Artikel vom 05.05.2008

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Ottokars Cinétips

Jenseits jeder Moral

Die Brüder Andy und Hank sammeln die Trümmer ihrer Existenz ein - in einem grandios spannenden Kriminalfilm....

Von Ottokar Schnepf



...mit hervorragenden Schauspielern wie Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke.


Sidney Lumet, der vor fünfzig Jahren mit seinem Erstling «Twelve Angry Men» («Die zwölf Geschworenen») Weltruhm erlangte und danach mit bis jetzt 50 Filmen wie «Dog Day Afternoon», «Network», «The Pawnbroker» weiterhin Filme sowohl für ein grosses wie für ein aufmerksames und kluges Publikum drehte, wartet jetzt als 83-Jähriger mit einem neuen Film auf.

In seinen 1995 veröffentlichten Selbstzeugnissen gibt sich Altmeister Lumet als sachlicher, gelassener Regisseur zu erkennen, der seine Arbeit mit grosser Präzision vorausplant und durch intensives Proben den gesamten Aufnahmeprozess verkürzt. Dabei erweist er sich als Autorenfilmer, denn er zeichnet selbstverständlich verantwortlich für die endgültige Form des Drehbuchs und hat sich auch das Recht erstritten, den Final Cut, die Montage bis zum Schluss zu bestimmen. Ein Ausnahmefall heutzutage, wo selten ein Film an der persönlichen Handschrift des Regisseurs zu erkennen ist.

Lumets neuer Film «Before the Devil Knows You're Dead» ist nicht etwa eine Komödie, sondern ein grandios spannender Kriminalfilm - ähnlich wie sein «Serpico» und «Prince of the City» - der sich mit den kürzlich überraschend preisgekrönten mainstream-Streifen «No Country for Old Men» und «There Will Be Blood» messen kann.

Doch «Before the Devil Knows Yo're Dead» kommt nicht ins Kino, weiss der Teufel warum nicht. Das ist bedenklich, kommen doch jede Woche mehr als nur eine Handvoll neue Filme in die Kinos, die meisten davon von minderer Qualität, ohne künstlerischen Anspruch und bestimmt für ein Publikum zwischen 16 und 25 Jahren.

Bei Durchsicht der bis Ende Jahr angekündigten (Mach–) Werke verheissen schon bereits die Titel nichts Erfreuliches. «Es soll nur niemand kommen und sagen, man müsse jedem Geschmack etwas bieten, jetzt, da wir unterhalb jeglicher Geschmacksgrenze angekommen sind» - dieser Satz von Filmtheoretiker André Bazin ist zwar Jahrzehnte alt, aber war noch nie so treffend wie heute.

Und anstelle von wirklich echten Kinofilmen wie z.B. eben Lumets «Before the Devil...» werden haufenweise Dokumentarfilme ins Kino geschleust, zu denen schon Jean Renoir (« La Grande Illusion») einst sagte, es sei das «am wenigsten authentische Filmgenre überhaupt».

Doch zurück zu Lumets Film, auf den wir vergebens warten, den es aber auf DVD gibt. Was die Vorenthaltung des Films für das Kino nicht rechtfertigt, denn beinahe alle Filme sind bereits vor dem Kinostart als DVD erhältlich: Wie viele tausend andere Filme ist «Before the Devil......» natürlich für den TV-Bildschirm - und mag er noch so gross sein - nicht geeignet. Doch richtige Kinofans haben heutzutage einen Beamer und geniessen die Filme in einer angemessenen Bildgrösse von mindestens 3-4 Meter Breite…

Jetzt aber zu Lumets erbarmungslosen Familiendrama in einem der packendsten Filme der letzten Zeit. Old Lady Gina Hanson verkauft seit Jahren Juwelen in ihrem kleinen Laden. Bis eines Morgens ein nervöser Mann hereinkommt, eine Pistole zieht und ihr befiehlt, die Vitrinen zu öffnen. Der Raubüberfall geht schrecklich schief, der Verbrecher stirbt und Mama Hanson liegt im Koma. Das ist der Ausgangspunkt für den Thriller, in dem Sidney Lumet aus mehreren Perspektiven die Vor- und vor allem die Nachgeschichte dieses Überfalls erzählt.

Es ist im Kern eine Familiengeschichte. Der Räuber war ein gedungener Komplize, die Anstifter für den Überfall auf das Geschäft der eigenen Eltern waren die Brüder Andy und Hank Hanson. Schon nach wenigen weiteren Minuten des Films ist die Situation hoffnungslos verfahren, wird die Sache erst richtig spannend. Die besorgten Söhne haben am Krankenbett der Mutter alle Hände voll zu tun, die Spuren ihrer Mittäterschaft zu beseitigen, und anderes mehr.

In mehrfacher Hinsicht ist dies ein Film über Generationen. Lumet verbindet die Qualität kleiner, dreckiger Gaunerfilme, wie sie in den fünfziger Jahren gemacht wurden, mit den Lebenswelten des modernen, kalten Kapitalismus - und erzeugt auf allen Ebenen gleichermassen Spannung: als Thriller, als Familiendrama, als moralische Fabel, als Gegenwartsdiagnose.

Kein anderer Film passt so genau in die globale Finanzkrise, die hier aus der Perspektive einer brüchigen Mittelklasse erscheint. Ein durch und durch souveräner Film, handwerklich perfekt inszeniert, lässt er keine Sekunde Langeweile aufkommen.

Neben Hoffman und Hawke als Andy und Hank spielt Albert Finney den Patriarchen der Familie, einen unleidlichen Mann, in dessen schlechter Laune und Selbstmitleid sich die Probleme der Söhne zu spiegeln scheinen.

Von Ottokar Schnepf

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