Artikel vom 10.05.2009

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Elsass - Allgemeines

Mit Fotoreportage am Schluss

Erinnern heisst Frieden sichern!

Am «Armistice 1945» hat Waldighofen am Freitag, 8. Mai 2009, dem Kriegsende und der Befreiung des Sundgaus gedacht und die erneuerte Brücke an der Strasse des 19. November in «Jean-de-Loisy-Brücke» getauft

Von Juerg-Peter Lienhard



Es war an der Zeit, dass die bisher namenlose Ill-Brücke in Waldighofen einen Namen erhielt - nicht irgendeinen, sondern denjenigen des ersten Befreiers des Sundgaus von den Deutschen: Lieutenant Jean de Loisy. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Der Sundgau ist am 19. November 1944 von der Schreckensherrschaft der Deutschen innert nur vier Stunden befreit worden. An der Spitze des Panzerpelotons der 1. Französischen Armee fuhr Lieutenant Jean Carrelet de Loisy. Sein für die überrumpelten Deutschen derart rasches Vordringen verhinderte, dass sie die von ihnen gebaute Notbrücke für die von den Franzosen 1940 gesprengte Brücke über die Ill ebenfalls zerstören konnten. Die Notbrücke war von der deutschen Genie aus dicken Baumstämmen errichtet worden und für maximal acht Tonnen berechnet. De Loisy’s Sherman-Panzer jedoch wogen 32 Tonnen. Nach de Loisy’s Avantgarde folgten rund 1000 Panzer und schwere Transportfahrzeuge der 1. Armee, die die Brücke unversehrt überquerten…



Das Durchschneiden des Trikolorebandes des «Pont Lieutenant Jean de Loisy»: Der Anlass war deren Renovation und die Erneuerung der Strasse des 19. Novembers. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009

Lieutenant Jean de Loisy’s Befehl lautete, so rasch wie möglich von Belfort an den Rhein zu gelangen - aus kriegstaktisch-psychologischen Gründen. Das rasche Vordringen hatte er zudem einer Kriegslist von General de Lattre de Tassigny zu verdanken, der sich auf Geheimdienst-Informationen des schweizerischen Armeechefs General Henri Guisan stützen konnte. (Die entsprechenden Belege dazu sind Gegenstand einer publizistischen Arbeit, die später erscheint.) Die Deutschen vermeinten aufgrund gezielter Desinformation, die französische Armee greife in den Vogesen an, weswegen sie den Sundgau nur mit Angehörigen der kriegsbeschädigten Reserve, von den Franzosen verächtlich «l'armée sourde» genannt, besetzt hielten. Und die hauten beim ersten Schuss einfach ab…

Allerdings gab es im Territoire und bei Sept massiven Widerstand. Zivile elsässische Augenzeugen berichteten, dass es «dort gschpänglet hàt» - dass dort schwer geschossen wurde. Der frühere Holzschuhmacher von Oltingen beispielsweise, kaufte kein Holz mehr aus der Region von Sept und Larg, weil in den Stämmen immer wieder inzwischen eingewachsene Stahlgeschosse steckten, die das Band seiner Bandsäge zerstörten.

Bei der Befreiung des übrigen Elsass jedoch behielten die mit Durchhalteparolen ihrer verbrecherischen Vorgesetzten fanatisierten Deutschen lange hartnäckig Oberhand. Nach der Einnahme des Sundgaus, tags darauf, wurde de Loisy’s Panzer «Austerlitz» beim Eindringen in die Mülhauser Kaserne Lefèvre mit einer Panzerfaust abgeschossen - wenige Minuten später ergaben sich die minderjährigen, aber fanatisierten Hitlerjungen, die in einem Kellerloch den Hinterhalt vorbereitet hatten…

Im November letzten Jahres besuchte eine Kompagnie der Absolventen der berühmten französischen Elite-Militärschule Saint-Cyr Coëtquidan in ihrer historischen Uniform den Sundgau, unter anderem Waldighofen (webjournal.ch berichtete: >«Elsass-Allgemeines», >«Bienvenu aux Saint-Cyriens»); sie hatte sich der Tradition der Akademie angeschlossen und ihren Jahrgang mit dem Namen eines berühmten französischen Offiziers versehen - jenem von Jean de Loisy.

Die «rue du 19 novembre» geht vom Platz des Bürgermeisteramtes, genannt nach der in der Nazizeit versteckt gewesenen und inzwischen wiedererrichteten Statue der französischen Nationalheiligen «Place Jeanne d’Arc» hinauf zum neuen Quartier «Dennach», dessen Infrastrukturanpassung mit Strassenkorrektion und neuem Belag von der Gemeinde zum Anlass genommen wurde, die erneuerte Brücke über den Fluss Ill auf den Namen des heldenhaften Befreiers des Sundgaus zu taufen.



Jeanne d'Arc gab dem Platz von Waldighofen den Namen, nicht etwa, weil die immerhin schön rostende Heilige ein besonderes Kunstwerk ist (es gab Dutzende von Abgüssen im ganzen Land), sondern wegen ihrer Geschichte in der Nazizeit, die mit dem Überleben der Statue zusammenhängt. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Die Gedenkdaten rund um die Befreiung des Sundgaus, des Elsass, Frankreichs und Europas sind zahlreich, zumal, wenn man auch noch die Gedenktage des Ersten Weltkriegs mitzählt. Diese Daten sind Ausdruck einer bewegten und blutigen Geschichte, die immerhin zur Gründung Europas geführt hat. Darum sind sie nicht nur wesentlich mehr als «Feiertage», sondern eben auch Rückblick im Sinne von Friedenssicherung: Wenn man weiss, was Kriege, kriegerische Handlungen mit nationalistischem Hintergrund für Unheil über die Welt (darum: «Weltkriege») gebracht haben, dann erst wird deutlich, wie wichtig es ist, der Opfer zu gedenken, die der gegenwärtige Friede gekostet hat! Und eben auch, um den Frieden in Zukunft zu erhalten!

Eigentlich hätte in Anbetracht von Obigem bei so einem Anlass die gesamte Bevölkerung Waldighofens zugegen sein müssen. Bon, es hatte zahlreiches Volk, aber die wenigsten der rund 1500 Einwohner fanden sich am Freitag, 8. Mai 2009, an der dem «Prince des Poètes Alsaciens» gewidmeten kargen «Allee Nathan Katz» ein, um am Umzug zur Brückentaufe und zur Wiederaufrichte eines alten Wegkreuzes im neuen Quartier am «Brunweg» teilzunehmen.



Der Gedenkumzug mit den Fahnenträgern und dem «Kircheschwyyzer» Gilbert Vetter von Roppenzwiller sowie Adjutant-chef Roland Fontaine (mit rotem Béret) an der Spitze auf dem Weg zur Brücke über die Ill. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Die «Harmonie de Waldighofen», erstaunlich jung besetzt, ging dem Zug voran, gefolgt von den Fahnenträgern der «anciens combattants» - darunter kaum mehr Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges, sondern allermeist alte Kämpfer aus dem Algerienkrieg. Angekommen vor der modernen Betonbrücke, deren Geländer mit den «Traditionsfarben» des «Alsace bricolage», dem dunklen Himmelblau (…) bemalt ist, stellten sich die Fahnenträger im Halbkreis auf. Unter ihnen Lieutenant Marco Gasser aus Kappelen in der historischen Parade-Uniform der Militärakademie Saint-Cyr Quëtquidan, nebst dem Viersterne-General Jacques Neuville, der in Mulhouse wohnt, weil seine Frau aus Durmenach stammt.

Bürgermeister Henri Hoff begrüsste die Gäste, erinnerte an die bewegte Baugeschichte der Brücke und schilderte die Investitionen der Gemeinde für das neuerschlossene Quartier entlang der Strasse nach Riespach, der rue du 19 novembre. Hierauf ergriff der Dorfchronist René Minéry, angetan in der Tracht des elsässischen Landmannes mit schwarzen Kniehosen, weissen Strümpfen und «Nebelspalter», dem Dreispitz, das Wort. Minéry war als Halbwüchsiger Zeuge des Eintreffens des Befreiungs-Pelotons von de Loisy.

Zuvor schon, am 14. Juni 1940, war er als «Ohrenzeuge» dabei, wie die sich vor den Nazi zurückziehenden französischen Truppen die aus der Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg stammende Brücke sprengten. Er erinnerte daran, dass einige besorgte Bürger den Kommandanten des Sprengungs-Detachements dazu bewegen konnten, nur halb so viel Dynamit einzusetzen, weil bei der zuvor erfolgten Sprengung einer Brücke in Feldbach alle Wohnhäuser in unmittelbarer Umgebung komplett zerstört worden waren.

Die darauf von den anrückenden Deutschen errichtete «Notbrücke» war zwar nur auf acht Tonnen Belastung berechnet, aber hielt bis lange nach der Befreiung ein Mehrfaches durch das von de Loisy angeführten 4. Schwadron des 2. afrikanischen Jägerregiments stand. Erst 1950 wurde sie durch eine Brücke aus armiertem Beton ersetzt, respektive 2005 mit Trottoirs verbreitert und mit neuen Kanälen für die Energie- und Wasserversorgung ergänzt.

Bevor das obligate Trikoloreband vom Bürgermeister mit der «goldenen» Schere durchtrennt wurde - dargereicht auf einem roten Samtkissen, das ein herziges Elsässer Trachtenmaitli hielt -, und nach einigen Worten des Generalrates Armand Reinhardt, segnete der Curé der interkommunalen Pfarreien, Père François Liechtlé, die Brücke - und benetzte etwas unfreiwillig auch die danebenstehenden Damen. Dann wurde die Trikolore über der Tafel mit dem Namen «Pont de Jean de Loisy» entfernt - begleitet von den rassigen Klängen der Marseillaise der Waldighofener Harmonie.

Schliesslich wurde die Zeremonie am anderen Ende der Brücke wiederholt, wo eine von René Minéry getextet und illustrierte Erklärungstafel dem Publikum Geschichte und Name der Brücke erklärt. Entlang der Strasse des 19. November stehen weitere Tafeln, die ebenfalls von Minéry und vom neugegründeten Geschichtsverein gestaltet sind und einige der wichtigsten historischen Fakten zu den entsprechenden denkwürdigen Stationen beschreiben.

Angeführt vom Curé und seinen Ministranten begab sich der grösste Teil der Gäste und der Zuschauer auf der neu geteerten, mit Velowegen ausgerüsteten und mit neugepflanzten Rabatten geschmückten Quartierstrasse hinauf zu einem Wegkreuz. Dieses war bis vor kurzem dem Verfall anheimgestellt, doch dank kulturbewusster Ortsbürger wurde es restauriert und neu aufgestellt an der Einmündung des Waldweges nach Pfirt in die Strasse des 19. Novembers.

Im Sockel des Kreuzes von 1862, an dessen Fuss der Bildhauer Jacober aus Altkirch eine kleine Skulptur mit der Darstellung Mariens und dem Leichnam Jesu gemeisselt hat, steht eine Widmung der Spenderin, die der offenbar legasthenisch veranlagte Steinmetz in Majuskeln wie folgt verfasste: «ERRICHT DURCH MATAY BUNN - MATALEHNA BRUN 1862».

Gemeint ist: Die Mutter Magdalena Brun stiftete das Wegkreuz für ihren verstorbenen Sohn Matthäus («Mattey») Brun, den der Steinmetz in fröhlicher künstlerische Freiheit zum «BUNN» ummeisselte… (Anders als bei Artikeln auf webjournal.ch, können in Stein gemeisselte «Druckfehler» eben nicht mehr korrigiert werden, sondern bleiben zur Warnung aller ungeduldigen Schreiber bis in alle Ewigkeit erhalten, zumal sie sogar sorgfältige Renovationen überstehen…)

Den Abschluss der würdevollen Feier bildete die Einladung von Maire Hoff an die Bevölkerung, in der «Salle des Associations» einen «Vin d’honneur et Kougelhopf» zu sich zu nehmen. Im Saal hatte Dorfchronist René Minéry einige Fotos und weitere Dokumente ausgestellt; allerdings ging ihm kurz vor Vollendung noch die Tinte im Drucker aus, so dass einige Fotos etwas gar zu bleich herauskamen. Wer nicht schnell genug zu den wundervollen Gugelhöpfen des früheren Pâtissiers Philippe Schmidlin griff, hatte das Nachsehen, weshalb hier deren sprichwörtliche Qualität nur vom Hörensagen beschrieben ist…

Unter den vielen Gästen am «Vin d’honneur» sah man Hubert Schertzinger, Maire von Franken, und François Litzler, Maire von Feldbach. Die Gesamtorganisation wurde übrigens wiederum und wie so oft von Oberst Michel Buecher von Pfirt verantwortet; er ist pensionierter Vehdoktor und Historiker sowie Buchautor von «Le Devoir du Mémoire». Er stellt dieses Buch, das die Geschichte der Befreiung des Sundgaus anhand der Gemeinde Wolschwiller erzählt, an der kommenden «Foire du Livre» in Saint-Louis vom Wochenende vom 15. bis 17. Mai 2009 an einem eigenen Stand vor (webjournal.ch kommt darauf zurück).


Foto-Impressionen von der Brückentaufe in Waldighofen

Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Die Harmonie von Waldighofen nimmt Aufstellung auf der Brücke.




Der «Kircheschwyyzer» in traditionellem Kostüm ist der Aufpasser in elässischen katholischen Kirchen und so etwas wie der Waibel bei öffentlichen Anlässen.




Die Eltern haben den Kindern gut erklärt, worum es hier geht.




Lieutenant «Jean Carrelet de Loisy, Saint-Cyr Quëtquidan» Marco Gasser in der traditionellen Garde-Uniform aus der Zeit Napoleons III. - dem früheren Artillerie-Offizier der eidgenössischen Armee aus dem Thurgau (!). Von links: Waldighofens Maire Henri Hoff, Maman Gasser, und in violetter Krawatte, General Jacques Neuville.




Maire Henri Hoff bei seine Ansprache - links neben ihm Colonel-vétérinaire Michel Buecher.




René Minéry vom örtlichen neuen Geschichtsverein bei seiner Ansprache - wie stets mit Humor gewürzt. Die Dame, die das Mikrophon hält, heisst Christianne Vallin und ist Directrice der famosen Mediathek von Waldighofen.




Père François Liechtlé, bereitet die Segnung der Brücke vor, wobei er die ganze Umgebung mit Weihwasser bespritzt - eine halbe Stunde später tat es ihm Petrus gleich…




Generalrat Armand Reinhardt enthüllt die Gedenktafel, zusammen mit Marco Gasser und Maire Henri Hoff.




Auf der Tafel ist der Name der Brücke angebracht: «PONT LIEUTENANT JEAN DE LOISY»




«La gerbe» - der Kranz, hier ein Blumengebinde, auf Elsässisch «Maie» oder «scheena Maie» geheissen, halten zwei «scheena Wyywelà» von den «Pumpiers», der örtlichen Feuerwehr, und warten auf den Einsatz.




Kranzniederlegung vor dem Porträt von Jean de Loisy, nach dem die Brücke getauft worden war.




Die «Pumpier-Wyywelà» salutieren zu den Klängen der Marseillaise, ebenso wie Oberst Buecher (rechts im Bild).




Der Fluss «Ill» lässt sich nicht mit jeder Typographie verständlich wiedergeben - auf der Foto des Schilds vor der Brücke aber ist die Schrift unzweideutig lesbar.




Der Geschichtsverein hat die Dokumente aus René Minérys Sammlung an verschiedenen Gedenk-Orten entlang der Strasse des 19. November angebracht und soll zumal der Jugend die Bedeutung der Ereignisse erklären helfen.




Das restaurierte Wegkreuz mit den aus Gründen der Authentizität so belassenen «Druckfehlern» in der Sockelinschrift des «legasthenischen» Steinmetzen Jacober aus Altkrich von 1862.




Am «vin d'honneur» (ohne Gugelhopf) in der «Salle des associations» fotografiert (von links): François Litzler, Maire von Feldbach; Henri Hoff, Maire von Waldighoffen; Roland Fontaine, adjoint-chef; Lieutenant Marco Gasser «Jean Carrelet de Loisy», Hubert Scherzinger, Maire von Franken; René Minéry, Dorfchronist; Mme Gasser, Maman du Lieutenant Marco Gasser. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009



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Von Juerg-Peter Lienhard

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