Artikel vom 22.12.2009

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Ottokars Cinétips

Kino-Weihnachten

Zwei sehr unterschiedliche Kinoereignisse während der Festtage

Von Ottokar Schnepf



Blaue Menschen mit Fledermausohren - was kommt als nächstes aus Hollywood, bevor man sich wieder realen Menschen und ihren unglaublich realen Geschichten zuwendet?


Alle Jahre wieder kommt die Weihnachtszeit - und mit ihr mehr oder weniger passende Kinoereignisse. 2009 sind das James Camerons 3D-Spektakel «Avatar» und Spike Jonzes Kinderbuchverfilmung «Wo die wilden Kerle wohnen».

Das Science-Fiction-Epos «Avatar» zeigt die Geschichte eines gelähmten US-Soldaten, der sich auf dem fremden Planeten Pandora Kraft seiner Gedanken mit einem den einheimischen Na'vi nachempfundenen Avatar fortbewegt und einer blauhäutigen Prinzessin und ihren Leuten bei einer Revolte gegen die Kolonisierung und Ausbeutung Pandoras hilft.

Ein Film, der das Gesicht der Computertechnik verändert, um das Unterhaltungskino mit neuen Technologien zu revolutionieren und ihm neue Horizonte zu erschliessen. Bis die Branche mit den visuellen Effekten das Ende der Fahnenstange erreicht hat - und eines Tages wieder gezwungen ist, ein kleines Drama ohne Spezialeffekte zu drehen. Um vielleicht mit Filmen mit Menschen, von Menschen und über Menschen das Publikum wieder in die Kinos zu locken. Hoffentlich lohnt sich das Warten.

*****

Hinter den beiden Filmen «Avatar» und «Where The Wild Things Are» stehen zwei Herangehensweisen an die Arbeit mit dem Medium Film, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwölf Jahre nach dem Welterfolg von «Titanic» geht es dem Technikfanatiker Cameron um nicht weniger als um die Erschaffung einer fantastischen Welt, die sich auf dem heimischen Flachbildschirm nicht reproduzieren lässt. Er hat Jahre damit verbracht, die technischen Voraussetzungen für eine Bildsprache zu entwickeln, die seinen Ansprüchen genügt.




Auch Spike Jonze hat sich mit seinem Projekt mehr Zeit gelassen, als es den Studiobossen lieb war. Er legt es jedoch nicht auf eine Überwältigungsästehtik an, er will vielmehr zeigen, wie es ist, ein Kind zu sein, ohne die kindlichen Ängste und Verwirrungen nach den Massgaben des Wohlfühlkinos zu beschönigen.

Spike Jonze verwandelt Maurice Sendaks Bilderbuchgeschichte über die Begegnung eines Neunjährigen mit einer Horde von Inselmonstern am Ende der Welt in eine Erzählung für Erwachsene: «Wo die wilden Kerle wohnen» ist die konsequente, atmosphärische Weiterdichtung des Klassikers, eine Reise zu den dreieinhalb Meter hohen Ungeheuern in unseren Köpfen - erzählt mit fantastischer Gelassenheit. Merke: Respektier das Tier!

Fast jedes Kind kennt Max, den Helden von Maurice Sendaks «Wo die wilden Kerle wohnen», der als Neunjähriger von seiner verärgerten Mutter ohne Essen auf sein Zimmer geschickt wird, und der sich in seinem Zorn in eine Fantasiewelt mit Monstern flüchtet, die für eine kurze Zeit auf einer Insel am Ende der Welt mit ihm herumtoben. Am Ende kehrt er in sein Kinderzimmer zurück, wo sein noch warmes Abendessen auf ihn wartet.

Hätte Spike Jonze die Geschichte dieses Kinderbuchklassikers wirklich werkgetreu adaptiert, wäre daraus nur ein Kurzfilm entstanden. Sendaks Original braucht für seine Geschichte kaum 300 Worte und nur knapp 18 kolorierte Bildtafeln. Um aus diesem knappen Stoff einen abendfüllenden Spielfilm zu machen, mussten sich Jonze und sein Koautor Dave Eggers in Psychoanalytiker des kleinen Max verwandeln.

«Wo die wilden Kerle wohnen» ist kein Kinderfilm, sondern ein Film über Kindheit geworden, ein sehr erwachsenes Vergnügen voller absurder Momente - das gleichwohl auch grössere Kinder erreichen wird.

Mit den Fantasy-Epen Hollywoods hat «Wo die wilden Kerle wohnen» nichts gemeinsam. Jonzes Universum ist von Camerons «Atavar»-Projekt so weit entfernt wie Basel von Pandora. Die digitalen Effekte sind in «Wo die wilden Kerle wohnen» sparsam verwendet, um so mehr erfreut sich Jonze am Gewicht der Kostüme, an sehr realem Staub oder feuchter Erde.

Wie eine abgewrackte, müde gewordene Hippie-Familie wirken Jonzes Monster, die jahrelang sich selbst überlassen waren und nun kaum mehr aus ihren eingeschliffenen Konflikten herausfinden können - bis Max erscheint, in dem sie ja eigentlich wohnen. Oder vielleicht doch nicht nur?




Das Buch zum Film - 1963 erschienen im Diogenes-Verlag - ist noch heute ein ideales Weihnachtsgeschenk für Buben. Vor allem, wenn sie Max heissen! Zu beziehen im Basler Buchhandel.

Von Ottokar Schnepf


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