Artikel vom 14.10.2009

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Basel - Allgemeines

Das täglich grosse Fressen…

3 Michelin-Sterne für das Tierfutter im Zolli Basel - ein Blick auf den tierischen Speiseplan und Kürbis-Plausch bei den Dickhäutern

Von Jürg-Peter Lienhard



Das von den beiden Zolli-Frauen (links) wundervoll hergerichtete und äusserst kreativ gestaltete Apero-Büffet für die Journalisten ist aus demselben frischen Obst und Gemüse zubereitet, wie es für die Tiere bestimmt ist (hinten in den Plastikkörben). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Für einmal waren nicht Tiere Gegenstand der Betrachtung am Zolli-Apero vom Mittwoch, 14. Oktober 2009, sondern deren Fressen. Und das geht ins Gewicht: 200 Tonnen Heu, 120 Wagenladungen Gras, 60 Tonnen Rüebli und ein paar hundert Kilogramm Kürbisse fressen die Tiere im Zolli im Jahr - nebst unzähligen weiteren Tonnen Früchte, Gemüse, Fleisch und Fisch. «La grande bouffe» (das grosse Fressen), lautete denn das Thema der Presseveranstaltung - frei nach dem Titel des Kult-Films von Marco Ferreri aus dem Jahr 1973.

Wer frisst denn am meisten im Zolli? Die «grössten individuellen Verbraucher» sind klar die Elefanten, erklärte Zootierarzt Christian Wenker den Presseleuten. Ein Elefant frisst pro Tag rund 250 Kilogramm Futter, wie Hafer, Kleie, Obst, Gemüse, Gras, Heu, Laub oder Äste. Dazu trinkt er gut 200 Liter Wasser. Weil der Elefant aber ein schlechter Verdauer ist - in seinem Kot finden sich oft ganze Aepfel unzerkaut - muss er ständig was zum Mampfen haben. Elefanten machen darum täglich während bis zu 20 Stunden nichts anderes als Fressen.

Ich kenne unter meinen Bekannten gute und schlechte Verdauer, und ich frage mich daher, wer von den beiden Typen mehr zu beklagen ist - der dicke Fresser oder der dünne Hungrige…



Das ist offensichtlich ein guter Verwerter - sieht man am kugelrunden Bauch… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Man muss aber nicht meinen, dass die Vielfrasse unter den Zollitieren am meisten Arbeit verursachen. Im Gegenteil: Die Flamingos beispielsweise erhalten eine Futtermischung aus insgesamt elf Komponenten, darunter Körner, Salz, Krebsen und zwei Teelöffel voll Canthaxatin. Dies ist ein rotes Pulver von der Hoffmann-La-Roche, das man in obgenannter Menge dem Futterbrei der 120 köpfigen Flamingo-Familie beimengt, damit die ihre rote Farbe nicht verlieren.

Der Verlust der roten Farbe bei Flamingos in Gefangenschaft gab den Zoologen bis 1958 Rätsel auf. Inzwischen weiss man, dass diese rote Farbe, die von gewissen roten Krebsen stammt, Funktionen zukommt - zumal bei der Fortpflanzung. Heute sind die Basler Zolli-Flamingos wieder rot - und gesund.



Futtermeister Beat Rüegsegger (rechts) erläutert die elf Komponenten des Flamingo-Futters, während Zootierarzt Christian Wenker (links) aufmerksam zuhört. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Interessant ist die Fresstechnik der stelzbeinigen Vögel: Sie haben einen gebogenen Schnabel, womit sie gewissermassen verkehrtherum ihre Nahrung im Wasser aufnehmen, wenn sie den Schnabel ins Wasser tauchen. Dabei saugen sie das Wasser durch die Nasenlöcher auf und filtern die festen Nahrungsbestandteile mit einer lamellenartigen Zunge aus.



Das Rot, das die Flamingos wieder rötet: Zwei Kaffeelöffeli voll künstliches Karotin täglich für 120 Schnäbel genügen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Noch komplizierter ist der Speiseplan der Kudus, einer kleinen Gazellenart neben dem Giraffengehege. Diese hirschartigen Tiere sind in der afrikansichen Savanne beheimatet, wo es während des ganzen Jahres frische Blätter an den Sträuchern hat. Die Zolli-«Köche» fanden eine Methode, wie man den Kudus hierzulande auch im Winter Blätter offerieren kann. Und diese Methode hilft auch den Menschen, zumal den Freiwilligen im Zolli. Denn Kudus fressen die Blätter nur, wenn sie vom Geäst abgezupft sind. Das ist eine Heidenarbeit, weil da säckeweise Geäst entblättert werden muss. So zupften Freiwillige im Monat Juni stundenlang Kilo um Kilo Blätter von den Ästen.



Die milchsäuregegärten Blätter im Choucroute-Fass: Jedes einzelne Blättlein ist von Hand gezupft von vielen Freiwilligen, denen aber die Arbeit Freude bereitete, weil sie dabei Geschichten erzählen und hören konnten. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Und was machen die Leute, damit es ihnen bei dieser langwierigen Arbeit nicht todlangweilig wird? Sie schnattern, ähem, sie erzählen sich Geschichten, Singen oder Plaudern drauflos. Unsere moderne Gesellschaft kennt solche «psychohygienischen» Tätigkeiten nicht mehr; sie waren bei unseren Vorfahren üblich, aufgezwungen durch Tätigkeiten, die das Überleben oder die Jahreszeiten erforderten: Sticken, Spinnen, Hecheln, Waschen und Zerlesen von Früchten und Gemüsen.

Die gezupften Blätter aber müssen haltbar gemacht werden. Das geschieht mithilfe der jahrtausendealten Fertigkeit der Milchsäuregärung - ähnlich dem Einmachen von Sauerkraut. Und offenbar fressen die Kudus dieses Eingemachte genau so gerne, wie die Menschen das Choucroute à l’Alsacienne - nur hats in der Blätterspeise der Kudus keinen goldigen Riesling drin…



Mensch und Aff beim Essen und Fressen: Für beide Spezies jeweils täglich eine Hauptbeschäftigung. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Übrigens ist der Vergleich mit dem menschlichen Menü überhaupt nicht abwegig: Wie der Zolli-Futtermeister Beat Rüegsegger schliesslich zum Abschluss des Futterrundgangs am Apero mit einem wunderschön gedeckten und aufgetischten Büffet bewies: Die Tiere bekommen das Futter, das auch Menschen essen. Tieren wird, wie den Menschen auch, kein Abfall oder schimmlige, verdorbene Nahrung verfüttert. Die Mägen gewisser Tiere sind noch empfindlicher als Menschenmägen. Ein verdorbener Fisch kann einen Seelöwen lebensgefährlich krank machen - wie Menschen auch.



Es geziemt sich für Menschenkinder nicht, fremden Leuten in den Teller zu gaffen. Doch dieser Aff hat auch nicht besondere Tischsitten… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Das Futter der Tiere, Früchte und Gemüse, stammen von ausgesuchten Betrieben in der Region. Nur Trauben, womit gewisse Vogelarten ausschliesslich ernährt werden müssen, kommen in der Winterzeit mitunter von Südafrika. Aber sonst kommt alles frisch auf den Tisch - vom Fisch bis zum Salat. Dem Zolli kostet das 750’000 Franken im Jahr. Das Basler Publikum weiss, dass der Zolli darum stets dankbar ist, wenn er im Testament von Tierfreunden berücksichtigt wird. Denn nur gesunde, gut tiergerecht ernährte Tiere führen zu den berühmten Basler Zuchterfolgen und garantieren, dass eh schon hochgefährdete Spezies eine Chance zum Überleben haben - wenngleich heutzutage auf der Welt leider bald nur noch in einem Zoo…

Besuchen Sie wieder einmal den Basler Zolli, nein besuchen Sie ihn regelmässig. Sie wissen: Der Zolli ist das ganze Jahr über besuchenswert, auch in der kalten Jahreszeit, denn viele Tiere lieben die Kälte, und diejenigen Tiere, die warm brauchen, sind in geheizten Hallen und Gehegen untergebracht, so dass man das Tier-Erlebnis selbst dann geniessen kann, wenn es Katzen hagelt. Nur Raubkatzen hagelt es nie…



Geburtstagskind und Geburtstagstorte: Prof. Ernst Lang (Mitte) feiert am Freitag, 16. Oktober 2009, seinen 96. Geburtstag. Er ist der berühmteste aller Zolli-Direktoren in Basel. Links von ihm der derzeit amtierende Direktor Olivier Pagan und rechts vom Geburtstagskind der Zuckerbäcker Kurt Thommen, der die Geburtstagstorte gestiftet hat. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Halloween bei den Elefanten…

Bei den Elefanten gibts übrigens an diesen Tagen um Halloween herum ein besonderes Schauspiel: Die liebenswürdigen Dickhäuter erhalten ein besonderes Guddiguddi, nämlich am 17., 24. und 31. Oktober, 7. November und 14. November, jeweils um 15 Uhr, je einen Riesenkürbis als Dessert. Das Schauspiel sollten Sie sich nicht entgehen lassen, weil Sie da erleben können, wie intelligent und raffiniert die grauen Dauerfresser sind, und wie jedes einzelne Tier seine eigene Methode verwendet, um die harten Kürbisschalen zu knacken, um an das weiche Innere und die vielen Kerne zu gelangen - von denen kein einziger übriggelassen wird.


Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2009












Von Jürg-Peter Lienhard

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