Artikel vom 30.05.2009

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Basel - Kultur

Anekdote ad Giacometti

Basel und Riehen bei Basel sind mit van Gogh und Giacometti das europäische Kunstereignis des Jahres 2009 - dazu passt die Geschichte einer Foto aus dem Jahr 1980

Von Redaktion



Fotografierte Picasso, Casals und Giacometti: René Burri, hier in der Magnum-Fotoausstellung im August 1980 in Saint-Ursanne, wo er eine eigene Abteilung belegte. Foto von J.-P. Lienhard, Basel, aus dem «AT-Feuilleton» (vom 12.8.1980), © 2009, J.-P. Lienhard, Basel


Ernst Beyeler war gewissermassen der Entdecker von Alberto Giacometti, weshalb sich in seiner Sammlung mehrere Werke des Bündner Künstlers befinden, die jetzt Anlass zu einer grossen Sommerausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel geben. Ein Grund, um mal die Ferien, oder zumindest einen Ausflug nach Basel und Riehen, zu planen - statt nach Bangkok. Denn in Sachen Kunst ist in diesem Sommer in Basel allerhand los, was alle Kunstereignisse Europas, vielleicht der Welt, übertreffen dürfte: Die Van-Gogh-Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel, die Kunstmesse Art Basel und die grosse Sommerausstellung in der Fondation Beyeler zu Alberto Giacometti.

Alberto Giacometti (1901-1966) ist einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Zunächst lange verkannt, ist er schon früh vom Basler Kunsthändler Ernst Beyeler gefördert und gesammelt worden. Beyelers Verdienst ist, zu Beginn der 1960er Jahre den Anstoss zur Gründung der Giacometti-Stiftung in Zürich gegeben zu haben und damit den Künstler aus dem Bündnerland in den Zenit des europäischen Kunstschaffens des vergangenen Jahrhunderts gerückt zu haben. Beyeler ist der Stifter des Museums für klassische Moderne, der «Fondation Beyeler» in Riehen bei Basel.

Giacomettis Werke sind in der Sammlung Beyelers mit exemplarischen Arbeiten seines visionären Spätwerks vertreten. Die Skulptur «Homme qui marche» von 1960 sei «nahezu eines der Markenzeichen für die "Fondation Beyeler", wenn nicht für Ernst Beyeler selbst, geworden», heisst es auf der Homepage der «Fondation Beyeler» zur gegenwärtigen Sommerausstellung zu Alberto Giacometti.

Die Ausstellung zeigt rund 150 bedeutende Arbeiten aus allen Werkphasen des Künstlers, die aus Familienbesitz sowie renommierten Sammlungen aus aller Welt stammen. Sie werden durch einzelne Werke seines Vaters Giovanni (1868–1933), seines Bruders Diego (1902–1985) und seines Onkels Augusto (1877–1947) ergänzt. Ebenfalls eine Rolle spielen Alberto Giacomettis Mutter Annetta, sowie seine Ehefrau Annette, die er häufig porträtiert hat.

Magnum-Fotograf René Burri war Freund Giacomettis

Der Magnum-Fotograf René Burri hat die berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts porträtiert: Den Maler Picasso, den Musiker Casals und den Bildhauer Giacometti. Der Freie Journalist und Photoreporter Jürg-Peter Lienhard hat im August 1980 Burri zusammen mit Giacomettis Skulptur und Fotografie fotografiert. Eine Anekdote in Zusammehang mit der grossen Sommerausstellung 2009 in der «Fondation Beyeler» in Riehen bei Basel.

Diese Foto Burris mit einer Giacometti-Skulptur und im Hintergrund mit einer Foto von Burri, die er in Giacomettis Pariser Atelier aufnahm, hat eine Geschichte. Das ist oft so mit Fotos, genau so wie mit komponierter Musik, deren Geschichte mitunter spannender als ein Krimi ist.

1980 veranstaltete die von den vier berühmten Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David "Chim" Seymour und George Rodger 1947 in Paris gegründete Fotoagentur Magnum erstmals in Europa eine Ausstellung in Saint-Ursanne. Initiant war der Zürcher Fotograf René Burri, der nur wenig später nach der Gründung von Magnum zur Agentur stiess und, weil sie genossenschaftlich organisiert ist, eben auch Teilhaber ist. Saint-Ursanne wählte Burri als Ausstellungsort, weil das jurassische Städtlein am Doubs nicht nur ein beinahe vollkommen erhaltenes mittelalterliches Gesicht hat, sondern Burris erste Station auf dem Autostopp-Weg nach Paris war, wo er Capa und Cartier-Bresseon seine Fotos zeigen wollte, um in Magnum aufgenommen zu werden.

Wider das Diktat von Bildredatoren und Layoutern

Bis Saint-Ursanne konnte Burri den Zug nehmen. Ab Saint-Ursanne war Autostopp angesagt, denn für die Bahnfahrt nach Paris hatte Burri kein Geld. Seine Fotografien haben offenbar bei Magnum gefallen, denn Burri wurde Teilhaber, das heisst Genossenschafter. In der damaligen Zeit der Nachkriegsfotografie, die aus der Kriegsfotografie hervorgegangen ist, waren die Rechte der Fotografen keineswegs geschützt. Noch übler wurde den Fotografen mitgespielt, indem man sie von Schauplatz zu Schauplatz hetzte, ohne ihnen Zeit zu lassen, das Ereignis so erleben und fotografieren zu lassen, dass ihre Bilder eben eine «Aussage» machen konnten. Und ferner waren sie der Willkür der Bildredaktoren und der teils fragwürdigen Aesthetik der Grafiker und Layouter ausgesetzt.

Magnums Gründer wollten ihren Beruf und ihre Berufung aber so unabhängig wie möglich ausüben, wollten nicht wohin verschickt werden, wo sie weder Interesse noch Ahnung hatten, sondern unabhängig sich den Themen so widmen, bis der Kern der Aussage getroffen worden. Und dauerte es Monate… Zu allem hin wollten sie sich einer gewissen Ethik verpflichten, damit aus dem Verantwortungsgefühl und Respekt des Fotografen gegenüber der Welt und ihren Menschen Bilder entstehen konnten, die einen weltverbessernden, erzieherischen Einfluss haben.

Und zudem formulierten sie den Umgang mit ihren verkauften Bildern, was damals schon ein grosses Übel war und es immer noch ist, inzwischen bekannt als Urheberrecht. Magnum verlangte unbedingt, dass die Namen der Fotografen bei jeder Veröffentlichung genannt werden müssen, dass die Negative dem Fotografen gehörten, damit die Verkaufsrechte stets beim Fotografen blieben und sich seine Arbeit auch bezahlt machte.

Allerdings verblieben 40 Prozent der Einnahmen aus den vermarkteten Magnum-Fotografien in der Genossenschaft. Dadurch konnte Magnum jeweils Reportagen finanzieren, die sonst aus finanziellen Gründen gar nicht zustandegekommen wären.

Die rund 40 genossenschaftlichen Teilhaber, alles aktive Fotografen, geniessen daher einen hohen Stellenwert in der Berichterstattung, obwohl das Fernsehen und Aktualitäten-Fotoreporter stets hurtig an den entlegensten Schauplätzen der Welt hinreisen. Trotz der weltweiten Bilderflut sind die Aufnahmen der Magnum-Fotografen deswegen begehrt, weil sie nicht selten beharrlich lange Zeit um das Vertrauen ihrer «Objekte» geworben haben und dadurch unvergleichliche Bilder präsentieren können.

Ohne Vertrauen kein lebendiges Bild

So, wie René Burri, der zu einem Freund Giacomettis wurde und daher wundervolle Aufnahmen vom Künstler in dessen Momenten höchster Konzentration während der Arbeit vornehmen konnte. Keine dieser Aufnahmen ist «aus der Hüfte geschossen» oder gar ein «Zufallsprodukt», sondern Abbild einer intimen Begegnung aus respektvoller Distanz.

Aus Burris Porträts funkelt zuweilen der Schalk, der ihm selbst tief ins Gesicht geschrieben steht. Giacometti «erwischte» er mit fest zusammengekniffenen Augen, gerade als der Künstler eine seiner spindeldürren Figuren modellierte. Komik auf den ersten Blick, treffendes Festhalten der Persönlichkeit des Porträtierten auf der zweiten: Giacomettis wulstige «Schlitzaugen» drücken höchste Konzentration, innigste Hingabe an seine Kunst aus.




René Burri, der hier auf der Foto mit seinen Händen vormacht, dass er Giacomettis Gesicht ebenso «schmal» in Erinnerung hat, wie dessen Skulptur im Vordergrund… Das Negativ dieser Aufnahme von J.-P. Lienhard von August 1980 in Saint-Ursanne ist irgendwo vergraben in der Masse der Negative eines halben Journalisten-Lebens… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Dies ist die Foto, die auf der Foto von J.-P. Lienhard in der Burri-Ausstellung hinten an der Wand hängt. Sie zeigt Giacometti, seine «ewige» Gauloise rauchend, in seinem Pariser Atelier. (Foto: René Burri, Paris)




Und dies sind Gicaomettis «Schlitzaugen», wie Burri sie erwischt hat, als der Künstler konzentriert an dieser Figur arbeitete. Man beachte die Zigarette in der Hand Giacomettis: seine stete Begleiterin, die Gauloise… (Foto: René Burri, Paris)



Von Redaktion

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