Artikel vom 19.01.2009

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Basel - Kultur

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«Wild Maa»-«Vogel Gryff»

Der Dienstag, 20. Januar 2009, steht im Jahr des Ehrenzeichens der Gesellschaft zur Hären

Von Jürg-Peter Lienhard



«Wild Maa»-Jahr - seine Figur stammt aus dem Elsass. Alle Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Erwin Hensch, Webmaster der Internetseite «Vogel Gryff»


BASEL. red.- Am Dienstag, 20. Januar 2009, feiert das Kleinbasel seinen höchsten Feiertag: Den «Vogel Gryff». Er ist einer der geschichtsträchtigsten Volksbräuche Europas. Nachweislich geht der Brauch über 600 Jahre bis tief ins Mittelalter zurück. Der Anlass hat nichts mit der Basler Fasnacht zu tun, obzwar er gleichwohl gewissermassen den Auftakt dazu gibt und ebenfalls im Turnus von drei Jahren zu jeweils anderen Tagen im Januar stattfindet; am 13., 20. oder 27. Januar. Dieses Jahr steht das Fest im Zeichen des «Wild Maa» und beginnt traditionellerweise mit dessen Ländung per Floss nach der Mittleren Rheinbrücke kurz vor 12 Uhr und dauert bis Mitternacht.

Am «Vogel Gryff»-Tag, genannt nach einer der drei heraldischen Figuren, den «Ehrenzeichen» der Gesellschaften (Zünfte) «zum Greifen» (Wappentier «Vogel Gryff»), «zur Hären» (Wappen «Wild Maa») und Rebhaus (Wappentier «Leu» oder altbaslerisch «Lai»), ziehen die drei Wappenfiguren mit drei Tambouren, drei «Bannerherren» (Fahnenträger) und vier «Ueli» (den maskierten Almosensammlern) durchs Kleinbasel.



Es bummst mächtig unter der Mittleren Brücke, und im Puverdampf sieht man den tanzenden «Wild Maa», und wie er kurz vor der Landung sein samt Wurzel ausgerissenes Tannenbäumlein in den Fluten des Stromes wässert, um damit die dreisten Buben zu bespritzen, die einen der Äpfel an seinem Lendengestrüpp oder gar von seiner wilden Haarpracht rupfen wollen.


Stets macht der «Wild Maa» den Auftakt, indem er unter enorm lauten Böllerschüssen auf einem Floss den Rhein hinuntertreibt und unterhalb der Mittleren Rheinbrücke an Land geht, wo er von den anderen beiden «Ehrenzeichen» erwartet wird. Danach geht das Trio auf die Mittlere Rheinbrücke, aber genau nur bis zur Mitte, der Grenze zwischen Gross- und Kleinbasel, wo es den Hintern zum Grossbasel zuwendet. Dann beginnt ein streng reglementierter und komplizierter Tanz der drei, dessen Takt von den Trommelklängen vorgegeben wird. Den Anfang macht jedes Jahr das «Ehrenzeichen», das den jährlich wechselnden Vorsitz der drei Ehrengesellschaften repräsentiert.

Der Ursprung des «Vogel Gryff» ist militärischer Art, der aber im Laufe der Zeit vergessen gegangen ist: Im 14. Jahrhundert betrauten die drei Ehrengesellschaften den Wachtdienst auf den Zinnen der Kleinbasler Stadtmauer und führten die Musterung durch. Die jährliche Inspektion endete mit einem Umzug durch den rechtsrheinischen Stadtteil und einem anschliessenden Bankett. Die Korporationen übernahmen nach der Reformation mehr und mehr wohltätige Aufgaben, und noch heute sammeln die «Ueli» für einen guten Zweck.

Jeder der drei Ehrengesellschaften gehören genau 150 Mitglieder an - ausschliesslich Männer! Voraussetzung ist der Wohnsitz im Kleinbasel oder ein bedeutsames Grundeigentum in diesem Stadtteil und das Bürgerrecht der Stadt. Die Mitglieder gelten als angesehen, sind meist Gewerbetreibende, Krämer, Wirte oder Beamte. Sie nehmen teil am gemeinsamen Umzug ihrer «Ehrenzeichen» und am traditionellen «Gryffemähli» im Restaurant «Café Spitz» am Kleinbasler Brückenkopf. Bei diesem Mittagessen hält der «Vorgesetzte Meister» der jeweiligen «federführenden» Ehrengesellschaft eine Rede, die eine humorvolle, oft politisch durchsetzte «Büttenrede»ist und dann und wann zu Skandalen nach der Feier führte.

Nach dem Mittagessen wandern die drei Ehrenzeichen mit den Gesellschaftern durchs Kleinbasel, wo sie ihre Reverenz bei Vorgesetzten abgeben, aber auch unterstützungwürdige Institutionen und Sozialwerke besuchen - traditionellerweise stets auch das Waisenhaus. Da wird immer ein Umtrunk gereicht, und der Umzug geht bis Mitternacht… Für das Kleinbasler Volk ist aber Freinacht weit über Mitternacht hinaus…

Das Regelwerk des Festes ist enorm und beschäftigt die aktiven Teilnehmer übers ganze Jahr: Die Kostüme brauchen Pflege, müssen nach einer Generation oft ersetzt werden, aber müssen ihr traditionelles Design streng beibehalten. Die Männer, die die drei «Ehrenzeichen» ausspielen, müssen lange Trainingsstunden für die Tanzschritte absolvieren - unter strengen Augen von Instruktoren, die sich in der Tradition genauestens auskennen. Der imposante «Kopf» des «Vogel Gryff» wiegt gut 30 Kilo; die Maske des «Wild Maa» und «Leu» hingegen um die sechs Kilo.



Marsch der Tambouren zur Mitte der Mittleren Brücke, wo der Haupttanz der drei Ehrenzeichen beim Käppelijoch stattfindet - unter enormem Gedränge von alt und jung.


Der «Wild Maa» stammt - wie könnte es anders sein - aus dem Elsass. Marc Grodwohl, der Gründer des Ecomusée d'Alsace, belegte seine Spuren in der denkwürdigen Ausstellung von 2006 zur Geschichte der Sankt-Nikolaus-Figur am Oberrhein: Der «Wilde Mann» ist der Vorläufer unseres Sankt Nikolaus (siehe Link am Schluss zum ausführlichen Artikel). Der «Wilde Mann» war ursprünglich ein Ausgestossener der Gesellschaft, einer ohne Grundbesitz und fester Behausung. Er hauste in Laubhütten und Höhlen in den schwer zugänglichen Wäldern der Vogesen oder des Schwarzwaldes und kleidete sich, womit er sich eben kleiden konnte: Mit Fellen von gewilderten Tieren, mit Blätterwerk, Hörnern oder Geweihen, die er auf dem Kopf festmachte, um bei seinen Schleichjagden auf Wild perfekt getarnt zu sein und schwärzte dazu auch sein bärtiges, verwittertes Gesicht.

Während man den Kindern Angst mit diesem deshalb auch «Schwarzer Mann» geheissenen Waldbewohner machte, ist aber ebenso verbürgt oder wird in Sagen berichtet, dass der «Wilde Mann» besonders fürsorglich zu Kindern war, die sich entweder im Wald verlaufen hatten oder von Adeligen zwecks Erbfolgebetrug ausgesetzt worden waren. Die Aussetzung geschah oft aus fadenscheiniger Moral (Ettichos Odilie), um den Vorwurf des Kindsmordes zu umgehen, aber in der Hoffnung, es täten dies dann wilde Raubtiere… So lässt sich der Kreis des Wilden Mannes bis zum Sankt Nikolaus schliessen - beide verkörpern übrigens in sich das Gute und das Böse in derselben Gestalt. Ein Widerspruch für die spätchristliche Lehre, die Himmel und Hölle, Teufel und Engel erfand und damit die in der menschlichen Natur verankerte Ambivalenz «entmenschlichte» - aber lassen wir das…

In unserer Schwesterstadt Mülhausen, ehedem einer der beiden «Zugewandten Orte der Alten Eidgenossenschaft», heisst eine der Haupt-Geschäftsstrassen im Stadtkern «Wilder-Mann-Gasse» - heute allerdings französisiert «rue de l'homme sauvage» geheissen. Es gibt dort in der Nähe auch eine Gaststube namens «Guillaume Tell», und das Rathaus ist eine getreuliche Kopie des Berner Rathauses. Es beherbergt heute aber das Historische Museum, und an seiner Fassade, die in Genoveser «Tromp l'oeuil»-Technik bemalt ist, prangen auch die Insignien der 13 Alten Stände, was die meisten Basler nicht wissen und vor allem nicht warum…

Schicken Sie Ihre Kinder zum Vogel-Gryff-Fest um Viertel vor Zwölf am Dienstag, 20. Januar 2009, und lassen Sie sie gut aufpassen, wie die Tanzschritte des «Wild Maa» und danach von «Vogel Gryff» und «Lai» aussehen. 600 Jahre alt ist der Brauch und sollte, wenn die Alten den Brauch an ihre Kinder weitergeben, sicher nochmals so alt werden dürfen: Er ist zu schön, um vergessen zu werden - und dient erst noch einem guten Zweck!



Die «Ueli» - die Basler Version von Ulrich - sammeln laut klimpernd mit ihren Büchsen Almosen für Bedürftige oder für einen sozialen Zweck. Es ist eine absolute Ehrensache, dass man eine grosse Münze in das Kässeli wirft, wenn der Ueli es einem vor die Nase hält!


Verkehrs- und Trambehinderungen am «Vogel Gryff 2009»


Die Mittlere Rheinbrücke wird am Dienstag, 20. Januar 2009, von 11.20 Uhr bis 12.20 Uhr gesperrt. Die Strecke Greifengasse–Claraplatz–Clarastrasse–Messeplatz wird von 12.05 Uhr bis 12.15 Uhr ebenfalls für den gesamten Verkehr gesperrt werden.

Die Umleitungen:

• Die Linie 6 verkehrt ab Schifflände via St. Johann–Voltaplatz–Dreirosenbrücke–Feldbergstrasse–Claraplatz–Messeplatz nach Riehen Grenze und auf dem selben Weg zurück. Während der Sperrung der Clarastrasse verkehren die Kurse ab Messeplatz via Brombacherstrasse nach Dreirosenbrücke.
• Die Linie 8 verkehrt ab Bankverein via Kunstmuseum–Wettsteinplatz–Messeplatz–Claraplatz–Feldbergstrasse–Dreirosenbrücke nach Kleinhüningen und auf dem selben Weg zurück. Während der Sperrung der Clarastrasse fährt die Linie 8 ab Dreirosenbrücke via Voltaplatz–St. Johann nach Schifflände.
• Die Linie 11 verkehrt ab Messeplatz via Wettsteinplatz–Kunstmuseum nach Bankverein.
• Die Linie 14 fährt ab Bankverein via Kunstmuseum–Wettsteinplatz–Messeplatz nach Dreirosenbrücke.
• Die Linie 15 verkehrt ab Bankverein via Barfüsserplatz nach Schifflände.
• Die Linie 34 fährt ab Bottmingen bis Schifflände und von Riehen bis Claraplatz (keine durchgehende Verbindung).




Niggi-Näggi-Bescherung in der Arme-Leute-Häfelischuel 2008 - die von den Ueli gesammelten Batzen machten es möglich!


Version française «Vogel Gryff»

«Vogel Gryff» - c'est le nom de la journée folklorique des trois figures allégoriques qui défilent en I'honneur des trois corporations de Petit Bâle: le Griffon de la corporation «zum Greifen», le Sauvage de la corporation «zur Hären» (Hären est un vieux mot qui désigne le filet des oiseleurs) et le Lion de la corporation «zum Leu».

Cette journée est placée chaque année sous l'égide d'une des corporations et se déroule le 13, le 20 ou le 27 janvier. Les trois personnages circulent ce jour-là dans Petit-Bâle, sur la rive droite du Rhin. Ils sont accompagnés de trois tambours, de trois porte-drapeaux et de quatre «Ueli». Ces derniers, au costume traditionnel mi-partie, collectent de l'argent pour les nécessiteux. A chaque arrêt du cortège, le Lion, le Sauvage et le Griffon présentent leur danse traditionnelle.

Au Moyen Age, les corporations avaient entre autres pour tâche de faire le guet sur les remparts de la ville. L'inspection annuelle de l'équipement militaire se terminait par une marche à travers Petit-Bâle suivie d'un banquet. Les trois corporations participent à cet événement depuis le 16e siècle. A l'origine, chacune avait sa propre journée. Depuis 1838, le défilé et le banquet «Gryffemähli» se déroulent en commun.

Les tâches militaires sont depuis longtemps reléguées dans l'oubli; mais le défilé, le banquet et l'influence des trois corporations sur la vie de Petit-Bâle sont restés. Les corporations s'engagent à différents niveaux pour leur quartier et cultivent la tradition de la journée du Vogel Gryff.

Chaque corporation compte environ 150 membres et est dirigée par un maître assisté de six notables. Pour entrer dans la corporation, il faut habiter à Petit-Bâle ou du moins, pour ceux qui habitent dans le canton de Bâle-Ville, y posséder une propriété. Le candidat doit avoir 18 ans, être masculin, citoyen de Bâle et de bonne réputation.

La fête commence au matin sur le Rhin, lorsque le Sauvage descend en radeau jusqu'au pont «Mittlere Brücke», et où il est accueilli par ses deux comparses. Elle se termine tard dans la nuit par une dernière danse traditionnelle des trois personnages. Ensuite, les assistants restent encore longtemps à savourer les derniers instants de cette mémorable journée...



2007: La danse des trois insignes de corporations sur la place de la foire de Bâle. Photo J.-P. Lienhard, Bâle © 2009

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Der «Wilde Mann» und der Nikolaus

• Mehr erfahren Sie auf der Homepage «Vogel Gryff»

• «L'homme sauvage» - ethnologischer Aufsatz von Marc Grodwohl (frz.)


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