Artikel vom 08.05.2009

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Elsass - Allgemeines

Durmenach beispielhaft

Am Vorabend des 8. Mai 2009 - dem 64. französischen Gedenktag für das Kriegsende 1945 - hat das Sundgauer Dorf einen folgeträchtigen Beschluss getätigt, der einzigartig für das Elsass und wahrscheinlich für ganz Frankreich ist

Von Juerg-Peter Lienhard



Durmenach ist nur eine kleine Gemeinde im Sundgau, aber hat einen Gemeinderat mit Geschichtsbewusstsein und Sinn dafür, was man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann. Von rechts: Maire Dominique Springinsfeld und Colonel Michel Buecher (am Mikrophon). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


«Shoa» heisst Ausrottung. Im Sundgauer Dorf Durmenach mit dem ehemals grössten Anteil an jüdischer Bevölkerung gibt es keinen einzigen Juden mehr. Die einstmals blühende Judengemeinde wurde schon nach dem Pogrom von 1848, dem sogenannten Judenrumpel, dezimiert, und schliesslich im Zweiten Weltkrieg von den Nazis vollständig ausgerottet; die Synagoge und die Schule zerstört. 64 Jahre nach Kriegsende, am Vorabend der allenorten in Frankreich abgehaltenen Feierlichkeiten, am Donnerstag, 7. Mai 2009, hielt der gegenwärtige Gemeinderat in Durmenach eine gut besuchte und öffentliche ausserordentlichen Gemeinderatssitzung ab. Einziges Traktandum: Die Erinnerungsarbeit.

Die ausserordentliche Gemeinderatssitzung wurde in den ehemaligen Mauern der Durmenacher Synagoge, dem jetzigen Festsaal Saint-Georges abgehalten. Nebst dem mit 13 Mitgliedern fast vollzählig vertretenen Gemeinderat nahmen rund 100 Bürger von Durmenach und Gäste und Journalisten teil.

Unter dem Präsidium von Bürgermeister Dominique Springinsfeld wurde das einzige Traktandum, die kommenden Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag des Kriegsendes vom 8. Mai 1945, respektive des 64. Jahrestages der Befreiung des Sundgaus am 19. November 1944, nach einem Vorschlag von Oberst Michel Buecher aus Pfirt (Ferrette), behandelt.



Die öffentliche Gemeinderatssitzung in den Wänden der alten Synagoge, deren Fenster im Neubau des Festsaals Saint-Georges noch erhalten geblieben sind. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Oberst Buecher, im Zivilleben pensionierter Vehdoktor und akribisch recherchierender Historiker, ist Autor des Buches «Le Devoir du Mémoire» («Die Pflicht zur Erinnerung»), worin er anhand der Geschichte des Sundgauer Dorfes Wolschwiller die Befreiung des Sundgaus durch das Panzerpeloton von Leutnant Jean de Loisy für die 1. Französische Armee unter General de Lattre de Tassigny beschreibt. Buechers Recherchen und Publikationen sowie sein Engagement für die Erinnerung an den Ablauf der Befreiung des Sundgaus führten zum Gedenkprojekt von Durmenach.

Geplant ist eine grosse Gedenkfeier am Sonntag, 8. November 2009 (dabei werden die Feiern für den Waffenstillstand 11. November 1918 sowie den 64. Gedenktag der Befreiung des Sundgaus am 19. November 1944 zusammengelegt). Die Feier umfasst nebst einem interreligiösen Gedenkgottesdienst auch eine Zeremonie vor dem Gefallenendenkmal und den christlichen und jüdischen Friedhöfen. Ferner soll ein Gedenkstein mit einer Inschrift vor den Mauern des Festsaales und früherer Synagoge aufgestellt werden; der Text ist von allen Gremien und Behörden bereits abgesegnet (Text siehe unten).

Einzigartig und erstmals im Elsass, und wohl auch in ganz Frankreich, dürfte jedoch die separate Errichtung einer Stele sein, die am Gefallenendenkmal der beiden Weltkriege angebracht werden soll: Sie soll die Namen der 17 zivilen Opfer des Naziterrors eingemeisselt enthalten. Unter diesen Opfern sind nicht nur Juden, sondern auch ein Zigeunerkind aufgeführt.

An den «Monument aux Morts» geheissenen Gedenkstätten werden in Frankreich in aller Regel nur die militärischen Opfer verzeichnet. Da und dort sieht man Gedenktafeln an Häusern oder an anderen Orten, womit an die Verschleppung und Ermordung einzelner Personen erinnert wird. Aber eine eigentliche gemeinsame Namensnennung der Terroropfer des «Holocaust» oder der «Shoa» gibt es nicht, weshalb die Initiative Durmenachs beispielhaft für die Erinnerungsarbeit in Frankreich ist.

Nicht allein Juden, sondern geistig und körperlich Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Widerstandskämpfer und Intellektuelle sowie Polen und Russen, fielen der Shoa, der «Ausrottung», der Nazis zum Opfer. Nebst sechs Millionen Juden haben die deutschen Verbrecher nochmals sechs Millionen Menschen «liquidiert» , so dass man heute von einer Gesamtzahl von nicht in Kampfhandlungen, sondern durch Verfolgung umgebrachter Menschen von insgesamt zwölf Millionen Shoa-Opfern ausgeht.

Colonel Buecher hatte sein Projekt an den Gemeinderat Durmenachs mit einer ausführlichen Dokumentation belegt und bereits grosse Vorbereitungsarbeit für die Organisation des Gedenktages im November 2009 geleistet. Zwar kommentierte Maire Springsinfeld das Projekt ausführlich - zumal die Gemeinnderatssitzung öffentlich war und Gäste eingeladen worden waren -, doch die Abstimmung darüber, ob die Gemeinde das Gedenk-Organigramm und -Projekt von Oberst Buecher gutheissen und ihm das Organisations-Mandat übertrage, ist diskussionslos und einstimmig von den 13 anwesenden Gemeinderäten angenommen worden.

In der anschliessenden Fragebeantwortung drehten sich die Voten um Details. Der Vertreter der jüdischen oberrheinischen Gemeinden, Ivan Geismar, erklärte zudem, dass der Begriff «Shoa» zwar aus dem Hebräischen stamme, aber nicht nur jüdische Menschen betreffe, sondern Ausdruck für «eine grosse Katastrophe» sei. Insofern sei es selbstverständlich, dass der Name des Durmenacher Zigeunerbuben ebenfalls auf der von den oberelsässischen Judengemeinden gestifteten Stele figuriere, zumal es ja um das Opfergedenken an die Ermordeten des Orts gehe.

Nach dem Gutheissen des Projektes schilderte der Oberst hierauf den provsiorischen detaillierten Organisationsablauf und vergab Aufgaben und Ämtlein an die zuvor angefragten Personen. Der Gedenktag im November 2009 dürfte ein grosses mediales Interesse wecken, zumal nationale Würdenträger aus Politik und religiösen Organisationen ihre Zusage signalisiert haben.

Durmenach war bis 1848 eine Ortschaft mit 980 Einwohnern, wovon 56 Prozent jüdischen Glaubens waren. Als Folge der antijüdischen Ausschreitungen im Elsass während der Pariser Revolte 1848, dem elsässisch «Judenrumpel» geheissenen Pogrom *), flüchteten viele Durmenacher Juden in die Schweiz, nach La Chaux-de-Fonds, Delémont und Basel, und nur noch eine Minderheit blieb im Sundgauer Dorf, wo schliesslich die Nazis Synagoge und Schule aufhoben und ansässig gebliebene Juden ermorden liessen.




Alter Druck mit Darstellung des Judenrumpels von 1848 (im Besitz von J.-P. Lienhard): Knapp hundert Jahre später von den Nazis erneut verursacht. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


*****

Der Text der Gedenktafel, die in der ehemaligen Synagoge von Durmenach angebracht werden soll:


En souvenir de l'importante communauté juive installée à Durmenach depuis le XVe siècle.

La communauté juive, touchée par le "Juderumpel" de 1848, véritable émeute anti-juive au cours de laquelle 75 maisons juives furent incendiées, prit une part active au développement de la commune au XIXe siècle.

Représentant plus de 56 % de la population en 1846, elle fit preuve d'un engagement politique permanent au sein du conseil municipal avec un maire, Aaron Meyer, et de nombreux conseillers municipaux.

Elle montra un esprit d'initiative en se dotant de structures cultuelles avec un rabbinat de 1802 à 1910, une école juive, une synagogue et un cimetière.



Übersetztung:

Im Andenken an die bedeutende jüdische Gemeinschaft, die seit dem 15. Jahrhundert in Durmenach entstanden war.

Die jüdische Gemeinde, Opfer des «Judenrumpels» von 1848, einem antijüdischen Aufruhr, in dessen Folge 75 Häuser angezündet worden waren, war wesentlich am Aufschwung der Gemeinde im 19. Jahrhundert beteiligt.

Sie stellte 56 Prozent der Bevölkerung von 1846 und bewies einen beständigen politischen Einsatz im Gemeinderat und stellte neben zahlreichen Gemeinderäten mit Aaron Meyer auch einen Bürgermeister.

Sie bewies Initiative, indem sie kulturelle Strukturen mit einem von 1802 bis 1910 wirkenden Rabbinat versah, eine jüdische Schule, eine Synagoge und ein Friedhof errichtete.


*****

jpl.- Ergreifend, was sich da in den Wänden der früheren Synagoge in Durmenach abspielte: Den Händen des Bürgermeisters Dominique Springinsfeld sah man an, dass er eher mit den Händen arbeitet - er ist Bauer. Doch was er in seiner ausführlichen Einführung zur ausserordentlichen Gemeinderatssitzung sprach, nur ab und zu auf seine Notizen blickend, das hatte durchdacht «Hand und Fuss», war Zeugnis intellektueller Leistung, zumal Gesinnung!

Auch im anschliessenden Interview vor der Videokamera sprach er unaufgeregt, knapp und präzise, aber vor allem mit einer Überzeugungskraft, die beeindruckte, weil sie so ehrlich ist: Ihm, der lange nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren worden ist, sei unverständlich, wie ein Einzelner die ganze Welt in den Abgrund reissen konnte - vor allem mit welchem unerbittlichen Hass. Und doch sei es geschehen, weshalb die Erinnerung an die Katastrophe, an der auch sein Dorf in früherer Zeit Mitschuld trage, eben auch Pflicht sei für die Bürger dieser und der kommenden Generationen.

Wenn man bedenkt, dass in Frankreich in jeder, wirklich jeder der über 36’000 Gemeinden, und sei sie ein noch so winziges Nest, ein Gedenkmonument für die Toten der Weltkriege steht - wir Schweizer können uns das nicht vorstellen! Es bedeutet augenfällig, dass in jedem Dorf ungeheuer Leid zu beklagen war und ist, zumal oft noch Wunden bis heute nicht verheilt sind! Wir Schweizer sollten uns unglaublich dankbar zeigen, von Kriegen wie in anderen europäischen Ländern verschont geblieben zu sein.

WEIL ANDERE DAFÜR BLUTETEN!

Tomi Ungerer, der grossartige Künstler und Künstler-Philosoph, hat in seinem jüngsten Aphorismen-Bändchen den Satz festgeschrieben: «Der Rhein, der Europa einst teilte, ist zu seiner Wirbelsäule geworden.» So betrachtet, fehlt es uns Schweizern an Rückgrat, weil wir an dieser Wirbelsäule nicht teilhaben, denn der Rhein ist für uns immer noch Grenzfluss; das Wort Solidarität ist für uns ein Fremdwort. Und Herr Ueli Maurer redet dreist von «der besten Armee der Welt», die unsere von UBS-Abzockern und Steuerflüchtlings-Profiteuren beherrschte Alpenrepublik sichert…


*) Daniel Gerson: «Die antijüdischen Ausschreitungen im Elsass 1848», Lizenziatsarbeit, Universität Basel, Historisches Seminar, in Buchform unter dem Titel «Die Kehrseite der Emanzipation in Frankreich. Judenfeindschaft im Elsass 1778 bis 1848», erschienen 2006. Herausgegeben für das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, erschienen bei Klartext Medienwerkstatt, Essen. ISBN 3-89861-408-5


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