank mit dem veyeletten Logo sponsert ein Werbedrämmli, das vordergründig Stimmung für ein Fasnachtsmuseum, hintergründig mit diesem aufwendig inszenierten PR-Gag vom Samstag, 9. Januar 2010, aber die neue Filiale ihrer «ausländischen» Sparkasse in Basel sanft auf dem Fasnachtsteppich der einheimischen Kundschaft landen lassen will: Die Basler sollen sich auf ihr «Fasnachts-Gen» testen lassen, wozu ein mit Fasnachtsfiguren bemaltes Drämmli an gewissen Samstagen bis zum dritten Bummelsunndig auf dem BVB-Netz verkehrt und seine Passagiere einsteigen lässt, damit sie sich mithilfe einer «hundertjährigen» Gen-Analysemaschine dem «alles entscheidenden Test» unterziehen.

Hinter dem Mond zuhause, wer meint, Fasnacht sei reine Volkskunst und kein kommerzieller Anlass: Nicht nur während, sondern das ganze Jahr über, wird in Zusammenhang mit den viel beschworenen «Drey scheenschte Dääg im Joor» des «Basler Bebbis» gross Kasse gemacht. Alles, was mit Fasnacht zu tun hat, ist Geschäft. Das Lieblingszitat des Comité-Obmanns Felix Rudolf von Rohr ist denn auch eine «wissenschaftliche Studie», die belegt, wie bedeutend die Fasnacht für die lokale Wirtschaft ist und wie diese Fasnachts-«Kultur» über die Stadtgrenzen hinaus in die übrige Schweiz, ja in die ganze Welt hinausstrahlt. Nachhaltig und während des ganzen Jahres…

In den letzten Jahren hat die Basler Fasnacht ihren Rahmen zu sprengen begonnen: War wegen der Fasnacht in den fünfziger Jahren, als ich Gnäggis war, nur der Montag- und Mittwoch-Nachmittag zwar vielenorten, aber nicht überall, arbeitsfrei, so ist die Fasnacht heute für die allermeisten Aktiven - und das sollen immerhin 12’000 «registrierte» und noch ein paar Tausend «Wilde» mehr sein - zumindest eine ganze Woche «Ferien».

In den fünfziger Jahren gingen die Fasnächtler nach dem Morgenstreich bis zum «Umzug» am Nachmittag zur Arbeit und zogen das Kostüm scheu irgendwo um. Am Dienstag wurde ganztags und am Mittwoch am Vormittag gearbeitet - wehe jemand machte «Fasnachts-Blauen»! Heute beginnt diese Aktiv-Woche oft schon am Sonntagnachmittag mit den letzten «Marschübungen» in den Beizen rund um den Allschwiler Wald oder den Langen Erlen, jedoch spätestens beim «Einpfeifen» der verhüllten Laterne vom Künstler-Atelier bis zum etwaigen Abmarschplatz in der Innenstadt - oft ohne «Pfuus» bis zum Morgenstreich. War früher der Endstreich um Mitternacht am dritten Fasnachtstag, so ist er heute erst am Donnerstag um vier Uhr in der Frühe. Und manch ein versprengtes Grüppchen pfeift und trommelt um Müllmännerkolonnen und Strassenwischmaschinen kurvend herum noch bis zum Morgengrauen oder auf dem Weg nach Hause.

Während wir in den Fünfzigern im noch «rein schweizerischen» Bläsi Tonformen mit in Fischkleister aufgeweichten Zeitungsschnipseln Lage um Lage belegten, in den frühen achtziger im Muba-Rundhofkeller dann Gipfsformen eines englischen (!) Künstlers mit methodisch schon höchst elaborierten Kniffen ausgossen, kauft man sich heutzutage von spezialisierten Ateliers die Larven, deren Ausgestaltung grafisch und künstlerisch perfekt sind und sich längst durch groteskeste Auswüchse von ihren ursprünglichen Vorbildern entfernt haben. Der Waggis beispielsweise…

Der Perfektionismus hat seinen Preis, zumal es unzählige - sage schonend nicht: Firmen, sondern Ateliers gibt, die sogar das ganze Jahr über mit Fasnächtlichem verdienen. Als da sind: Perückenmacher, Larvenmacher, Schneiderateliers, aber auch die Plakettenstanzerei. Sie beschäftigt bis zu siebzehn vollamtliche Leute. Selbst wenn sie nicht nur allein für die Basler Fasnacht Abzeichen herstellt, ist das Geschäft doch aus der Basler Fasnacht herausgewachsen.

Es gibt ferner jede Menge von Material, wofür die Cliquen und Aktiven Bedarf haben und sehr, sehr viel Geld dafür ausgeben: Selbstverständlich sind dies zuerst Piccolos und Trommeln, aber auch das Zubehör wie «Felle», Schlegel und Pfeifenputzer, dann Holzschuhe für die Waggisse, Vatermörder, Kopfladärnli und das Material für die elektrische Beleuchtung und, und, und… Aktive Fasnächtler kennen darüberhinaus aus ihrer beruflichen Tätigkeit während des Jahres oftmals hochspezialisierte Bezugsquellen, die man auch für Sonderanfertigungen anzapfen kann. Und zwar immer mehr auch in China!

Ein weiteres Geschäftsfeld sind die Cliquenkeller. Das sind Wirtschaften, die sich dem Wirtshausgesetz dadurch entziehen können, weil sie rein private Vereinslokale sind, die weder Hygieneauflagen befolgen brauchen noch Lohnkontrollen über sich ergehen lassen müssen - zumal die Bedienung oft aus den eigenen Reihen als mehr oder weniger Freiwillige rekrutiert wird.

Aber gleichwohl haben die Beizer an der Fasnacht genug zu verdienen, auch wenn sie übers Jahr stets wegen der «Schmuddelkonkurrenz» der Cliquenkeller klagen: Innerstadtbeizen schlagen während den drei Tagen kräftig auf, und manch ein Schlaumeier behält dann die aufgeschlagenen Preise das ganze Jahr über bei, bis zur nächsten Fasnacht… Allerdings müssen sich deshalb die Beizer selber an der Nase nehmen, wenn übers Jahr die Cliquenbrüder lieber ihre günstigen Keller aufsuchen, statt die teuren öffentlichen Lokale…

Was allerdings bislang ein richtiggehendes Tabu an der Fasnacht war, das ist Werbung, oder sagen wir es milder: Werbung, die als solche zum Himmel stinkt. Wer an der Fasnacht erwähnt wird, und sei es spöttisch statt ironisch, der darf sich das als Ehre und eben als Werbung zugutehalten. Schlimmer als ein Spottvers ist, gar nicht erwähnt zu werden.

Nun werden gewissermassen als Obligatorium die Basler Medien und die Basler Verkehrsbetriebe an der Fasnacht gerne verhandelt oder bespöttelt. Sie sind damit sehr zufrieden: man spricht von ihnen. Immer wieder aber kommen - nicht nur «ausländische» - Unternehmen oder ihre Mitarbeiter in Versuchung, sich ebenfalls irgendwie an der Fasnacht ins Gespräch zu bringen.

Ich erinnere mich an die Doppelstab-Aktionen stets während der Sommerferien der siebziger Jahre, die öfters viel Gesprächsstoff boten, aber, so weiss ich aus bester Quelle, auch immer darauf abzielten, an der Fasnacht ihren Niederschlag zu finden. Es gibt aber auch eklatantere Beispiele in der Fasnachtsgeschichte, wo mit ziemlicher Unverdrossenheit versucht wurde, Werbung in der Fasnacht zu plazieren.

Allerdings kam dies nie gut an und war meist auch kontraproduktiv. Auch politische Werbung wurde versucht, zumal in Schnitzelbank-Versen. In den letzten Jahren gab es gar «oekologische» Versuche - sie fielen jedenfalls komplett durch. Das Basler Publikum hat da ein besonderes Sensorium und ist gnadenlos, wenn es zu «Übergriffen» kommt. Der Grat, worauf solche Übungen abzuhalten versucht werden sollen, ist sehr schmal und die Abgründe bodenlos tief.

Wo aber zunehmend unverhohlen Werbung in der Fasnacht plaziert wird, das ist die Zeit vor und die Zeit nach der Fasnacht. Da spekulieren Firmen und ihre PR-Berater gerne auf den «Fasnachtsgeist» in Basel, werden mitunter gereimte Slogans und Verse kreiert, die sich an die Schnitzelbank- oder Zeedel-Dichtkunst anlehnen. Manchmal sogar getextet von bekannten Autoren der Fasnachtsszene und treffen darum auch häufig gekonnt den «Ton».

Ansonsten geht dann auch manchmal «der Schuss hinten los»: Der im «Fasnachtsstil» versteckte schulmeisterliche Slogan der Verkehrspolizei: «Bim Halte dr Motor abschalte», wurde rasch von den echten Fasnächtlern in «Bim Halte an dr Ample, dr Motor vertrample» verballhornt und damit aus der zu gut gemeinten Schusslinie genommen.

Auf diesem schmalen Grat zwischen Abgrund und PR-Auftrag, zwischen Kommerz und Sympathie, wo die Tradition der spontanen Volkskunst immer mehr zum inszenierten Event und Wirtschaftsfaktor verkommt, da hat wahrscheinlich die PR-Agentur Cadeau Communication von Dominique Mollet mit dem Fasnachts-Drämmli ein neues Zeichen, ein professionelles Zeichen gesetzt, konzeptionell nicht weit entfernt von Ikea- und Stücky-Saturn-Werbung: Die Werbebotschaft auf dem Fasnachtsvehikel, das trojanische Pferd aus Bern…

Denn alles ist gut gemacht - von A bis Z: Die Idee, die Umsetzung, die Medienarbeit, die Grafik, die Farbe, der Bhaltis, die hüschen und sympathischen Bernermeitschis, die Einladung an den ehemaligen Grünen, der jetzt Stadtpräsident ist.

Das Vehikel ist ein alter Motorwagen der BVB, der jetzt weiss gespritzt ist und an seinen Aussenflächen mit übergrossen Fasnachtsfiguren beklebt ist: Das Fasnachts-Drämmli. Es soll bis zum dritten Bummelsunntig jeweils an bestimmten Samstagen auf dem BVB-Netz verkehren (ob auch nach Allschwil, ist nicht ganz klar), kann aber auch für Sonderfahrten gemietet werden. Im Traminnern empfangen veyelett gekleidete Bernermeitschis die Passagiere und lassen sie einen Fragebogen ausfüllen, womit in einer «hundertjährigen» (!) Maschine geprüft werden kann, ob den Getesteten das «Fasnachtsgen» innewohnt. Die Meitschis seien darum aus Bern «importiert» worden, nicht weil sie sehr hübsch sind, sondern weil sie als Bernerinnen das Wesentliche der Basler Fasnacht nicht kennen und daher auch beim Ausfüllen der Fragebogen keine unlautere Hilfe geben können…

Charmant ist diese Werbung, sehr originell auch, muss man ja zugeben. Aber dick aufgeschnitten wird auch: Ein riesiger Stoffkubus, den die PR-Firma «Garage» nennt, und auf einem der nicht benutzten Gleise des früheren Elfers steht, soll eine Fasnachtslaterne darstellen und als solche für die Idee eines Fasnachts-Museums werben. Dominique Mollet jedenfalls konnte mit diesem Argument auch den Lotteriefonds anzapfen, obzwar die ganze veyelette Aktion ein PR-Unternehmen für die veyelette Berner Bank ist.

Die Frage ist, ob es ein Fasnachts-Museum braucht. Sagt man doch in Basel, jemand komme «hindefire wie die alti Fasnacht» - etwas Langweiligeres als die vergangene Fasnacht gibt es in Basel nicht, zumal, wenn die Pointen schon eh die Runden gemacht haben und erst recht, wenn sie längst entschlafen sind.

Punkto Fasnachts-Drämmli und veyeletti Sponsoren-Generierung lautet mein Fazit: Auf Ideen muss man kommen und wissen, wo das Geld auf der Strasse liegt - im Moment findet man es scheinbar leicht für Events der Marke Fasnacht. Mal sehen, wie es nach dem Jubiläumsjahr weitergeht…

Fotos von der PR-Vernissage: J.-P. Lienhard, Basel © 2010



Die Terrasse des «zum Portmann», wie das Restaurant «Aeschenplatz» von den Redaktoren der alten National-Zeitung geheissen wurde, war am Samstag, 9. Januar 2010, kurzfristig zur Vernissagen-«Haltstell» des Fasnachts-Drämmli umfunktioniert worden.




Veyeletts Bernermeitschi, absichtlich ohne Kenntnisse der Basler Fasnachtsgeheimnisse, instruiert einen Vernissagen-Gast für das Ausfüllen des Gentest-Fragebogens. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010




Der ehemalige Grüne hier macht jeden vorfasnächtlichen PR-Unfug mit, nur um auf webjournal.ch abgebildet zu werden. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010




Das Fasnachts-Drämmli gegenüber dem «Portmann». Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010



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Von Jürg-Peter Lienhard


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